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Digitaler Wahlkampf Gegen Meinungsmanipulation im Netz

Der Bayerische Rundfunk geht verstärkt gegen Fake News, Radikalisierung und Hetzpropaganda in den Medien und Sozialen Netzwerken vor. Das Team "BR Social Listening und Verifikation" überprüft nicht nur Aussagen, Zahlen und Zitate auf Richtigkeit und Wahrheitsgehalt, sondern ist auch immer am Puls der Themen, die Menschen in den Sozialen Netzwerken bewegen. Zum Endspurt des Bundestagswahlkampfes haben wir mit Team-Leiter Stefan Primbs gesprochen:

Von: Daniela Wartelsteiner

Stand: 19.09.2017

Wie ist der Stand der Dinge in den letzten Tagen des Wahlkampfes?

Ein Teil des Teams von Social Media und Verifikation (von links): Stefan Primbs, Jenny Stern, Michael Eberle, Stephan Rometsch und Hardy Funk

Wir stellen fest, dass mit sehr harten Bandagen gekämpft und auch persönlich attackiert wird. Das schlägt sich im täglichen Wahlkampf nieder: Wenn die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei Wahlkampfveranstaltungen brutal angegangen wird und etwa als "Volksverräterin" oder als "Eidbrecherin" bezeichnet wird. Diese Wut und, dass man dem Gegner nicht einmal guten Willen unterstellt, erschwert den Dialog. Das sehen wir auch in der Analyse der Social-Media-Aktivitäten: Es findet zwischen bestimmten Wutbürger-Gruppen und dem breiten politischen Spektrum kaum noch argumentativer Austausch statt. Vereinfacht formuliert: Einen Teil der Leute kann man gar nicht mehr erreichen, weil sie keine Argumente mehr hören wollen. Wir können aber nur mit Tatsachen argumentieren, eine Faktenbasis liefern. Immerhin versetzen uns Techniken wie das Social Listening in die Lage, eine bessere Übersicht über die Diskurse zu gewinnen - um zu reagieren.

Was ist das Besondere am deutschen Wahlkampf?

In Abgrenzung zum US-Wahlkampf: Klassische Fake News wie bei den Wahlen in den USA, die völlig frei erfunden waren – wie beispielsweise die Meldung "Papst Franziskus unterstützt Trump" – haben bislang in Deutschland kaum eine dominierende Rolle gespielt. Dafür gibt es mehrere Gründe, die nicht alle zwingend mit Politik zu tun haben: Etliche Fake News im US-Wahlkampf wurden aus Profitgier ins Netz gestellt. Die "Faker" haben Sensationsschlagzeilen erfunden, um damit Klicks und Einnahmen zu generieren. Der deutsche Markt ist für dieses "Geschäftsmodell" wohl zu klein.

Welche besonderen Vorkommnisse gab es in Ihrer Arbeit bislang?

Wir haben beispielsweise Fakten gecheckt, die in diesen Wahlkampfduellen und sonstigen Wahlsendungen aufkamen, oder haben uns mit Statistiken und deren Interpretationen beschäftigt. Das war und ist unsere tägliche Arbeit. Wir arbeiten eng mit anderen Abteilungen im BR zusammen, beispielsweise auch mit dem "faktenfinder" der Tagesschau. Ein ganz wichtiger Punkt im deutschen Wahlkampf sind aber bestimmte Mechanismen. Ein Beispiel: Wenn Alice Weidel (AfD-Spitzenkandidatin) beispielsweise die ZDF-Politiksendung "Wie geht’s Deutschland?" vor laufender Kamera verlässt, dann muss man damit rechnen, dass das ein geplanter Eklat gewesen sein könnte. Jedenfalls gibt es Anzeichen dafür, dass es vorher schon vorbereitet wurde - mit dem Ziel, möglichst viele Menschen auf das AfD-Narrativ "die etablierten Medien benachteiligen uns" zu lenken.

Ist das ein Fehler?

Natürlich darf man das Thema nicht verschweigen. Die Frage ist nur, wieviel man berichtet und wie groß man berichtet und in welcher Form man berichtet. Insofern ist es wichtig, dass Medien - in diesem Fall nicht wir - herausgefunden haben, dass der Eklat möglicherweise vorbereitet war. Da kann man die Strategie offenlegen: Es geht darum, Schlagzeilen zu machen und sich als Opfer der Medien darzustellen.

Wann wird denn Propaganda illegitim?

Illegitim wird die Propaganda dann, wenn mit Falschbehauptungen argumentiert wird. Oder wenn korrekte Zahlen benutzt werden, um einen falschen Eindruck zu erwecken.

Gibt es für Sie und Ihr Team dennoch Möglichkeiten, da anzusetzen?

Wir sind nicht die, die mit der Moralkeule daherkommen. Die Versachlichung und die Erklärung sind uns sehr wichtig. Wir sagen: Leute, das sind die Zahlen, das sind die Fakten, so sind sie erhoben worden und nur soweit kann man sie interpretieren. Oder: Das ist das korrekte Zitat, und so wurde es aus dem Zusammenhang gerissen, verzerrt. Und wir werden wirksam, indem wir die Mechanismen offenlegen, damit die Menschen selbst in die Lage versetzt werden, diese zu erkennen.

Wieviel hatten Sie in der heißen Phase des Wahlkampfs zu tun?

Die Wahlsendungen, Plakate und der Internet-Wahlkampf haben uns schon viel Stoff geliefert. Wir suchen uns ja unsere Arbeit auch selber. Wir machen dann zum Beispiel Erklär-Stücke fürs Netz. Zusammen mit BR Data haben wir eine aufwändige und methodisch komplexe Untersuchung über Social Bots veröffentlicht.

Diese Social Bots sind doch so einfach. Erreichen sie die Menschen überhaupt?

Bei einem Wahlkampf spielen sehr viele Elemente zusammen: Es gibt das Fernsehen, die Medien, Plakate, Veranstaltungen und den Haustürwahlkampf. Wichtig sind dabei Agenda Setting und Meinungsmache auf Twitter, Facebook und Co. Die Beeinflussung durch Social Bots und Fake-Accounts ist in dieser Riesenmaschine nur eine Stellschraube, aber auch diese hat Effekte. Viele dieser Bots unterstützen eher rechte Positionen im Wahlkampf.

Kommen aus den anderen Redaktionen des BR Anfragen an Sie nach dem Motto: Überprüft das mal?

Austausch unter Kollegen ist wichtig: Michael Eberle, Stephan Rometsch und Rainer Aul (vom Studio Franken) und Hardy Funk

Ja, zum Beispiel haben uns Kollegen auf Hetz-Inhalte aufmerksam gemacht, die sie über WhatsApp-Gruppen zugespielt bekamen. Da wurde Angst vor "Massen" von Flüchtlingen geschürt, die angeblich auf dem Weg von Italien nach Deutschland wären. Da halfen uns die Studios Rom und Wien mit ihren Einschätzungen. Mit dem Hauptstadtbüro des BR entstanden Recherchen etwa zum Familiennachzug oder angeblichem Heimaturlaub von Flüchtlingen. Kollegen aus dem Ressort Wissen halfen in Sachen Diesel/Stickoxide, als es im Bereich Aktuelles einen Bedarf dafür gab - um nur ein paar Beispiele zu nennen. In Sachen "Verifikation von Augenzeugenmaterial" waren wir unter anderem im Einsatz in Sachen Schießerei im S-Bahnhof Unterföhring. Wir selbst konzentrieren uns bei Themen hauptsächlich auf das Web. Und wir versuchen, in den Redaktionskonferenzen unsere Erkenntnisse und Themen so einzuspeisen, sodass unsere Arbeit sich auch in TV und Radio niederschlägt.

Wie viele Themen kommen denn bei Ihnen zusammen?

Es sind ca. zwei bis drei "Artikel" pro Woche, daneben Hintergrundrecherchen. Intensiv recherchierender Journalismus und auch das systematische Durchkämmen der sozialen Netzwerke (Social Listening) sind aufwändig und brauchen Zeit. Zwei Redakteure und ein Dokumentar arbeiten dafür zusammen.

Mit welchen Szenarien rechnen Sie in den letzten Tagen vor der Wahl?

Wir wissen nicht, was passieren wird, aber wir sind "on hold". Ganz heiß könnte es werden, falls – wie bereits zwei Tage vor dem Wahltag in Frankreich geschehen – irgendwelche "Leaks" auftauchen. In Frankreich war es offenbar so, dass die veröffentlichten Dokumente zum Teil authentisch waren, zum Teil auch Fälschungen enthielten. Man weiß ja, dass die Bundestagscomputer angezapft worden sind, und niemand hat bislang diese E-Mails und anderes vertrauliches Material veröffentlicht, was aber passieren könnte.

Gibt es neben diesem Szenario noch weitere?

Ja, Wahlfälschung oder Wahlfälschungsgerüchte. Da reicht ein Blick nach Österreich, wo die Wahl wiederholt werden musste.

Was bringt das Social Listening?

Durch das Social Listening ist der BR einfach näher dran an den Themen und Diskursen der Menschen im Netz. Das ersetzt nicht das Lesen von anderen klassischen Leitmedien - ergänzt aber das Bild. Und es führt uns in die Themen von sozialen Milieus, die ganz anders ticken als die Mehrzahl der Journalisten. Wie wichtig das ist, lehrte uns auch der US-Wahlkampf, wo große Teile der etablierten Medien offenbar nicht auf dem Schirm hatten, wie die Debatte fern der Metropolen an den Küsten läuft.

Wie wirken sich Filterblasen auf uns Nutzer aus?

Von links: Jenny Stern, Michael Eberle und Stephan Rometsch

In einer "Filterblase" oder "Echokammer" ist man, wenn man ausschließlich von Nachrichten und Informationen umgeben ist, die einen selbst in seiner Meinung bestätigen. Ursache sind zwei Mechanismen in sozialen Netzwerken: Erstens, dass man Nachrichten nur von seinen Freunden zugespielt bekommt, die wahrscheinlich ähnlich ticken wie man selbst. Der zweite Aspekt ist, dass Maschinen wie Facebook überwiegend Informationen in der persönlichen Timeline anzeigen, die so sind, wie die, die man früher mal geliket oder kommentiert hat. Das heißt, der Nutzer bekommt ausschließlich das angezeigt, was ihm gefällt. Damit sind die sozialen Netzwerke eigentlich Selbstbestätigungsmaschinen. Meinungen "der anderen Seite" nimmt man auf diesem Weg oft nicht mehr wahr.

Haben Sie einen Rat, was man selbst dagegen unternehmen kann?

Wenn Sie sich persönlich bewusst vielfältig informieren möchten, dann abonnieren Sie auf Facebook zusätzlich Angebote, die nicht der eigenen politischen Meinung und der eigenen Lebenswelt entsprechen. Blocken Sie nicht Leute, über die Sie sich politisch ärgern - setzen Sie sich auch mal diesem Ärger aus. Bleiben Sie einfach offen und überlegen Sie, ob der oder die andere hier und da nicht einen Punkt hat, über den man wieder in den Diskurs treten kann.


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