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Poesie-Atlas der Sinti und Roma "Die Morgendämmerung der Worte"

Jahrelang haben die Herausgeber Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki in Bibliotheken und Antiquariaten Europas gesucht und so diesen einzigartigen Schatz von Gedichten der sonst auf mündliche Tradition basierenden Kultur der Sinti und Roma zusammen getragen. Gedichte von Philomena Franz oder der Künstlerin Ceija Stojka, der Wiener Romni und Holocaust-Überlebenden. Aber auch von Autoren wie etwa Charlie Chaplin, Marianne Rosenberg oder Yul Brunner, bei denen man nicht diesen Hintergrund vermutet hätte. Im Gespräch Dotschy Reinhardt, Jazzsängerin und Vorsitzende des Landesrats von Sinti und Roma.

Stand: 02.09.2018 | Archiv

Bildmontage:
André Jung, Sibylle Canonica, Franz Pätzold | Bild: picture-alliance/dpa, Cornelia Zetzsche

"Die Morgendämmerung der Worte" - Poesie-Atlas der Sinti und Roma

Zum ersten Mal können wir in dieser Anthologie Gedichte lesen, die die kulturelle Vielfalt der Sinti und Roma bezeugen, von jenen Völkern ohne Staat und ohne eigenes Land, die vor über 500 Jahren von Indien über Persien nach Kleinasien und von dort teils über Arabien und Afrika nach Spanien, über Griechenland nach Ost- und Mitteleuropa und über Russland bis nach Nordeuropa kamen. Aus über 20 Sprachen wurden sie in Deutsche übersetzt, Gedichte über Sehnsucht und Vertreibung, Liebe und Verfolgung, Angst und Hass, fern von jeder Reisewagen-Folklore und "Zigeuner"-Romantik. Wir erfahren zum Beispiel, dass die Sonnenblume die Blume der Roma ist.

Ceija Stojka - "die sonnenblume"

"die sonnenblume ist die blume des rom
sie gibt nahrung, sie ist leben.
und die frauen schmücken sich mit ihr.
sie hat die farbe der sonne.
als kinder haben wir im frühling ihre zarten,
gelben blätter gegessen und im herbst ihre kerne.
sie war wichtig für den rom.
wichtiger als die rose,
weil die rose uns zum weinen bringt.
aber die sonnenblume bringt uns zum lachen."

aus: 'Die Morgendämmerung der Worte'

Margarete Horvath-Stojka wurde 1933 in der Steiermark geboren. Ihre Eltern gehörten den Lovara-Roma an, und reisten als Pferdehändler durch Österreich. Ihr Vater wurde im KZ-Dachau ermordet, der Rest der Familie wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ceija Stoika überlebte drei Konzentrationslager, von ihrer Großfamilie überlebten nur sechs Mitglieder. 1988 veröffentlichte sie ihr erstes Buch "Wir leben im Verborgenen". Sie schrieb und malte gegen das Vergessen. Die Künstlerin Ceija Stoika, wie sie sich später nannte, starb 2013 in Wien.

Philomena Franz - "Als ich ein Kind war"

"Als ich ein Kind war,
sah ich die Steine als Blumen,
bunt waren die Tränen der Hoffnung.

Rot und blau und gelb
blühten sie lächelnd im Beete der Kindheit.

Um meine Schultern den Mantel der Farben,
weiss ich heute, dass es ein Traum war,
ein Traum, der mich zum Leben zwang ..."

aus: 'Die Morgendämmerung der Worte'

Schriftstellerin Philomena Franz

Philomena Franz wurde 1922 in Biberach an der Riß geboren. Ihr Vater war ein berühmter Cellist, ihre Mutter Sängerin. 1938 musste sie die Mädchenoberschule in Stuttgart verlassen. 1939 wurde der Musikerfamilie auf dem Rückweg von einer Konzertreise in Paris ihre Musikinstrumente abgenommen, sie wurden in den Arbeitsdienst eingegliedert. Vom Arbeitsdienst in Stuttgart wurde sie ins "Zigeuner-Lager" nach Auschwitz Birkenau deportiert, ihre Eltern und Geschwister wurden ermordet. Zusammen mit Ceija Stoika gehört sie zu den Pionieren der Roma-Erinnerungsliteratur.

Lesung und Gespräch im "Offenen Buch"

Dotschy Reinhardt

Am Sonntag, dem 2. September, lesen die Ensemble-Mitglieder des Münchner Residenztheaters Sibylle Canonica und Franz Pätzold und der Schauspieler André Jung Gedichte aus dem Poesie-Atlas der Sinti und Roma, "Die Morgendämmerung der Worte", herausgegeben von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki. Aus dem Berliner Hauptstadtstudio zugeschaltet ist Dotschy Reinhardt, Musikerin und Vorsitzende des Landesverbands von Sinti und Roma in Berlin-Brandenburg.
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

"Die Morgendämmerung der Worte"

Die Andere Bibliothek

Der Poesie-Atlas der Sinti und Roma versammelt über 250 Gedichte von rund 100 Autorinnen und Autoren, unter anderem von Marianne Rosenberg, Philomena Franz, Dotschy Reinhardt, Charlie Chaplin, Henry Lawson, Samuel Mágó, Ceija Stojka, Ilija Jovanović, Mariella Mehr, Jean-Marie Kerwich, Alexandre Romanes, Károly Bari, Karol Parno Gierliński, Margita Reiznerová, Delia Grigore, Valdemar Kalinin, José Heredia Maya, David Morley, Rajko Djuric und Santino Spinelli.


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