Bayern 2


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Über Wärter und Aufseher in bayerischen Museen Warten, Schauen, Dasein

Museumsaufseher: Wo kommen sie her, was haben sie erlebt, warum sind sie im Museum gelandet. Bedeutet Ihnen die Kunst, die sie bewachen, etwas? Hat sie sogar ihre Sicht auf das Leben, auf die Welt, verändert?

Von: Ruth Geiersberger

Stand: 20.10.2021 | Archiv

"Eine Sendung über Wärter, über Aufseher wollen Sie machen…? Nein, also des kann ich gar nicht aushalten, jetzt sagen Sie doch bitte wenigstens Aufsichtspersonal … das ist doch koa Gefängnis do herin …"

Kassenkraft, Villa Stuck München

Einige der sechs somalischen Aufsichtskräfte, die just an diesem Tag die Kunst in der Villa Stuck bewachen, wollen gar nichts sagen, huschen regelrecht weiter zum nächsten Objekt; schauen noch ab und zu aus dem Augenwinkel ein wenig skeptisch: Es ist wohl selten genug, dass da ein Interesse für sie als Person hinter ihrer Aufsichtsfunktion gezeigt wird. Da ist eine große Unsicherheit fast Furcht zu spüren, ob sie denn überhaupt in Ihrer Arbeitszeit mit einer Besucherin ein wenig plaudern dürften. Was denken sich diese Sicherheitsdienstler aus Somalia, wenn sie die Prunkräume der Villa Stuck beaufsichtigen müssen? Geben ihnen die Kunstwerke etwas, oder würden sie ihren Aufsichtsdienst doch lieber im Allianzstadion bei einem Fußballspiel leisten?

"Bei den Aufsichten in den Museen gibt’s drei grobe Gruppen würd ich einfach mal unwissenschaftlich sagen und so einteilen; zum einen sinds die Leute, die für Ihren Broterwerb normale Sicherheitsdienste ausüben, die dann natürlich auch in den Museen engagiert sind, die machen da ihren professionellen Job. Es gibt dann die Gruppe zwei die ein bisserl Rüberdriften in eigenes Interesse. Ich hab da selber mit Leuten gesprochen, die dann sagten sie suchen sich dann irgendwelche Bilder aus, die sie besonders lieben, die ihnen gefallen und die sie dann einen Tag lang besonders beobachten um selber ein gewisses museales Erlebnis zu haben. Und es gibt natürlich gerade bei uns im Bereich der nichtstaatlichen Museen, der mittleren und kleineren Häuser, sehr viele engagierte Menschen die im Ehrenamt Aufsicht machen."

Wolfgang Stäbler, Leiter Öffentlichkeitsarbeit in der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern

"Ich bin das Museum"! So würde sich und seine Tätigkeit wohl Jürgen Gellert, Aufseher im Franz-Marc-Museum in Kochel, beschreiben. Er liebt "sein" Haus, die Kunst darin und vor allem das Beobachten von Menschen, die diese Kunst betrachten, und er spricht gern darüber. Er war Polizist, und musste nach schwerer Krankheit in Frührente gehen.

"Durch das Betrachten der Bilder hat sich meine Denkweise dahingehend geändert, dass ich die Gegend anders betrachte. Und zwar durch die Denkweise, die ich durch die Bilder in Teilbereichen vermittelt bekommen habe. Betrachte ich die Gegend um mich herum auch anders. Und bin dann froh durch diese Künstler es gelernt zu haben, die Gegend mit ihren Augen zu betrachten."

Jürgen Gellert, Franz-Marc-Museum Kochel

Es macht einen Unterschied, ob sich ein Museum, wie das privat geführte Franz-Marc Museum in Kochl, passendes Aufsichtspersonal aussucht und es richtig anstellt; das kostet zwar mehr, aber es lohnt sich! Denn diese Menschen sind das Gesicht und die Ausstrahlung eines Museums. Die Staatliche Antikensammlung und Glyptothek am Königsplatz in München macht es ebenso. Es gibt ein Vorstellungsgespräch, man schaut, ob man zueinander passt, welche Ausstrahlung die Menschen besitzen. Meist haben sie zuvor ganz andere Berufe ausgeübt. Vom Schmuck- und Uhren-Verkäufer über den Lageristen eines großen Schuhhauses, eine Arzthelferin, eine Bibliothekarin, einen Fotografen, der ein zweites Standbein sucht, eine ehemalige Lehrerin, eine Buchhändlerin, eine Näherin, bis hin zu Rentern oder Studenten.

"Ich fühl mich sehr wohl in diesem Haus, für mich war das wirklich ein Sechser im Lotto, es war der Traum. In jedem Raum spiegelt sich das Licht ganz anders, manchmal sind sogar Nebelschleier über den Skulpturen. Es ist einfach Magie pur."

Dietmar Hertrich, Glyptothek München

Einige haben sich durch die vielen Führungen, die sie während Ihrer Arbeitszeit mitbekommen, ein richtig großes Wissen angeeignet. Sie geben neugierigen Besuchern gern Auskunft oder erzählen die ein oder andere Anekdote zu den Objekten. Aber eine gewisse Zurückhaltung ist dabei schon erforderlich, man muss erspüren: will der Kunst-Kunde eine Zuwendung oder nicht.

"Manchmal wenn ich sehe, dass sie zu lange Zeit verbringen vor einer Skulptur, ich frage ob sie noch eine Erklärung oder etwas brauchen; und wenn ich sicher bin, dass ich das weiß von Führungen, dann sag ich auch etwas. Ich habe viel gelesen was an den Wänden ist, an Führungen teilgenommen, wir können eine Reise in die Zeit machen."

Corinna Smith, Glyptothek München

Corinna Smith ist wie ihr Kollege Dietmar Hertrich aus Rumänien, hat dort Literatur studiert, war Lehrerin und Bibliothekarin und ist seit einigen Jahren in der Glyptothek. Sie liebt diesen Ort, lernt ständig dazu, kann erzählen. Einmal war ein Besucher so begeistert über ihre Ausführungen, dass er ihr einen Cappuccino mit Kuchen im hauseigenen Café spendiert hat. Das sind die Momente, in denen aus Museumspersonal, das "zum Inventar" zu gehören scheint, wieder Menschen werden.


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