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Altern - muss das sein? Warum altern wir eigentlich?

Es gibt unendlich viele Theorien, interessante Beobachtungen, tausende von biologischen und philosophischen Abhandlungen darüber,j warum wir altern. Viel Mögliches, ziemlich viel Wahrscheinliches – aber nichts Gewisses.

Stand: 19.02.2021

Ein Senioren Paar sitzt auf einer Bank. | Bild: stock.adobe.com/Ingo Bartussek

Man kann sich schwer vorstellen, wie unglaublich komplex das Innenleben einer Zelle – jeder menschlichen Zelle – ist, ganz zu schweigen von den Einflüssen, die ständig auf sie einwirken, um sie zu ernähren, ihre inneren Kraftwerke zu stärken, Müll aus ihr zu entfernen, sie zur Teilung und dadurch zur Erneuerung anzuregen, und schließlich, sie absterben zu lassen.
Von diesen Gebilden besitzen wir ungefähr 100 Billionen, und in jeder Minute werden Millionen von ihnen repariert oder erneuert.

Warum altern wir?

Es gibt unendlich viele Theorien, interessante Beobachtungen, tausende von biologischen und philosophischen Abhandlungen darüber. Viel Mögliches, ziemlich viel Wahrscheinliches – aber nichts Gewisses. Es gibt allerdings sichere Erkenntnisse über die Tatsache, dass bestimmte Lebensumstände und Gewohnheiten das Leben verlängern oder verkürzen, vor allem aber die Lebensqualität beim Älterwerden beeinflussen.

Stand der Wissenschaft

Man weiß, dass man sich die Zelle als eine kleine Fabrik vorstellen kann, in der winzige Kraftwerke – die Mitochondrien – Energie produzieren, die die Zelle braucht, um bestimmte Eiweißstoffe oder Hormone herzustellen. Andere Elemente entfernen Schutt aus der Anlage, sorgen für einen optimalen Stoffwechsel oder eilen als Boten hin und her mit genauen Anweisungen aus dem Zellkern. Dort befindet sich das Befehlszentrum in Form von 46 Chromosomen, kleinsten strickleiterartig geformten Molekülen – die DNS –, die Erbsubstanz der Zelle, mit all ihren Genen und ihren Aufgaben für die jeweilige Funktion. Von dort kommt auch der Impuls zur Teilung der Zelle: Die Chromosomen verdoppeln sich, weichen auseinander und verwandeln sich dadurch wieder in zwei neue, jugendliche Zellen.

Allerdings: Am Ende eines jeden Chromosoms befinden sich Gebilde, die  aussehen wie kleine Kappen, und die bei jeder Teilung um eine Winzigkeit kürzer werden: die Telomere. Wenn dieser "Lebensfaden" aufgebraucht ist, kann sich die Zelle nicht mehr teilen. Sie befindet sich dann in einem Zustand der Ruhe und des Alterns und stirbt irgendwann ab.  

Telomerase

Es gibt einen Botenstoff, der die Kürzung dieser Telomere verhindert, die Telomerase. Leider sind es ausgerechnet die Krebszellen, die diese Substanz ständig produzieren und damit das Altern und den Abbau der Tumorzellen verhindern. Aber auch der gesunde Mensch kann diesen Botenstoff herstellen – unter bestimmten Bedingungen und nur in einigen Zellarten, so zum Beispiel in Stammzellen, Knochen- und Immunzellen.

Kurze Erklärung: Was sind Stammzellen?

Stammzellen sind eine Art Mutterzellen, die sich zu vielerlei Gewebezellen entwickeln können. Das heißt, Stammzellen eines ungeborenen Kindes – embryonale Stammzellen – sind noch omnipotent, also Alleskönner. Sie verwandeln sich je nach Bedarf in alle möglichen Zellen: Nerven, Haut, Muskeln, Blutgefäße etc. Nach der Geburt des Babys spezialisieren sie sich, sodass sie nur noch pluripotent, aber immerhin noch Vielkönner sind. Jede Gewebeart hat danach eigene spezielle Stammzellen, die ein Leben lang aktiv bleiben und für Nachwuchs sorgen. Am bekanntesten sind wohl die Blut-Stammzellen, aus denen sich ständig rote und weiße Blutkörperchen sowie die Blutplättchen entwickeln, und die man einem Menschen übertragen kann, dessen entsprechende Zellen durch Blutkrebs – Leukämie – entartet waren und vernichtet werden mussten.

Stammzellen sind also in der Lage, diesen Eiweißstoff – die Telomerase – herzustellen, der die Lebensdauer der Zellen verlängert. Das gleiche gilt für einige der Immunzellen. Man weiß inzwischen, dass wir Menschen die Möglichkeit haben, unser Immunsystem zu stärken, zum Beispiel durch körperliche Aktivität. Und siehe da: Man hat nachgewiesen, dass sportliche Menschen höhere Mengen von Telomerase im Körper haben, dass ihre Zellen deshalb länger erneuerungsfähig bleiben.

Was die Wissenschaft unbedingt beantworten will (aber noch nicht kann), ist die Überlegung, ob es neben dieser Telomerase nicht noch andere Substanzen gibt, die den Stoffwechsel der Zellen verbessern und dadurch die Zellalterung aufhalten. Dabei helfen den Forschern die Erkenntnisse, die man in den letzten Jahren über das Innenleben der Zellen herausgefunden hat.

Von Mäusen und Menschen

  • Labormäuse leben länger, wenn man ihnen ausgesprochen wenig zu fressen gibt – jedenfalls leben sie länger als ihre Artgenossen, die sich satt essen dürfen.
  • Mäuseleben kann man im Labor auch verlängern, wenn man sie mit  einer Substanz behandelt, die von Bakterien stammt, dem Rapamycin. Wir kennen das Mittel unter dem Namen Sirolimus®, das bisher zur Besänftigung des Immunsystems, zum Beispiel nach Organtransplantationen eingesetzt wird. Offenbar hilft es den Zellen, sich von Schadstoffen zu befreien.
  • Fadenwürmer und manche Fliegen leben länger, wenn man bei ihnen bestimmte Gene ausschaltet.
  • Die Stimulierung besonderer Enzyme, die den Stoffwechsel von Zellen regulieren – sogenannter Sirtuine – verlängert die Lebensspanne von Hefezellen in Laborkulturen. Sie beeinflussen auch sonst alle möglichen Gewebe durch Stabilisierung der Zellstrukturen, vor allem dann, wenn man dem Organismus die Energiezufuhr gekürzt hat.

Natürlich hat man versucht, positive Ergebnisse aus dem Labor auch bei Menschen zu wiederholen. Bis jetzt gibt es dabei jedoch keine sicheren Erkenntnisse, weder durch diese Versuche, noch durch die Erfindung von Medikamenten, die eine menschliche Zellalterung aufhalten oder sogar rückgängig machen können.

Bedauerlich, aber die Anti-Aging-Versuche an Tieren lassen sich nicht so einfach auf den komplexen Körper des Menschen übertragen. Die Forschung mag zwar gewisse Hinweise dadurch erhalten, aber diese Hinweise sind noch längst nicht ausreichend bestätigt.

Was man jedoch weiß:

  • Unsere Lebenserwartung hängt in hohem Maße zunächst von unseren ererbten Genen ab.
  • Die Menge gealterter – also nicht mehr erneuerbarer – Zellen im Körper hat direkten Einfluss auf das Entstehen von Alterskrankheiten, wobei es noch keine Mengen-Nachweise für solche Zellen gibt.
  • Verzicht auf zu üppiges, kalorienreiches Essen im Alter scheint die Lebenserwartung zu erhöhen.
  • Körperliche Aktivität hat sich als optimaler Schutz vor Alterung herausgestellt. Und so lange es noch keine sicheren medikamentösen  Behandlungen gegen Alterungsprozesse gibt, bleibt das körperliche Training – zusammen mit richtiger Ernährung  – die wichtigste und hoch effektive Möglichkeit, alterstypischen Gesundheitsproblemen zu entgehen.    
  • Und selbstverständlich beeinflussen die sozialen und wirtschaftlichen  Umstände die Chance eines Menschen, lange und in guter Gesundheit zu leben.

"Anti-Aging-Mittel"

Der Markt kennt sogenannte Anti-Aging-Mittel wie zum Beispiel Nicotinamid – mononucleotid, das sogenannte NAD oder NMN, ein Verwandter von Vitamin B3, das die Sauerstoffaufnahme der Zellen verbessern soll oder Substanzen, die angeblich Sirtuine unterstützen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um Medikamente, sondern um Nahrungsergänzungsmittel. Die Hersteller brauchen keine Wirksamkeit nachzuweisen und können mehr oder weniger versprechen, was sie wollen. Wie oben erwähnt, haben die Substanzen unter Laborbedingungen einen gewissen positiven Einfluss auf die Langlebigkeit von Tieren gezeigt. Leider konnte man aber in großen klinischen Studien an Menschen bisher keine vor Alter schützenden Eigenschaften beweisen.

Sirtuine, die den Zellstoffwechsel anregen sollen, sind übrigens in größerer Menge in Johannisbeeren, Brombeeren, Himbeeren, in Trauben, aber auch in roten Zwiebeln, in Ingwer und in Rotwein enthalten.

Metformin

Ein anderes Mittel, das derzeit genauer auf seine Anti-Aging-Möglichkeiten  untersucht wird, ist das ursprünglich nur gegen Diabetes eingesetzte Medikament Metformin. Es erscheint den Altersforschern als vielversprechend, weil es auch bei Menschen ohne Diabetes  Entzündungsprozesse im Körper bekämpft und positiv bei Herz- und auch bei Krebskrankheiten wirkt. Es werden inzwischen internationale große Studien durchgeführt, die erkunden sollen, ob das Mittel auch als Altersbremse gelten kann - aber auch da gibt es noch keine sicheren positiven Ergebnisse.


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