Bayern 2 - radioTexte


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Reisereportagen Mit Joan Didion durch den Süden der USA

Eigentlich besteht der Band mit dem schlichten Titel „Süden und Westen“ nur aus Notizen über eine USA-Reise im Sommer 1970, die nie als Reportagen gedruckt wurden. Nichtsdestotrotz ergeben die nun erstmals publizierten Aufzeichnungen der glamourösen Ikone des US-Journalismus ein bestechendes Porträt uramerikanischer Landschaften. Lesung mit Lisa Wagner. Im Anschluss: nemo - das literarische Ratespiel

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 17.09.2019

"Im Süden kam mir fast ständig der Gedanke in den Sinn, dass ich, wenn ich hier gelebt hätte, eine Exzentrikerin gewesen wäre und voller Wut, und ich fragte mich, welche Form diese Wut angenommen hätte. Hätte ich begonnen, mich zu engagieren, oder hätte ich einfach jemanden mit dem Messer erstochen?"

(Joan Didion, Süden und Westen)

Ein Ausflugsdampfer auf dem Yazoo Kanal, dem Old Mississippi River, bei Vicksburg im US-Bundesstaat Mississippi, aufgenommen 1994

Im Sommer 1970 unternahm Joan Didion, Romanautorin und Journalistin, mit ihrem ebenfalls schreibenden Mann John Gregory Dunne eine Reise in die amerikanischen Südstaaten. Die vage Idee der früheren Vogue-Autorin, ihre Notizen in Reportagen umzusetzen, wurde nie realisiert. Seit Anfang des Jahres sind die von Antje Rávic Strubel übersetzten Reiseaufzeichnungen auf Deutsch erschienen und belegen wieder einmal Didions große sprachliche Eleganz, ihren Willen zur Präzision, ihr Gespür für die feine Linie zwischen Empathie und Distanz und nicht zuletzt ihren stetigen Kampf mit sich selbst als Perfektionistin und Zweiflerin. 

"Die meiste Zeit meines Lebens befand ich mich im Irrtum über dieses und jenes."

(Joan Didion)

Ergänzt werden Didions Reisenotizen um ebenfalls bisher unveröffentlichte Aufzeichnungen, die 1976 entstanden, als sie in San Francisco im Auftrag des Rolling Stone den Prozess beobachtete, der der Millionenerbin Patty Hearst wegen Bankraubs gemacht wurde.

Chronistin der kalifornischen Paranoia

Die mittlerweile 84-jährige New Yorkerin, die vom SPIEGEL als "beste Feder der amerikanischen Intellektuellen" gelobt wurde, hatte sich bereits Ende der 60er Jahre mit ihren Essays über die Hippie-Zeit und über ihren Heimatstaat Kalifornien („Slouching Towards Bethlehem“, 1968) eine Namen in der heimischen Presselandschaft gemacht. Ihre Themen trafen den Zeitgeist: Sie schrieb über Jim Morrison, über die vernachlässigten Kinder ihrer Generation, über den Bürgerkrieg in El Salvador, über Charles Manson. Alle bedeutenden amerikanischen Magazine - von Life bis The New York Review of Books - druckten ihre oft persönlich kommentierten Reportagen.

"Joan Didion is the poet of the Great Californian Emptiness."

(Martin Amis über Joan Didion, 1980)

Das Paar Joan Didion und John Gregory Dunne waren nicht nur privat, sondern auch als Autoren eine symbiotische Einheit, lektorierten ihre Texte gegenseitig, gingen gemeinsam auf Rechercherreisen, schrieben zusammen Drehbücher. Den plötzlichen Tod von John im Jahr 2003 nach einem Besuch bei ihrer schwer kranken Adoptivtochter Quintana Roo verarbeitete Joan in „Das Jahr magischen Denkens“. Das autobiografische Buch über Trauer und Tod wurde nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa ein durchschlagender Erfolg bei Kritik und Leserschaft. 2005 erhielt Joan Didion für dieses Werk den National Book Award. 2012 wurde ihr die National Humanities Medal zugesprochen. 

Joan Didions Gespür für fast Vergessenes, für Verlorene

Schauspielerin Lisa Wagner liest Joan Didion.

Die mittlerweile vor fast einem halben Jahrhundert aufgeschriebenen Reisenotizen der eleganten Journalistin, die - wie in der 2017 gestarteten Netflix-Biografie „The Center will not hold“ zu sehen - gern jeden neuen Tag abgeschirmt hinter einer Sonnenbrille und mit einer eiskalten Coke in der Hand beginnt, sind eine Mischung aus Anekdoten und subjektiven Einschätzungen, sind Momentaufnahmen aus dem amerikanischen Alltag, Szenen aus Waschsalons, Restaurants oder von Plantagen. Joan Didions kraftvolle literarische Bilder über Rassismus, über die Abgehängten der USA, gehen bis heute unter die Haut. 

"Im Süden sind sie davon überzeugt, dass sie in der Lage sind, ihr Land mit dem Blut der Geschichte zu tränken. Im Westen fehlt uns diese Überzeugung."

(Joan Didion, Süden und Westen)

"Süden und Westen. Notizen" von Joan Didion

aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel
erschienen im Ullstein Verlag

Lesung mit Lisa Wagner am 24. September in den radioTexten am Dienstag auf Bayern2

Im Anschluss:
nemo - das literarische Ratespiel
Mit Elisabeth Tworek, Andreas Trojan sowie Gastdetektiv und Bestseller-Autor Hans Pleschinski und frischem Hörer-Rätsel!

Hans Pleschinski (Autor von u.a. "Königsallee", "Wiesenstein") rät mit bei nemo!

Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino

Unsere Lesungen können Sie immer und überall nachhören: auf dieser Seite im Stream, als Download im Podcast-Center des Bayerischen Rundfunks und überall, wo es Podcasts gibt.


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