Bayern 2 - radioTexte


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Albaniens berühmtester Autor Gespenstisches aus Gjirokastra

Seit Jahren gilt er als Anwärter auf den Literaturnobelpreis und wird mindestens ebenso lang als „Homer Albaniens“ verehrt. Von dem mittlerweile 83-jährigen Schriftsteller, dessen Buchtitel immer eine Symbiose aus Mythos und Melancholie versprechen, ist nun „Geboren aus Stein“ erschienen: autobiografische Prosa, angelehnt an ein früheres großes Werk von ihm, „Chronik in Stein“. Auch sein neues Buch ist eine Art Chronik und schildert auf faszinierend unterhaltsame Weise seine Kindheit in einer so düsteren, umkämpften Ära Albaniens. Lesung mit Stefan Wilkening

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 21.10.2019 | Archiv

Blick auf die typischen Steinhäuser von Gjirokastra in Albanien. Seit 2005 gehört die Geburtsstadt des Autors Ismail Kadare zum Unesco-Weltkulturerbe.  | Bild: picture-alliance/dpa/Bildagentur-online/Schickert

"Diktatur und Literatur sind wie zwei wilde Tiere, die einander ständig an der Gurgel packen. Der Schriftsteller ist der natürliche Feind der Diktatur."

(Ismail Kadare, 1991 in: Der Albanische Frühling)

Die Sozialistische Volksrepublik Albanien einerseits und der seit 1970 international gefeierte Literat andererseits: ein Spannungsfeld, das bis in die 90er Jahre anhalten sollte und - wenn man so will - Ismail Kadare in die Wiege gelegt wurde: Gjirokastra, das südalbanische Städtchen am Steilhang mit burgähnlichen Wohnhäusern aus Stein, ist nicht nur Kadares Geburtsort, sondern auch der Enver Hoxhas, des jahrzehntelangen Diktators. Schon Kadares früher Roman „Chronik aus Stein“ (1971/88) setzte dieser besonderen Stadt ein literarisches Denkmal. 

"Es war dies wirklich eine sehr seltsame Stadt. Man konnte auf einer Straße gehen und, wenn man wollte, den Arm ein wenig ausstrecken, um seine Mütze über die Spitze eines Minaretts zu stülpen. Vieles war schwer zu glauben, und vieles war wie im Traum."

(Chronik aus Stein, Ismail Kadare)

Ismail Kadare

Seit 2005, dem Jahr, in dem der berühmte Sprößling der Stadt mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, zählt Gjirokastra zum Unesco-Weltkulturerbe. Kadares neues Buch „Geboren aus Stein“ kehrt zurück an diesen Ort, versammelt zumeist erstmals auf Deutsch erscheinende, autobiografische Prosa, die von seiner Kindheit in Zeiten politischer Unruhen berichtet. Denn in der Ära, in der der Sohn eines Gerichtsboten und einer Hausfrau im Jahr 1936 geboren wurde, wechselten die Besatzer seiner Heimatstadt ziemlich regelmäßig. Nach dem Rückzug italienischer und deutscher Truppen, nach steter Fremdherrschaft, erlebt der Jugendliche Ismail den unaufhaltsamen Aufstieg der kommunistischen Partei, neben Hoxha wird Stalin zur Kultfigur in Albanien.

"Unsere letzte Hoffnung war Enver Hoxha, dessen erster Auftritt dringend erwartet wurde...Unsere Nase sagte uns, dass wir diesmal nicht enttäuscht werden würden. Leider wurde es wieder nichts. (…) Dieser Mann hatte so gar keine Ähnlichkeit mit Hamlet oder Conte Ugolino della Gherardesca. Ganz zu schweigen von Zorro mit der schwarzen Maske."

(aus: Geboren in Stein)

Dem berühmtesten Autor Albaniens gelingt ein federleicht daherkommender Mix aus kindlichem Begreifen, alten Mythen und Landes-, ja sogar Weltgeschichte, durchzogen von grimmigem Humor angesichts der kommunistischen, paranoiden Herrschaft, die erst Anfang der 90er Jahre zusammenbrach.

Ismail Kadares Wege um die Zensur herum

Das neueste Buch Kadares: "Geboren aus Stein" (S. Fischer)

Ismail Kadare hat mittlerweile über 40 Romane über diese jahrzehntelang "isolierte Insel" Europas geschrieben. Schon die phantasievollen Titel seiner Werke, z.B. "Die Schleierkarawane", "Konzert am Ende des Winters", "Der zerrissene April" oder "Der Palast der Träume", zeugen nicht nur von der Schönheit seiner Prosa, sondern auch davon, dass er häufig, um der Zensur zu entgehen, auf Schauplätze anderer Epochen auswich. So spielen seine Romane und Erzählungen mal vor der Kulisse des Osmanischen Reiches, mal zur Zeit der griechischen Antike.

Seine internationale Bekanntheit hat Ismail Kadare wohl letztlich davor bewahrt, inhaftiert oder gar ermordet zu werden. Heute wird sein Werk international hochgeschätzt und in mehr als 45 Sprachen übersetzt. Dennoch wird dem Autor, der nach der Demokratisierung Albaniens zwischen Tirana und Paris pendelt, immer noch vorgeworfen, den damaligen Machthabern zu nahe gestanden zu haben.

"Was heißt es denn, in einem Land wie diesem dem Regime nahe zu stehen? Vielleicht dass ich am Leben war?" (Ismail Kadare, 2016)

"Geboren aus Stein"

autobiografische Prosa von Ismail Kadare

Schauspieler Stefan Wilkening taucht ein in die Kindheit Ismail Kadares.

Eine Lesung von Stefan Wilkening am 29. Oktober in den radioTexten am Dienstag, kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern 2

Moderiert von Antonio Pellegrino

Das Buch "Geboren aus Stein" ist in der Übersetzung von Joachim Röhm bei S. Fischer erschienen.

Unsere Lesungen können Sie nachhören: auf dieser Seite im Stream, als Download im Podcast-Center des Bayerischen Rundfunks und überall, wo es Podcasts gibt.


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