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Choosing Wisely in der Praxis Über- und Unterversorgung bei Rückenschmerzen

Bei akuten, unkomplizierten Kreuzschmerzen hilft weder die gewohnte Spritze noch die Röntgenaufnahme. Stattdessen: Wärme und vorübergehend ein Schmerzmittel, denn die Beschwerden verschwinden meist von alleine.

Von: Uli Hesse

Stand: 25.02.2020

Kreuzschmerzen | Bild: colourbox.com

Akute, unkomplizierte Kreuzschmerzen erleiden viele Patienten. Nach mehreren Tagen oder spätestens nach wenigen Wochen sind die Schmerzen bei fast allen Patienten von alleine verschwunden. Es gibt nichts, was die Heilung beschleunigt, außer etwas Wärme.

Überversorgung: Injektionen

Früher gehörten Injektionen mit Diclofenac und auch Kortison bei akuten, unkomplizierten Rückenschmerzen zur Standardbehandlung. Diese Injektionen sind jedoch riskant und machen den Patienten vom Arzt abhängig. Schmerztabletten wirken vergleichbar günstig und werden daher schon länger in Leitlinien empfohlen. Noch immer erwarten aber manche Patienten mit Kreuzschmerzen automatisch eine Spritze.

Überversorgung: Diagnostik

Patienten mit akutem Kreuzschmerz sind beim Hausarzt am besten aufgehoben. Viele wenden sich jedoch direkt an einen Orthopäden. Orthopäden scheint es schwer zu fallen, den Patienten mitzuteilen, dass der Schmerz ganz von alleine bald wieder verschwunden sein wird. Röntgenaufnahmen oder gar CT oder Kern-Spin helfen nicht weiter und sollten erst bei den wenigen Patienten erwogen werden, bei denen nach sechs Wochen immer noch Schmerzen bestehen. Bilder können den Heilungsprozess indirekt sogar verlangsamen.

"Manche Patienten bekommen vom Radiologen zu hören, ihre Wirbelsäule sehe schlecht aus, sei abgenutzt oder gar kaputt. Patienten nehmen dann folgerichtig ihre Schmerzen als katastrophal wahr. Dabei korrelieren Röntgenbilder der Wirbelsäule überhaupt nicht mit den tatsächlichen Beschwerden: Die Wirbelsäule kann ganz abgenutzt aussehen und der Mensch hat überhaupt keine Schmerzen. Aber sie kann auch picobello aussehen, und der Patient hat starke Schmerzen. Genau deshalb sollte man keine Röntgenaufnahmen machen."

Prof. Dr. David Klemperer

Positives Denken statt Spritzen

Statt Nadeln empfiehlt Prof. Dr. Klemperer Ärzten, dem Patienten die realistische Zuversicht zu vermitteln, dass ihre Beschwerden wieder besser werden. Denn in dem Moment haben viele Patienten Angst, dass der Schmerz und die Beeinträchtigungen langfristig bleiben. Und je depressiver sie werden, umso stärker nehmen sie den Schmerz wahr.

"Grundsätzlich sollte man als Arzt immer daran denken, dass Patienten eine Seele haben, dass ihre Wahrnehmung und Deutung der Krankheit wichtig sind."

Prof. Dr. David Klemperer

Unterversorgung

Rückenpatienten sind tatsächlich gleichzeitig auch von einer Unterversorgung betroffen. Denn wenn nach sechs Wochen die Schmerzen noch nicht verschwunden sind, sollte eine weitergehende Diagnostik unter Einbeziehung von z.B. physiotherapeutischem und psychologischem Sachverstand mit insbesondere umfassender Diagnostik psychosozialer Einflussfaktoren durchgeführt werden. Dafür gibt es im ambulanten Bereich bisher nicht genügend Fachleute und Behandlungsplätze.


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