Bayern 2 - Zum Sonntag


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Hans-Joachim Vieweger Kirchenaustritte – kein Thema?

Fast 400.000 Menschen sind im vergangenen Jahr aus einer der beiden großen Kirchen ausgetreten, die Zahl der Kirchenmitglieder ging sogar noch stärker zurück, weil weniger Menschen getauft werden als sterben. Größere Diskussionen darüber, wie man darauf reagieren könnte, habe ich nicht vernommen.

Stand: 18.08.2016

Zum-Sonntag-Autor Hans Joachim Vieweger | Bild: BR/ Hans Joachim Vieweger

Die kirchlichen Pressestellen haben bei der Veröffentlichung der Daten auch das gemacht, was von Wirtschaftsunternehmen bekannt sind: Sie haben die schlechten Zahlen hinter guten Zahlen versteckt. Die Schlagzeilen lauteten zum Beispiel "Kirchliches Leben in Bayern ist stabil" oder "Mehr Taufen und Kircheneintritte im Erzbistum". Und ja, Austritte habe es auch gegeben, aber deren Zahl sei schließlich rückläufig. Das stimmt, im Vergleich zum Vorjahr, nur es war eben immer noch die zweithöchste Zahl der Austritte in den vergangenen zwanzig Jahren.

Einnahmen steigen

Warum sind die Kirchenaustritte praktisch kein Thema? Meine Vermutung: Es hängt damit zusammen, dass die Kirchen nicht in ihrem Mark getroffen sind, sprich: bei den Finanzen. Denn trotz sinkender Mitgliederzahl steigen die Einnahmen aus der Kirchensteuer weiterhin. Und die Kirchensteuer macht, so hilfreich sie bei der Planung der vielfältigen kirchlichen Ausgaben ist, leicht bequemlich.

Das verlorene Schaf

Nur: Wie hätte Jesus auf die hohen Austrittszahlen der vergangenen Jahre reagiert? Mir fällt dazu seine Geschichte vom guten Hirten ein. Als eins der Schafe verloren geht, macht sich dieser Hirte auf den Weg, um eben dieses verlorene Schaf zu suchen und vor dem sicheren Tod zu retten. In dem Moment überlässt er sogar all die anderen Schafe sich selbst, weil ihm dieses eine verlorene Schaf so sehr am Herzen liegt.

Verloren – gerettet

Das sind Worte, die uns immer wieder in der Bibel begegnen. Aber begegnen sie uns heute auch noch in der Kirche? Wird deutlich, dass es im Letzten nicht um Kirchenmitgliedschaft, sondern um unser Verhältnis zu Gott geht? Dass uns Christus den Weg zu Gott eröffnet, dass wir aber auch verloren gehen können?

Die Abwesenheit des Glaubens

Nun ist schon seit Jahren davon die Rede, dass sich die Struktur der Kirche verändert: weg von der Volkskirche, in der der Glaube zumindest aus Tradition weitergegeben wurde, hin zur Entscheidungskirche – einer Kirche, in der sich Menschen bewusst zu ihrer Kirche bekennen. Dieser Übergang vollzieht sich nicht von heute auf morgen, doch ich frage, wo sich die Kirchen auf diesen Übergang einstellen: Wie viel Zeit und Geld wird darauf verwendet, Strukturen zu erhalten, Dienstleistungen anzubieten und in der Öffentlichkeit ein wichtiges Wort mitzusprechen – und wie viel Zeit und Geld wird darauf verwendet, Menschen ganz neu das Evangelium zu verkünden, zu evangelisieren und zu missionieren – nicht weit weg, in fernen Ländern, sondern hier, in Deutschland, wo die Glaubenssubstanz wegbricht. Papst Benedikt sprach einmal von der "Abwesenheit des Glaubens bis tief in die Kirche hinein". Ich fürchte, er hat Recht.

Mir ist klar: Glauben lässt sich nicht machen, bekehren kann uns letztlich nur Gott selbst, die Frage aber lautet: Was stellen wir in den Mittelpunkt kirchlichen Handelns?

Wir brauchen Mut zur Katechese, zu neuen Formen des Glaubensunterrichts. Mut zu Glaubenskursen. Mut dazu, Menschen zur Entscheidung zum Glauben zu rufen.

Das Schöne: Es gibt immer wieder ermutigende Geschichten von Menschen, die sich ganz neu auf den Glauben einlassen. So der Bild-Journalist Daniel Böcking, der vor kurzem ein Buch darüber schrieb, wie Gott sein Leben umkrempelt. Radikal. Denn: Ein bisschen Glauben gibt es nicht, wie er sagt. Auch für ihn war Kirche lange Zeit nicht mehr als eine nette Tradition, "vielleicht mal an Weihnachten". Bis er nach einschneidenden Erfahrungen in seinem Reporterleben begann, in der Bibel zu lesen, mit Christen zu reden, ehrlich zu beten.

"Ich probierte den Glauben aus – und lernte Jesus kennen."

Daniel Böcking

Ich hoffe, dass unsere Kirchen Orte bieten, wo Menschen genau diese Erfahrung machen.


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