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Ende der Räterepublik Der "weiße" Terror der Gegenrevolution

Mit Unterstützung von Reichswehr- und rechtsradikalen Freikorps-Truppen versetzten bayerische und Berliner SPD-Regierung der Räterepublik den Todesstoß. Im Mai 1919 war München von "Weißgardisten" eingenommen. Es folgte eine Woche von Mord und Totschlag mit Hunderten von Opfern.

Stand: 24.11.2008 | Archiv

Marschierende Konterrevolutionäre aus dem Oberland | Bild: picture-alliance/dpa

Während der zweiten Räterepublik holte die Konterrevolution zum entscheidenden Schlag aus. Mitte April standen vor den Toren Münchens diverse rechtsextreme Freikorps, paramilitärische Truppen, zu einem Gutteil rekrutiert aus desillusionierten Weltkriegssoldaten. Ernst Toller stellte seine pazifistische Grundeinstellung vorübergehend zurück und befehligte einige Einheiten von Rotgardisten. Am 16. April 1919 konnten sie bei Dachau den Gegner zunächst noch zurückschlagen.

Reichswehr gegen Räterepublik

Gustav Noske: "Einer muß der Bluthund werden."

Nur einen Tag später leitete der Gegner jedoch den Todesstoß für die Revolution ein. In Bamberg forderte Johannes Hoffmann von Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) Unterstützung, der bereits entscheidenden Anteil an der blutigen Niederschlagung des "Spartakus-Aufstandes" in Berlin hatte.

Hoffmanns Parteifreund entsandte umgehend Reichswehrverbände, Truppen aus Preußen und Württemberg - von Revolutionären als "Weißgardisten" bezeichnet, in Anlehnung an die bewaffneten "Weißen", die 1917 die russische Oktoberrevolution bekämpft hatten. Zusammen mit den Freikorps bewegten sich 35.000 Mann auf München zu. Rudolf Egelhofers "Rote Armee" verfügte dagegen gerademal über bestenfalls 12.000 Angehörige.

Geiselerschießung im Luitpold-Gymnasium

Auf ihrem Vormarsch schreckten die "Weißen" nicht vor willkürlichen Erschießungen von vermeintlichen Anhängern der Räterepublik zurück. Als Reaktion darauf nahmen Revolutionäre 14 Geiseln im Münchner Luitpold-Gymnasium und erschossen sie am 30. April. Sieben von ihnen waren Mitglieder der in München ansässigen rechtsradikalen Thule-Gesellschaft. Wer die Erschießungen in Auftrag gegeben hatte, konnte nie zweifelsfrei geklärt werden.

Revolution am 2. Mai besiegt

Infografik: Wege der Schützenkorps im Mai 1919 in Giesing | Bild: Herbert Dandl; Illustration: BR zur Infografik Revolution endet in Obergiesing Endgültige Niederschlagung

Die letzten Gefechte fanden in den Stadtteilen Sendling und Giesing, damals Arbeiterviertel, statt. Mehrere Freikorps kreisen am 1. und 2. Mai 1919 das Giesinger Zentrum ein. Dort leisten die Revolutionäre den letzten Widerstand, bis der übermächtige Gegner der Münchner Räterepublik ein Ende bereitet. [mehr]

Es kam zu erbitterten Kämpfen, hauptsächlich am Hauptbahnhof, am Stachus und in Sendling. Doch der Übermacht der "Weißen" hatten die Roten nichts mehr entgegenzusetzen. Am 2. Mai eroberten sie München, die letzten entscheidenden Gefechte fanden im Stadtteil Giesing statt. Franz Ritter von Epp erwies sich mit seinem "Bayerischen Schützenkorps" erneut als besonders eifriger Anführer der Reaktion. Zu seinen Schergen zählte damals schon spätere NS-Prominenz: Ernst Röhm und Rudolf Heß.

"Weiße" wüten bestialisch

Massaker-erprobt: Freikorps-Anführer Franz Ritter von Epp

Nach der Niederschlagung der Revolution übten Freikorps-Angehörige eine einwöchige Terrorherrschaft in München aus. Die Erschießung der zehn Geiseln nahm man als Vorwand, jeden zu massakrieren, der als "Spartakist" verdächtigt wurde. Nach offiziellen Angaben forderte die Niederschlagung der Räterepublik 625 Todesopfer, 82 von ihnen waren "Weiße". Schätzungen zufolge kamen aber rund 1.000 Menschen um.

"Ein furchtbares Denunzieren setzte ein. Kein Mensch war mehr sicher. Wer einen Feind hatte, konnte ihn mit etlichen Worten dem Tod überliefern."

Der Schriftsteller und Augenzeuge Oskar Maria Graf über die Tage nach der Niederschlagung der Räterepublik

Die Marodeure gingen mit zum Teil bestialischer Grausamkeit vor. Erich Mühsam erinnert sich an Erschießungen von spartakistischen Frauen im Gefängnis Stadelheim: "Dort haben die weißen Pelotons zu wiederholten Malen die ersten Schüsse auf die Geschlechtsteile der Frauen und Mädchen gezielt, in anderen Fällen die Exekution vollzogen, indem sie zuerst in die Beine, dann in den Unterleib schossen und sich an den Qualen der langsam verendenden Opfer weideten". Erst als am 6. Mai versehentlich 21 katholische Handwerksgesellen ermordert wurden, gebot man dem Mob Einhalt. Die Revolution in Bayern war zu Ende. Hoffmanns SPD-Regierung blieb noch dreieinhalb Monate in Bamberg und verabschiedete dort am 14. August die erste bayerische Verfassung.

Epilog I: Revolutions-Schicksal(e)

  • Gustav Landauer - am 2. Mai 1919 im Münchner Gefängnis Stadelheim von Reichswehrsoldaten auf brutale Weise ermordet
  • Rudolf Egelhofer - am 3. Mai 1919 in der Münchner Residenz ohne Gerichtsverfahren erschossen
  • Eugen Leviné - am 5. Juni 1919 wegen Hochverrats hingerichtet
  • Erich Mühsam - am 12. Juli 1919 zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, am 20. Dezember 1924 amnestiert
  • Ernst Toller - am 16. Juli 1919 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt

"Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde: ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat."

Sebastian Haffner

Epilog II: Von der Räterepublik zur "Ordnungszelle"

Die Niederschlagung der Revolution ermutigte republikfeindliche Kräfte, sich in Bayern zu formieren. Zu ihnen gehörte auch Adolf Hitler, der in München 1920 die DAP in die NSDAP überführte. Im selben Jahr wurde Gustav von Kahr Hoffmanns Nachfolger als bayerischer Ministerpräsident. Er machte aus dem Freistaat die "Ordnungszelle" des Reiches, ein Hort für antisemitische Reaktionäre. Kahr - seit 1917 Regierungspräsident von Oberbayern - hatte dem Beamtenapparat der Monarchie angehört, den Kurt Eisners Revolution nicht antastete.


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