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Infraschall von Windrädern Wie zwei Wissenschaftler einen kapitalen Fehler entdeckten

In der Diskussion um die Windkraft hat sich eine einflussreiche Studie schlicht als falsch herausgestellt. Allerdings erst nach 15 Jahren. In der Zwischenzeit wurde sie zahllose Male von Windkraftgegnern zitiert. Hinterfragt wurde sie am Ende von zwei fränkischen Wissenschaftlern.

Von: Lorenz Storch

Stand: 31.05.2021 | Archiv

Der Auslöser war der Streit um ein Windkraftprojekt in Speichersdorf, erzählt der Wissenschaftler Stefan Holzheu. Er arbeitet am Zentrum für Ökologie und Umweltforschung der Uni Bayreuth, nur wenige Kilometer entfernt. Und hat die Diskussion in Speichersdorf damals verfolgt, wo die Bürgerinitiative gegen Windkraft erfolgreich war.

"Dort hat diese Bürgerinitiative extrem mit dem Infraschall-Argument getrommelt und der Gemeinderat hat am Ende auch aufgrund von gesundheitlichen Bedenken das Projekt endgültig gestoppt."

Stefan Holzheu, Uni Bayreuth

Streit um Infraschall

Infraschall ist Schall mit einer so tiefen Frequenz, dass menschliche Sinnesorgane ihn nicht wahrnehmen können. Und Infraschall aus Windrädern soll nach Argumentation von Windkraftgegnern eine Vielzahl von Beschwerden auslösen: Von Schlaflosigkeit über Gehörschäden bis zum Schlaganfall. Sehr häufig wurde dabei die Studie einer Bundesbehörde zitiert, der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus dem Jahr 2005. Holzheu hat sich die Studie angeschaut, und sie kam ihm sehr merkwürdig vor.

"Dort hat die BGR Werte publiziert, die reichten von 90 Dezibel bis 120 Dezibel. Teilweise sogar noch ein bisschen höher. Und alle anderen Messungen kamen eigentlich im Nahbereich von Windenergieanlagen, also 200 Meter Abstand, so auf 60 Dezibel. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Weil eben zehn Dezibel mehr ist als ein Faktor zehn. Das heißt, wir sprechen vom Faktor, ja, Tausende, bis zu 10.000, 100.000! Also das ist extrem viel. Und über diese Zahlen bin ich einfach irgendwann mal gestolpert."

Stefan Holzheu, Uni Bayreuth

Ein banaler und doch kapitaler Rechenfehler

Erst hat er gedacht, vielleicht liegt es an dem veralteten Windrad-Typ, an dem seinerzeit gemessen wurde. Aber dann findet er heraus: die Sache ist viel banaler.

"Es ist einfach ein Rechenfehler gewesen. Und das konnte man sogar aus den Daten, die die BGR selbst publiziert hat, eigentlich nachlesen. Also man konnte das einfach direkt aus den Daten schließen, wenn man sich das Primärsignal angeguckt hat und geschaut hat, was für Pegel die daraus berechnen. Dann hat man festgestellt, es passt nicht zusammen."

Stefan Holzheu, Uni Bayreuth

Ein Professor ärgert sich maßlos

Später kommt der Physik-Professor Martin Hundhausen von der Erlanger Friedrich-Alexander-Universität dazu. Er ist Stadtrat in Erlangen für die Klimaliste – also einer von denen, die selbst die Grünen für zu wenig konsequent halten, wenn es um das Verhindern der Klimakatastrophe geht. Er ärgert sich maßlos über diesen kapitalen Fehler in einer im wahrsten Sinne des Wortes amtlichen Studie, der mehr als ein Jahrzehnt lang unbemerkt geblieben ist.

"Ich kann es mir nicht erklären. Ich habe da draufgeguckt, und innerhalb von zwei Stunden wusste ich, das ist falsch."

Martin Hundhausen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen

Der Fehler ist bei der "Peer Review" durchgerutscht

Und das, obwohl die Studie damals ja vor der Veröffentlichung von unabhängigen anderen Forschern begutachtet worden ist. Das übliche Verfahren in der Wissenschaft, die so genannte "Peer Review".

"Peer Review ist natürlich nicht perfekt. Ja, das ist immer so, dass dabei Fehler durchrutschen. Das ist auch gar kein Problem an sich. Weil das natürlich dann im normalen wissenschaftlichen Prozess wieder geradegezogen wird. Ich glaube, hier ist halt die Besonderheit, dass es kein Feld ist, auf dem sehr viele aktiv sind. Und deswegen kann es durchaus sein, wenn man jetzt nicht mit diesem Fehler rechnet, dass der einfach durchrutscht."

Stefan Holzheu, Uni Bayreuth

Stefan Holzheu hat erstmal versucht, die Angelegenheit sozusagen auf dem kleinen Dienstweg unter Wissenschaftlern auszuräumen.

"Man schreibt per E-Mail dann an den Wissenschaftler. Und sagt, ich habe da irgendwelche Unstimmigkeiten festgestellt, und will das einfach mal diskutieren. Und ja, das ging am Anfang ein bisschen hin und her. Aber der verantwortliche Wissenschaftler ist eigentlich meinen Fragen immer mehr ausgewichen. Also, ich habe ihm einfach dann auch mal die Frage gestellt: Wer hat denn jetzt recht? Sie? Oder die Landesanstalt in Württemberg? Wer hat denn Recht, das geht ja nicht, die beiden Pegel passen nicht zusammen. Einer muss falsch liegen. Und auf diese Frage hat er mir nie eine Antwort gegeben."

Stefan Holzheu, Uni Bayreuth

Drohung mit der Rechtsabteilung

Die "Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz" in Baden-Württemberg hatte sich in einer Messkampagne zwischen 2013 und 2015 intensiv mit Infraschall durch Windräder befasst. Und festgestellt, dass er keine Rolle spielt: Die Pegel an Windrädern unterscheiden sich nicht von denen anderswo im ländlichen Raum, zeigten die Ergebnisse aus Baden-Württemberg eigentlich schon damals. Als Holzheu auf diesen Wiederspruch hinweist und nicht lockerlässt, habe der BGR-Wissenschaftler ihm sogar mit der Rechtsabteilung seiner Behörde gedroht, erzählt er.

Der Versuch mit dem Verfasser der damaligen BGR-Studie direkt zu sprechen, schlägt für den Bayerischen Rundfunk fehl. Der Wissenschaftler geht zwar ans Telefon, sagt aber nur, dass er gar nichts sagen werde, und dass eine Stellungnahme von der Presseabteilung der Behörde kommen werde.

Als Doktor Holzheu also nichts ausrichten kann, schaltet sich damals Professor Hundhausen ein.

"Im Februar habe ich dann mitgemacht - dann habe ich gesagt, das ist nicht nachvollziehbar, dann muss halt der Präsident der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt es sich anschauen. Ich habe ihm dann alle Informationen geschickt, habe gesagt, es muss hier einen Fehler geben. Gucken Sie es sich bitte selber an."

Martin Hundhausen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen

Also: Als die eine Bundesbehörde BGR sich auf die Hinweise eines einfachen Wissenschaftlers hin nicht bewegen wollte, hat Hundhausen den Chef einer anderen Bundesbehörde, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt eingeschaltet. Und erst das brachte den Erfolg.

Über den richtigen Umgang mit Fehlern

Fehler passieren. Natürlich auch in der Wissenschaft. Das kann man im Nachhinein bedauern, aber ganz vermeiden wohl nie. Die Frage ist ja vor allem, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Fehlern umgehen.

"Klar müssten die Wissenschaftler dann auch mal selber draufkommen. Wenn es nicht geht, dann muss natürlich diese Kultur eingreifen, dass natürlich auch der Chef einmal sagt, bitte anschauen. Das gehört, glaube ich, durchaus zur Kultur insgesamt dazu, dass das System sich entsprechend korrigieren kann, wenn ein Fehler gemacht worden ist."

Martin Hundhausen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen

In der sehr langen Stellungnahme der BGR-Presseabteilung wird erklärt, dass es bei der Studie ja gar nicht darum gegangen sei, Auswirkungen auf den menschlichen Organismus zu untersuchen. Sondern die Auswirkungen von Windrädern auf die empfindlichen Erdbebenmessstellen der BGR. Dass man nun eine neue Messkampagne plane. Und in Absatz fünf dann: "Bei der Programmierung des Algorithmus gab es einen Fehler". Das hätte sich Stefan Holzheu deutlicher gewünscht. Und auch, dass Journalisten, die über die falsche Studie berichtet haben, das jetzt nochmal im Nachhinein korrigieren.

"Wenn wir von Fehlerkultur reden, wünsche ich mir eigentlich, dass das alle Bereiche betrifft. Sowohl die Wissenschaft als auch Politik, aber auch die Presse. Wenn Fehler passieren, dann sollte es erstmal nicht per se was Schlimmes sein, sondern etwas, was einfach passiert ist. Aber dass dann, wenn der öffentlich ist und wenn klar ist, dass ein Fehler da ist, das einfach korrigiert wird. Und dann auch entsprechend auf allen Medien, wo dieser Fehler auch kommuniziert wurde, auch richtiggestellt wird. Also, das wäre mein Wunsch für eine vernünftige Fehlerkultur. Und ich glaube, da ist wirklich ein ganz großer Nachholbedarf in Deutschland."

Stefan Holzheu, Uni Bayreuth

Der Bundeswirtschaftsminister entschuldigt sich

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier von der CDU hat sich jedenfalls inzwischen ausdrücklich für die Arbeit der Bundesanstalt entschuldigt, die ihm unterstellt ist: "Es tut mir sehr leid, dass falsche Zahlen über einen langen Zeitraum im Raum standen", sagte er. Die Akzeptanz von Windanlagen an Land habe "ein Stück weit" unter den falschen Zahlen gelitten.


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