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"Unser Dorf hat Zukunft" Ein Wettbewerb im Wandel

"Unser Dorf soll schöner werden" heißt heute "Unser Dorf hat Zukunft". Der reine Schönheitswettbewerb hat sich zum Instrument der ländlichen Entwicklung gemausert. Wir haben die Bewohner von Hellmitzheim in Unterfranken auf dem Weg zum Bundeswettbewerb begleitet.

Von: Susanne Roßbach

Stand: 20.07.2019 | Archiv

Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen viele Städte und Dörfer in Deutschland in Schutt und Asche. Auch in Hellmitzheim, dem heute so schönen "Golddorf" im Landkreis Kitzingen, wurden 1945 bei einem Fliegerangriff 70 Prozent der Häuser zerstört. Nach Kriegsende wurden die Trümmer beseitigt, der Wiederaufbau begann. Hier und da gab es bereits Verschönerungswettbewerbe.

1961 rief Graf Lennart Bernadotte als Präsident der deutschen Gartenbaugesellschaft den Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" ins Leben. In der "Grünen Charta von Mainau" wurden die Grundideen zusammengefasst.

"Es ist der Sinn dieses Wettbewerbs, Dörfer und Gemeinden im Bundesgebiet festzustellen, die sich durch ihre hervorragende Dorfgestaltung, sowie Grün- und Blumenpflege besonders auszeichnen. Diese Gemeinden sollen als Beispiel herausgestellt werden, um so anderen Gemeinden wertvolle, würdige Vorbilder zum Nacheifern zu geben."

aus der Grünen Charta von Mainau

Hellmitzheim gehört zur Stadt Iphofen im Landkreis Kitzingen in Unterfranken. 378 Menschen leben hier. Es gibt über 20 Vereine, einen Kindergarten gleich neben der Kirche und zwei Wirtschaften im Ort. Treffpunkt ist vor allem das Bürgerhaus, ein gelber, renovierter Fachwerkbau aus dem 16. Jahrhundert.

"Altes Gemäuer mit jungem Gemüse"

Als das Bürgerhaus in den 80er-Jahren abgerissen werden sollte, gründeten die Dörfler kurzerhand einen Verein zur Erhaltung des Hauses. Im Dachgeschoss befindet sich eine Ausstellung über heimische Fledermäuse, daher der Name: Flatterhaus. Betrieben wird das Bürgerhaus von den Mitgliedern des Vereins.

"Wir organisieren die Belegungen, machen kleine Hausmeistertätigkeiten und kümmern uns um Flattermänner und Dorfjugend, die ebenfalls ein Quartier hat hier in unserem Haus", erklärt Vereinsvorstand Harald Heinritz. "Altes Gemäuer mit jungem Gemüse."

Über zu wenig Zuspruch kann er sich nicht beschweren: Für den Veranstaltungsraum gibt es jährlich rund 200 feste Reservierungen. Da hält die Feuerwehr ihre Schulungen ab, da probt der Posaunenchor, die Maschinengemeinschaft trifft sich, ebenso wie die Landjugend und der Kinderchor.

73 Hellmitzheimer sind unter 18 Jahre alt. Gerade für sie wollen die Dorfbewohner daran arbeiten, dass die Idylle eine Zukunft hat. Auch für die "qualitätvolle Kinder- und Jugendarbeit" wurde Hellmitzheim bei "Unser Dorf hat Zukunft" auf Landesebene im vergangenen Jahr mit Gold ausgezeichnet.

Zukunftsperspektiven statt Schönheitswettbewerb

Der Wettbewerb ist vierstufig: Vom Kreis- über den Bezirks- bis hin zum Landes- und Bundesentscheid. Auf den ersten beiden Ebenen werden die Teilnehmer in zwei Gruppen unterschieden: Orte mit bis zu 600 und mit bis zu 3.000 Einwohnern, die einen vorwiegend dörflichen Charakter haben.

Den allerersten Landesentscheid in Bayern gewannen 1961 die Dörfer Laubenzedel bei Gunzenhausen in Mittelfranken und Waibling bei Pilsting in Niederbayern. Mit einer Goldmedaille wurden sie die ersten bayerischen Vorzeigedörfer.

1998 bekam der Wettbewerb unter dem Titel "Unser Dorf hat Zukunft" eine neue Richtung. Er soll kein reiner Schönheitswettbewerb mehr sein. Ziel ist es nun vor allem, die Zukunftsperspektiven und die Lebensqualität in den Dörfern zu verbessern. Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger soll gefördert werden. Teilnehmenden Gemeinden stehen verschiedene Institutionen beratend zur Seite.

Eine davon ist Mechthild Engert, Kreisfachberatende für Gartenkultur und Landespflege. "Ich glaube, es gibt für jedes Dorf eine eigene Chance", sagt sie. "Entweder man steht am Anfang eines Prozesses, wenn bestimmte Aufgaben anstehen, dass man den Ort entwickeln will, es Leerstand gibt oder vielleicht auch Streitigkeiten. Dann kommt man gut zusammen, weil man aktiv an konkreten Projekten arbeiten kann. Oder man ist am Ende von einer Dorferneuerung oder Städtebauförderung." Dann gehe es darum, weiterzuführen, was schon erreicht wurde. "Ich finde es eine große Chance. Denn zu sehen, wie andere den Ort sehen, bringt sehr viel in Gang", so Engert.

Nicht jede Grünfläche muss ein englischer Rasen sein

Für Hellmitzheim ist der Wettbewerb ein Sahnehäubchen. Viel ist bereits geschehen: Anfang der 90er-Jahre begann die Sanierung des Ortes im Rahmen einer Städtebauförderung mit Unterstützung der Stadt Iphofen. Infrastruktur wurde ausgebaut, alle Straßen und Plätze neu angelegt, Trink- und Abwasseranlagen erneuert. Dazu gibt es Breitbandanschluss im gesamten Dorf. Somit sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein Dorf mit Zukunft erfüllt.

Auch die Sanierungen von Privathäusern wurden von einem Stadtplaner unterstützt, zum Beispiel bei der farblichen Gestaltung für ein harmonisches Erscheinungsbild. Mechthild Engert hat dafür gesorgt, dass die Bewohner nicht übers Ziel hinausschießen: Denn nicht jede Grünfläche muss ein englischer Rasen sein. Unkräuter dürfen auch mal sprießen, und wenn die Wiese bei Trockenheit braun wird, muss nicht gleich gegossen werden – im nächsten Jahr wird sie schon wieder grün.

Und einen Rosengarten im Dorf braucht es auch nicht, erklärt Ludwig Weigand, Zweiter Bürgermeister von Iphofen und Stadtteilreferent für Hellmitzheim, wo er schon sein ganzes Leben wohnt. "Wir müssen unseren dörflichen Charakter erhalten. Und da gehört nicht in die Mitte des Dorfes ein Rosengarten, sondern die ursprüngliche Struktur mit Büschen und Bäumen. Sie sehen bei uns die vielen Lindenbäume. Da müssen wir Wert drauf legen, das müssen wir erhalten."

Auch Verständnis gehört zum Dorf

Noch immer zählt freilich ein gepflegter Gesamteindruck, aber der soll nicht gekünstelt sein. Ein Dorf ist keine Puppenstube. Auch in Hellmitzheim gibt es Häuser, die noch nicht saniert werden konnten. Wenn der Putz bröckelt und die Fensterläden sich nach Farbe sehnen, ist das manchmal eben so.

"Das Haus wartet darauf, wachgeküsst zu werden", sagt Ludwig Weigand. "Der Besitzer ist im Moment gesundheitlich nicht in der Lage, das Anwesen zu sanieren, aber er möchte es auch nicht verkaufen. Und da müssen wir jetzt einfach mol abwarten." Denn das gehöre auch zu einem echten Dorf: dass man für die Mitbürger Verständnis hat, so Weigand.

Um das Leben im Dorf für die Kinder und Jugend attraktiv zu machen, gibt es neben den zahlreichen Vereinen im Sommer eine ganz besondere Aktion: einen Strohballenpool. Ortsbäuerin Renate Müller erklärt: "Den muss man sich so vorstellen, dass mit lauter großen Quaderballen eine Umrandung gebaut wird aus drei Strohballen übereinander. Das Ganze wird mit einer Plastikfolie ausgekleidet, mit Spanngurten verzurrt und die Feuerwehr füllt das mit Wasser."

Dort am Rande eines Gartens mit Pferdekoppel und zwei Karpfenweihern wollte der Besitzer des Grundstücks eigentlich einen Bullenmaststall errichten. Sein Hof ist einer von elf landwirtschaftlichen Familienbetrieben, die in Hellmitzheim im Haupterwerb betrieben werden. Doch der Stall wurde schließlich im Rahmen eines Programms für "aussiedlungswillige" Landwirte außerhalb des Dorfes gebaut.

Eigenleistung ist gefragt

Ein typisches Beispiel, sagt Stadtteilreferent Ludwig Weigand, für die zukünftige Entwicklung "innen vor außen": "Um Baulanderschließungen zu vermeiden und die Dörfer zu erhalten, müssen wir mit wenig Erschließungsaufwand Baurecht schaffen können. Und das geht nur, wenn die intensivtierhaltenden Betriebe nicht im Innenort sind, weil sonst aus emissionsschutzrechtlichen Gründen kein Baurecht entstehen kann." Mit seinem Wohnhaus ist Landwirt nicht ausgesiedelt, er wohnt weiterhin im Ort.

Nächste Aufgabe ist die Weiterentwicklung des Innenbereichs im Dorf. Ein paar Projekte sind schon abgeschlossen: Die alte Gemeinschafts-Gefrieranlage haben die Dorfbewohner mit viel Eigenleistung zum Feuerwehrhaus umgebaut, das ehemalige Jägerhaus wurde saniert und ist heute das Zuhause einer sechsköpfigen Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan. Weitere Planungen laufen, um ehemalige landwirtschaftliche Gebäude anders zu nutzen oder abzureißen, um Bauland im Dorf zu schaffen.

Neues Bauland, ohne eine neues Baugebiet ausweisen zu müssen, ist den Hellmitzheimern ein besonderes Anliegen. Es soll verhindert werden, dass der Dorfkern verödet, während der Ort an den Rändern ausfranst. Neues Bauland braucht Hellmitzheim trotzdem. Besonders um den eigenen Nachwuchs im Dorf zu halten.

Denn bei einer Bürgerversammlung zum Dorfwettbewerb hat sich ergeben, dass ein Bedarf an Mietwohnungen besteht – oder besser: eine Notwendigkeit. "Nicht jeder, der heute ausgelernt hat oder sein Studium beendet hat, und hier eine Arbeitsstelle findet, hat gleich die finanziellen Mittel, ein Haus zu bauen", erläutert Vereinsvorstand Harald Heinritz. "Will vielleicht mal erst mit der Freundin zusammenziehen, braucht es eine Mietswohnung. Und da haben wer im Dorf momentan wenig."

Stadtteilreferent Ludwig Weigand ergänzt: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass junge Leute, wenn die einmal von Hellmitzheim weggezogen sind, weil sie hier keinen Wohnraum hatten, nur ganz schwer wieder zurückkommen, weil sie sich in den anderen Orten dann integrieren. Es ist einfach wichtig, um die Leute im Ort zu halten."

"Es ist eine Riesenchance"

Genau das will der Dorfwettbewerb leisten: Menschen ins Gespräch bringen, um gemeinsam zu überlegen, was das Dorf in Zukunft braucht. Bei der Planung und Umsetzung hilft dann unter anderem das Amt für ländliche Entwicklung. Eine Beraterin dort ist Christiane Schilling. Sie ist Sachgebietsleiterin Dorferneuerung und Bauwesen am Amt für ländliche Entwicklung in Oberfranken und seit Jahren Jurymittglied beim Wettbewerb.

"Es lohnt sich eigentlich für jedes Dorf, sich da zu bewerben, sofern sie eine aktive Dorfgemeinschaft haben, die auch für ihre Zukunft was tun will, damit ihr Ort lebensfähig und lebenswürdig sein kann", sagt Schilling. "Es ist eine Riesenchance, da teilzunehmen und diesen Prozess mitgestalten zu können. Darum geht es ja, sich aktiv einbringen zu können, und das ist völlig egal, ob ich eine Gold-, Silber- oder Bronzemedaille habe."

Sprungbrett für die Dorferneuerung

Seit Beginn des Wettbewerbs 1961 haben sich über 27.000 bayerische Dörfer daran beteiligt. Beim ersten Wettbewerb waren 799 Teilnehmer dabei. Das absolute Hoch wurde dann in den 80er-Jahren mit über 1.900 bayerischen Dörfern erreicht. Danach sank die Zahl kontinuierlich bis auf 237 beim aktuellen, 26. Wettbewerb, für den in diesem Jahr der Bundesentscheid stattfindet.

Traditionell sind viele Dörfer aus Oberfranken dabei, weil die Obst- und Gartenbauvereine der Region sich sehr dafür einsetzen. Den Rückgang bedauert Dorferneuerungs-Beraterin Christiane Schilling. Denn der Wettbewerb sei eine gute Ausgangsposition für Dörfer, die noch nicht so weit entwickelt sind wie Hellmitzheim, und sich um ein Dorferneuerungsverfahren bewerben wollen.

Bei einer Dorferneuerung sollen die Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessert werden. Dafür gibt es Fördergelder unter anderem für Sanierungsmaßnahmen an Gebäuden und die Sicherung der Grundversorgung. Die wichtigste Voraussetzung, damit ein Dorf in den Genuss dieser Fördermittel kommen kann, ist die "Mitwirkungsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger" heißt es in den Informationen des Landwirtschaftsministeriums.

Diese Bereitschaft haben die Gewinner des Landesentscheides im Dorfwettbewerb bereits bewiesen. 30 Dörfer in ganz Deutschland wird sich die Kommission im Juli ansehen. In Bayern sind es drei: Neben Hellmitzheim wurde auch Gestratz in Schwaben und Niederwinkling in Niederbayern auf Landesebene mit Gold ausgezeichnet.

Reicht bürgerschaftliches Engagement?

Neben Wertungen in vier sogenannten Fachwertungsbereichen zählt freilich auch der Gesamteindruck. Viele Fragen sind zu beantworten: Hat sich das Dorf ein Leitbild gegeben? Was wird für Naherholung und Tourismus unternommen? Wie werden Zugezogene integriert? Gibt es im Dorf eine Bauleitplanung? Wie geht der Ort mit naturnahen ökologischen Lebensräumen um? Und viele mehr.

Das bedeutet allerdings auch, dass sich der Dorfwettbewerb inzwischen auf so viele Bereiche ausgedehnt hat, dass er seinem Anspruch, bürgerschaftliches Engagement auszuzeichnen, nicht mehr ganz gerecht werden kann. Davon ist ist Günther Dippold überzeugt, der Bezirksheimatpfleger von Oberfranken: "Wie wollen denn Bürger beispielsweise aufwändige verkehrsberuhigende Maßnahmen, aufwändige Sanierungen vornehmen, wenn es nicht um Privatgebäude geht, sondern um den öffentlichen Raum?"

"In der Tat kann man bisweilen den Eindruck bekommen, dass die Ämter für ländliche Entwicklung mit ihren Dorferneuerungsprogrammen sich auch in dem Wettbewerb ein kleines bisschen selber auszeichnen", sagt Dippold, der selbst jahrelang Mitglied in der Bewertungskommission war.

"Grundsätzlich ist es so, dass der Wettbewerb durchaus wohltuend ist", ist sich Dippold sicher. "In vielen Dörfern gibt es gutes bürgerschaftliches Engagement, aber die Wettbewerbsteilnahme, die gibt dann nochmal einen Schub, weil man sich jetzt der Konkurrenz stellen muss." Die Jury mit ihrem vergleichenden Blick könne auch Hinweise geben, die von manchen Dörfern regelrecht aufgesaugt werden, so Dippold. "Und dann gibt es die, die geradezu beleidigt sind, wenn man nicht alles toll findet."

Und der Gewinner ist ...

Allmählich laufen die Hellmitzheimer auf der Zielgeraden ein. Auf den letzten Metern sind noch viele gute Ideen entstanden: Es soll einen offenen Bücherschrank geben. Im Bürgerhaus könnte ein Café entstehen. Entlang des Kirchbaches wird ein Spazierweg angelegt. Auf einem Fledermausrundweg werden Audiostationen aufgestellt, an denen das Leben der Fledermäuse zu allen Jahreszeiten erklärt wird. Die erste Station wird wohl das Flatterhaus werden.

Dann ist sie da: Die Bewertungskommission. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Drei Stunden dauert der Rundgang und dann kommt schließlich das Ergebnis des Bundesentscheids: Silber für Hellmitzheim! Auch über einen zweiten Platz kann man sich freuen, gemeinsam mit 14 anderen deutschen Dörfern. Allein die Teilnahme am Wettbewerb war für das Dorf ein Gewinn.

2019 gab es übrigens acht Golddörfer, als einziges bayerisches Dorf ist Gestratz im Landkreis Lindau dabei. Die Preise für die Sieger des 26. Wettbewerbes "Unser Dorf hat Zukunft" werden im Januar 2020 im Rahmen der Grünen Woche in Berlin verliehen.


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