Religion - STATIONEN


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Zum Wohle aller Gemeinnützigkeit

Mildtätig, selbstlos sein, dem Gemeinwohl dienend oder einfach nur mal kurz die Welt retten: wer will das nicht?  Und wenn man dafür noch Steuergelder und Zuschüsse bekommen kann, umso besser. STATIONEN trifft Menschen, die sich zusammenfinden, um etwas zu verändern - zum Wohle aller oder doch nur der eigenen Gruppe? 

Von: Agnieszka Schneider

Stand: 23.02.2021

Kulturbahnhof  | Bild: BR

„Gemeinnützigkeit“ hat im allgemeinen Sprachgebrauch eine moralische Komponente, ist aber auch ein Institut aus dem Steuerrecht. Spenden sind steuerlich absetzbar. Doch was ist eigentlich gemeinnützig? Was dient dem Gemeinwohl?
Auf der Suche nach Antworten begibt sich Moderatorin Irene Esmann in die Gemeinde Kirchanschöring, die sich der Gemeinwohlökonomie verschrieben hat. Der Ort im oberbayerischen Kreis Traunstein hat als erste Gemeinde Bayerns und eine der ersten Kommunen Deutschlandweit auf Basis der Gemeinwohlmatrix eine Bilanz erstellt. Diese freiwillige Leistung umfasst eine Darstellung aller Aktivitäten. Berücksichtigt werden insbesondere regionale, soziale und nachhaltige Aspekte. Dazu gehören – über den üblichen Jahresbeschluss hinaus – eine ethische-nachhaltige Geldanlage, nachhaltiges Bauen und die transparente Darstellung von Kooperationen und gelungenen Beziehungen auf allen Ebenen, das das wirtschaftliche und gemeinwohlorientierte Handeln abbilden soll. Jedes Jahr legt die Gemeinde anhand eines Punktesystems Rechenschaft darüber ab, ob und wie Entscheidungen nachhaltig und sozial getroffen worden sind. Parteigrenzen spielen dabei keine Rolle.

Der Bürgermeister der Gemeinde Kirchanschöring freut sich über das große Interesse der Anwohner am Gemeinnutz.

"Die Gemeinwohlökonomie bedeutet weg von den üblichen Kennzahlen, die da lauten möglichst viel Beton verbauen, möglichst viel Straßen bauen, möglichst viele Euros auf dem Rücklagenkonto haben, sondern sich an dem orientieren, was dem Menschen wichtig ist, dass es ihnen gut geht, dass sie vor Ort etwas gemeinsam machen können, Rahmenbedingungen schaffen, dass Gemeinwohl auch passieren kann."

Hans-Jörg Birner, Bürgermeister

Gemeinnützige Projekte

Im Mittelpunkt der Gemeinwohlökonomie steht immer der Mensch. Die Kirchanschöringer bemühen sich Projekte für die Allgemeinheit und ohne Profit anzustoßen. Dazu gehört beispielsweise eine große Streuobstwiese im Ort, die die Gemeinde pachten konnte und auf der sich zahlreiche alte und seltene Obstbäume befinden. Diese Fläche ist für alle Bürger frei zugänglich, die Früchte können von allen geerntet werden. Eine Allmende.

Bürgerrat

Die Gemeinde Kirchanschöring hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst alle Bürger in die Planung und Entscheidung mit einzubeziehen. Die Beteiligung der gelosten Teilnehmer für den Bürgerrat gehört in Kirchanschöring ebenfalls zur Gemeinwohlökonomie, denn ein solidarisches Miteinander ist dem Bürgermeister Hans-Jörg Birner besonders wichtig. In der Gemeinde existiert ein Sozialfond. Mit dem durch die Bürger eingezahlten Geld werden die Bedürftigen vor Ort unterstützt.

Zeit ist für die Kirschanschöringer eine kostbare Ressource und kann nicht mit Geld aufgewogen werden. Die verschiedenenTeilzeitmodelle werden daher von 80% der Gemeinde-Mitarbeiter in Anspruch genommen und lassen sich so flexibel gestalten, dass Beruf und Familie bzw. Pflege immer gut vereinbar sind. Das neue „Haus der Begegnung“ ist zum sozialen Mittelpunkt des Dorfes geworden. Dieses wurde mit Unterstützung der Kirche errichtet, die für eine vergünstigte Pacht den geeigneten Grund zur Verfügung gestellt hatte. Damit konnte Kirchanschöring Menschen aus schwierigen Wohnverhältnissen ein neues Zuause geben. Und es entstand ein Helfernetzwerk, das aufbauend auf den Werten der Menschenwürde, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit den sozial Schwächeren in der Gemeinschaft eine gerechte Teilnahme am dörflichen Leben ermöglicht.

Pfarrer Ludwig Westermeier verpachtete der Gemeinde Kirchanschöring einen Grund, auf dem das Haus der Begegnung entstand.

"Schon der Paulus sprach von der Gütergemeinschaft, dass alle miteinander etwas besitzen sollen. Das bedeutet, dass jeder ein Stück abgibt für die, die es in der Gemeinschaft brauchen."

Ludwig Westermeier, Pfarrer

Begegnung für Jung und Alt

Der "Kulturbahnhof" der Gemeinde Kirchanschöring.

Der „Kulturbahnhof“ ist ein weiteres Projekt in der Philosophie der Gemeinwohlökonomie der oberbayerischen Gemeinde Kirchanschöring. Für die beiden Erzieher Michael Obermeier und Bruno Tschoner geht es hier nicht in erster Linie um einen Treffpunkt für Jugendliche aus sozialen Brennpunkten. Vielmehr dient das ehemaligen Bahnhofsgebäude als Begegnungsmöglichkeit für alle Altersklassen – was noch vor Corona rege genutzt wurde. Ob Schafkopfrallye, Kickerturniere oder eine Auftritt-Möglichkeit für Musiker aus der Gegend – der Gemeinde Kirchanschöring ist das soziale Engagement wichtiger als die profitabelsten wirtschaftlichen Deals.

Weitere Beiträge:

  • Was ist eine Allmende? (Elisabeth Tyroller)
  • Der Streit um Gemeinnützigkeit. (Barbara Weiß und Johannes Reichart)
  • Wie Studenten in Lateinamerika geholfen wird. (Bettina Weiz)

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