BR Heimat


2

Die faule Gärtnerin Anders gärtnern – aber wie?

Rasenmähen, Hecke schneiden, Gartenzaun streichen … im eigenen Garten gibt es immer was zu tun. Oder? Macht man sich da einfach selbst viel mehr Stress, als sein muss? Unsere Autorin Petra Nacke hat sich auf die Suche gemacht nach alternativen Gartenwelten.

Von: Petra Nacke

Stand: 08.10.2021 | Archiv

Ich mag meinen Garten. Als ich ihn angemietet habe vor einigen Jahren, war er die Erfüllung eines Traums. Endlich was mit den eigenen Händen zum Wachsen zu bringen, etwas für Körper und Seele zu tun!

"Kleingärtnerei ist die artgerechte Haltungsform des Homo sapiens. Auf der ganzen Welt sieht man Hundertjährige in ihren Gärten herumpusseln, aber nie in Fitnessstudios."

aus 'Der kleine Gartenversager' von Stefan Schwarz

Niemand kommt als Gartenprofi auf die Welt. Fehlschläge gehören zum Gärtnern, wie die Raupe zum Schmetterling. Ich habe Unmengen von Garten-Magazinen gelesen, in denen alles völlig einfach scheint und fantastisch aussieht. Pralles Obst und Gemüse, üppige Stauden, farbenprächtige Blüten und dazwischen Sitzecken und Teiche. Ich war überzeugt: ein Garten würde mich fit und froh machen.

Heute weiß ich: ein Garten kann einen auch zur Verzweiflung treiben, denn er braucht ständige Pflege: Unkraut zupfen, Laub rächen, Hecken schneiden, gießen, düngen, ernten, rasenmähen. Dabei bin ich doch eine faule Gärtnerin. Statt einer traurigen Gras- oder gar Kieswüste muss es doch auch einfach zu bewirtschaftende Gärten geben, in denen Schönes gedeiht!

Der Permagarten: Wild, bunt – pflegeleicht?

Aber ich will nicht aufgeben! Vielleicht geht es gar nicht darum, den Garten nach seinen Vorstellungen zu gestalten, sondern darum, seine Vorstellungen von einem Garten zu ändern? Auf der Suche nach Alternativen bin ich auf Karin Brenner gestoßen. Sie hat einen sogenannten Permagarten in Oberdachstetten im Landkreis Ansbach und behauptet: "Ich muss nicht Rasenmähen, ich muss keine Hecke schneiden, ich muss keinen Gartenzaun streichen - mit diesen Dingen muss ich mich nicht beschäftigen."

Super. Von dieser Frau möchte ich lernen. Oberdachstetten sieht genauso aus, wie man sich ein Dorf im Einzugsbereich zweier Städte wie Ansbach und Nürnberg vorstellt: schmucke Häuser, Garagen, Gärten, Hecken, Zäune. Und mittendrin das Haus von Karin Brenner mit ihrem Permagarten.

Perma, wie permanent, also dauerhaft. Deshalb ist er auch kein Garten im herkömmlichen Sinn, sondern ein dauerhaftes Kultursystem, ein Kreislauf, der sich im besten Falle selbst genügt. Permagärten sind so bepflanzt, dass sie so effizient und aufwandslos wie möglich genutzt werden können. Kein Quadratzentimeter Boden bleibt ungenutzt, Monokulturen gibt es kaum, dafür eine möglichst bunte Vielfalt von Pflanzen auf engsten Raum nebeneinander.

Gestrüppwall statt Thujahecke

Zum Beispiel gibt es bei Karin Brenner weder Thujahecke oder Jägerzaun, sondern einen recht imposanten Gestrüppwall, aus dem sich zwischendrin immer wieder Blüten und Sträucher keck emporrecken. "Das ist eigentlich das, was andere Leute auf den Müll fahren bzw. auf den Kompostplatz fahren", erklärt sie. "Kleine Stöcke, Äste, abgeschnittenes Staudenmaterial. Das schlichte ich hier entlang als Totholzhecke." Die ist etwa 70 Zentimeter hoch und als Versteck für Nützlinge da, Käfer, Insekten oder Spitzmäuse, die Pflanzen im Garten unterstützen. "Für die gibt es gibt Schutz, es sind Dornen da, aber auch immer wieder Laub zwischendrin".

Anfangs hätten sich die Nachbarn schon etwas gewundert, sagt Frau Brenner, im Laufe der Zeit haben sie sich aber an diesen eigenwilligen Garten gewöhnt. Mehr noch: viele Hobbygärtner holen sich hier mittlerweile Ratschläge und sind durchaus aufgeschlossen für das, was eigentlich die Vorhölle ist für Freunde des Zierrasens und der Buchsbaumskulptur.

Den Dingen seinen Lauf lassen

"Die Leute, die kommen, haben unter Umständen einen ganz normalen Garten, wollen was tun, wissen aber nicht wie. Und in meinem Garten sehen sie: aha, das sieht ja so einigermaßen normal aus. Da finde ich Ideen, das könnte ich auch umsetzen, und damit fang ich an."

Das Wichtigste überhaupt laut Frau Brenner: den Dingen auch mal ihren Lauf zu lassen, nicht zu viel wollen und das Beste aus dem machen, was geschieht. Ihre Idee, einen Permagarten anzulegen, verdankt sie genau solch einer Unwägbarkeit: "Die haben mir den Humushaufen geklaut. Also, als das Haus gebaut wurde, blieb ein Haufen Humus übrig. Der war früh noch da, abends war er weg." Heute ist sie froh darüber, denn für den Permagarten braucht sie einen mageren Boden, erklärt Frau Brenner. "Den ich jetzt so viel Humus hätte, hätte ich ihn mühevoll wegfahren müssen. Aber Humus brauche ich nur zum Gemüseanbauen."

Wenig Rasen-, aber viel Rechenarbeit: Japangarten in Nürnberg

In dem Nürnberger Stadtteil, in dem ich wohne, gibt es viele Kies- oder Schottergärten, denn die sollen praktisch sein. Perfekt für Menschen, die nicht viel Zeit in ihre Gärten investieren möchten, keine Hecken schneiden, nicht gießen, kein Unkraut zupfen, denn hier wächst kein Unkraut. Hier wächst auch sonst nichts. Also wäre ein Schottergarten eigentlich ein Garten für mich, nur - ist das überhaupt noch ein Garten? Ein Kunst- und Kulturgarten klingt da schon viel besser. Deshalb ich will jemanden besuchen, der genau so einen betreibt.

Der Kunst- und Kulturgarten: Klingt gut – ist unkompliziert?

Die faule Gärtnerin | Bild: Perta Nacke/BR

Willie Wiesner

Willie Wiesner ist freischaffender Künstler und Vorstand eines Kulturvereins GO-Kultur. Der Verein ist Träger des GOgartens im Nürnberger Stadtteil Gostenhof, mehr oder weniger idyllisch zwischen Austraße und Bahntrasse gelegen. Sein Team besteht aus fünf Kunst- und Kulturschaffenden - drei Frauen, zwei Männer, erklärt Wiesner.

"Die Idee, so ein Gelände als geschützten Kulturraum nutzen zu wollen, gibt's schon länger. Wir haben 2009 angefangen mit Kinderkunstprojekten im öffentlichen Raum und haben festgestellt, dass es schön wäre, wenn wir so eine Art OpenAir-Atelier oder -Werkstatt hätten, das man für solche Zwecke nutzen kann. Dann haben wir hier dieses Gelände entdeckt und da dann ein Konzept entwickelt, wie man diesen Raum als Treffpunkt für kulturelle Veranstaltungen oder eben als Open-Air-Atelier, als kleine Werkstatt nutzen kann."

Wachgeküsst aus dem Dornröschenschlaf

Und als Garten. Das Gelände gehört der Stadt, die es in den 80er-Jahren von der Bahn erworben hat. Dieser Teil konnte anders nicht genutzt werden, weil drumherum eine denkmalgeschützte Mauer ohne ausreichend großes Tor verläuft. "Also konnte nicht erschlossen werden", erklärt Wiesner. "Und so ist es mindestens 30 Jahre in einen Dornröschenschlaf verfallen."

Bis die Künstler das Brachland wachgeküsst und im Frühjahr 2018 offiziell als Kulturgarten eröffnet haben. Bis es soweit war, musste aber ziemlich viel geackert werden - auch, wenn ackern absolut nicht das passende Wort für den Schotter-Untergrund des Geländes ist. "Hier ist wirklich viel Schutt im Boden drin, Bahnschotter, aber auch Abbruchmaterial", sagt Wiesner. "Hier waren ja wohl mal Barracken oder Werkstätten, und deswegen ist es jetzt nicht geeignet, dass man hier jetzt direkt im Boden Anpflanzungen macht.

Wildwuchs in der Badewanne

Die Badewannen im GOgarten

Statt einen aufwendigen großflächigen Bodenaustausch zu wagen, dienen Badewannen als Hochbeete, um  Grün aufs Gelände zu bringen. In großer Zahl stehen sie brav in Reihe oder im offenen Karree auf einer Empore. Das Ganze erinnert an eine etwas bizarre Sanitärausstellung, ist aber ein waschechtes Recycling-Projekt, erklärt Wiesner weiter: "Wir haben unsere Badewannen aus Altbauten. Jedes Mal, wenn eine Wohnung saniert worden ist, ein neues Bad reingekommen ist, sind diese alten, gusseisernen Badewannen rausgeflogen mit ihren massiven Füßen. Und die haben jetzt hier noch mal ein neues Leben als Pflanztröge."

Sie wurden aber nicht einfach mit Erde befüllt, betont der Vereinsvorstand. Für die Bewässerung zum Beispiel sorgt ein ausgeklügeltes Konzept: "Die Badewannen sind über Abflüsse miteinander verbunden. Über ein schwimmergesteuertes Reservoir erzeugt man einen künstlichen Grundwasserspiegel. Auf jeden Fall funktioniert unsere Wannenburg sehr gut." In einem Wassertank wird Regenwasser gesammelt, ein Mörtelbehälter dient als  Wasserreservoir. "Das ist so austariert, dass unten circa eine Handbreit Wasser in der Wanne steht und das Erdreich feucht hält und sich die Pflanzen praktisch das nehmen, was sie brauchen."

Nie wieder gießen!

Nie wieder gießen! Das freut die faule Gärtnerin, und tatsächlich spießt es in den Badewannen ziemlich bunt durcheinander. Man muss offenbar kein Profigärtner sein, um hier mitmachen zu können. Herr Wiesner stimmt zu: "Wir haben hier viel nach dem Prinzip Versuch und Irrtum gearbeitet - das hier sind jetzt unsere ersten Versuche, einen Weinberg anzulegen. Da sind wir in den letzten Jahren ein bisschen durch die Trockenheit belehrt worden, dass auch oder gerade Wein viel Wasser braucht, und das werden wir jetzt demnächst weiter ergänzen. Die paar Weinstöcke, die es überlebt haben, sind mit Sicherheit Überlebenskünstler."

So ein Kunst- und Kulturgarten, wo jeder sich ausprobieren kann, klingt wie gemacht für eine faule Gärtnerin. Allerdings: So ganz ohne Arbeit kommt offenbar nicht einmal der GOGarten aus. Es scheint das Wesen des Gartens zu sein, Arbeit zu verursachen.

Aber was wäre, wenn man ganz auf Zäune, Mauern und Hecken verzichtete, keine Beete anlegte, keine Bäume pflanzte, weder Obst noch Gemüse anbaute, niemals Laub rächen oder Unkraut bekämpfen würde und trotzdem einen Garten hätte? Was wäre, wenn man die ganze Welt zu seinem Garten macht?

Die Natur als Garten begreifen: nur etwas für Kräuterfeen?

Kräuterfee Irene Prell

"Ja, das stimmt. Die Welt ist mein Garten. Es ist wirklich so. Ich bin da ein Teil davon und ich freu mich, dass ich da ein Teil davon sein darf - in diesem Garten." Das sagt Irene Prell. Sie nennt sich selbst Kräuterfee und lebt zusammen mit Mann und Kindern in einem hübschen Haus in Neuhaus-Adelsdorf im Landkreis Erlangen-Höchstadt. Hier im Aischgrund gibt es viel Wasser und viel Grün.

Und ab und zu sieht man mit etwas Glück mitten in der Natur ein Menschengrüppchen herumstehen, dass der buntgewandeten Frau Prell aufmerksam lauscht: "Ich bin Kräuterpädagogin mit Leib und Seele, das heißt, ich lebe und liebe es, raus in die Natur zu gehen und von den Schätzen der Natur zu erzählen."

Kennt die Kräuterfee sich denn auch mit Unkräutern aus? Und ist sie selbst vielleicht sogar eine faule Gärtnerin? "Ich denke, es gibt Leute, die sehen mich als faule Gärtnerin, weil bei mir nicht alles akkurat ist", sagt Frau Prell. "Ich seh mich aber als fleißige Gärtnerin, weil ich draußen in der Natur das sammeln und verarbeiten und nutzen darf."

Hier draußen mag das ja angehen, wenn nicht alles akkurat ist, aber wie ist es mit dem eigenen Garten? Immerhin steht ihr Haus ja auch in einem. "Ich liebe es, wenn der Garten durcheinander ist, wenn es ein Miteinander ist, wenn da wirklich auch der Gundermann die Wege zumachen, wenn eine Brennnessel wachsen kann. Also ich erfreu mich da dran. Ich find es auch wunderschön, wenn in einer Wiese Gänseblümchen drinnen sind, wenn Kräuter drinnen sind, wenn ich was für die Insektenwelt tu, wenn es hier brummt! Das gibt mir was."

Brennesseln, Giersch und andere Leckereien

Stichwort Brennnesseln. Mich gruselt, wenn ich an die in meinem Garten denke. Doch Frau Prell zupft munter an einem Stock, der aus einem frischgemähten Randstreifen sprießt. "Das Schöne ist, da wurde mal abgemäht und die sind wieder frisch rausgekommen. Und jetzt ernte ich nur die obersten Spitzen. Da nehm ich mir ganz oft so zwei, drei Handvoll, tu es in den Mixer rein, ein bisschen Obst dazu und hab dann ein richtig tolles Kräutermus." Mit ganz viel Vitamin C, Magnesium, Eisen, erklärt sie weiter.

Kräuterfee Irene Prell beim Schnippeln

Unkraut essen? Aber dann wäre es ja gar kein Unkraut, oder? Bevor ich sie danach fragen kann, marschiert Irene Prell zielstrebig voran. Neben den Brennnesseln landet eine Portion Giersch im Korb. Giersch, der ewigsprießende Graus aller Gartenbesitzer. Als sie eine Schafgarbe sieht, zieht Frau Prell allerlei Utensilien aus ihrem Korb. "Ich liebe es, wenn sie noch nicht blüht, wenn nur die Blätter rausranken, weil dann kann ich das perfekt im Kräutersalz verarbeiten."

Abgezupft und klein geschnitten gibt sie alles in einen Mörser, darauf kommt Salz. "Das nimmt die Feuchtigkeit von den Kräutern auf und färbt sich dann auch schön", erklärt sie mahlend. Heraus kommt Kräutersalz. "Ich mach auch oft eins mit Rosenblütenblättern, das hat eine wunderschöne rote Farbe, oder mit Löwenzahnblüten, dann hab ich ein schönes gelbes Salz. Das geb ich dann schichtweise in ein Glas, so dass es dann richtig schön ausschaut, wie ein Regenbogen."

Wenn ich Irene Prells Begeisterung sehe, trau ich mich kaum zu fragen, tu es aber trotzdem: Gibt es auch für eine Kräuterfee Unkräuter? "Wenn ich etwas als Unkraut bezeichne, dann glaub ich, dass ich nur nicht weiß, welchen Zusammenhang das hat, welche Symbiose es eingeht. Wenn man nämlich genauer hinschaut, hat jedes Kräutlein seinen Sinn."

Das Fazit der faulen Gärtnerin

Nach meiner kleinen Rundreise durch die unterschiedlichsten Gärten will ich mir zwei Dinge besonders zu Herzen nehmen. Erstens: Beim Thema Garten entspannt sein, den Dingen ihren Lauf lassen und das Beste aus dem machen, was passiert. Zweitens: Das sogenannte Unkraut, wenn es denn doch mal nerven sollte – einfach aufessen! Zum Beispiel auf einer Kräuterquiche wie von der Kräuterfee: mit Brennnessel, Spitzwegerich, Schafgarbe und Giersch. Einfach lecker!


2