Bayern 2 - radioTexte


34

Durch Sarajevo von 1914 Mit Dževad Karahasans Erzählung "Historia"

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart mäandern Dževad Karahasans Helden in seinem neuen Erzählband "Das Haus der Müden". Aus der Zeit Gefallene, die von einer längst vergangenen Welt träumen, Außenseiter, Verliebte, Beamte aus der alten k.-und-k.-Monarchie. Mit leiser Ironie und Melancholie erzählt der bosnische Schriftsteller von Menschen, die ihre Vergangenheit wie eine Schleppe hinter sich herziehen. Der Schauspieler August Zirner liest eine Geschichte, die 1914 in Sarajevo spielt. Plötzlich tauchen Briefe auf, die vor mehreren Jahren aufgegeben wurden. Was steckt dahinter?

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 07.06.2019

Sarajevo | Bild: picture-alliance/dpa

"Ein Haus für die Müden"

Dževad Karahasan, der Moslem mit katholischer Bildung, der Bosnier und Philosoph mit dem Charme der Donaumonarchie, der 1992, mit seinem Kriegstagebuch aus Sarajewo bekannt wurde, wirbt mit seinen Geschichten und Essays für Toleranz zwischen den Kulturen und Religionen. "Ein Haus für die Müden" heißt sein neuer Erzählband, der im Sommer 1914, zu Kriegsbeginn anfängt.

"Als sich der Kellner entfernt, holte Petrovic ein Bündel Briefe hervor und legte einen neben den anderen auf den Tisch, zu jedem Brief den Namen dessen nennend, an den er gerichtet war. 'Herr Jovanovic, das große Modehaus in der Franz-Joseph-Straße. Josua Salom. Jovanovic, Kerzenfabrikation, Mihajlo Petrović. Ahmed Muhtar-beg …'
'Fällt Ihnen etwas auf?', fragte Kalikst Petrović nach einer gespannten Schweigepause."

aus: 'Ein Haus für die Müden', Suhrkamp,übersetzt von Katharina Wolf-Grießhaber

Ein Kaffeehaus in Sarajevo

September 1914. Bürger in Sarajewo sind beunruhigt. Nicht, weil der Krieg begonnen hat, der 1.Weltkrieg, der einmal der Große Krieg heißen wird. Sondern wegen rätselhafter Briefe, die ihre Adressaten plötzlich erreichen – mit einer Verspätung von zwei Jahren! Kalikst Petrović, zuständig für „Kriegspost & Telegraphie“, ist der Sache auf der Spur und trifft sich mit zwei Journalisten, im Kaffeehaus, versteht sich.

"In den zwei Jahren, in denen die Briefe verschwanden, wurde nicht ein einziger Erpressungsversuch unternommen, der Täter ist also entweder ein Narr oder ein nie gesehener Pechvogel."

aus: 'Ein Haus für die Müden'

Blick vom Rathaus auf Sarajevo mit Moscheen, Kirchen und Synagogen

So beginnt "Historia", die erste Erzählung im Band "Ein Haus für die Müden", fünf zauberhafte Geschichten, alle sepiabraun getönt, voller Melancholie und Sehnsucht, zeitlos und zeitgenössisch zugleich. Fünf Geschichten im Schatten der großen Geschichte, Beispiele einer verlorenen Welt, in der deutsche, slawische, arabische Namen noch nebeneinander existierten, lange vor den ethnischen "Säuberungen" der Balkankriege.

Fünf gebrochene Biographien voll süßer Trauer, Schmerz und Einsamkeit, alle beispielhaft für Jugoslawien im 20. Jahrhundert, als sich die Welt immer wieder von Grund auf wandelte. Aber diese Figuren wehren sich, stur und weise, gegen die Eile des Fortschritts und die Diktatur der Technik, gegen Ideologien und die Zersplitterung der Moderne. Und damit haben sie alle Sympathie von uns Lesern und ihrem Autor Dževad Karahasan:

"All das sind Menschen, die ich gekannt habe. Sie haben eine große Rolle in meinem Leben, in meinem Erwachsenwerden gespielt. Ich glaube, dass die Biographien, dass diese Menschen einen Bruch in unserer Geschichte sehr klar vor Augen führen. Sie alle träumten von Autarkie, von Selbstgenügsamkeit als einer guten Grundlage, einer unumgänglichen Voraussetzung für menschliche Freiheit. Sie fühlen, sie erleben Geschichte als ein Monster. Bis heute bin ich von all diesen Menschen irgendwie fasziniert. Und da ich mich auch zuletzt ziemlich einsam fühle, musste ich mit ihnen ein Gespräch anfangen."

Da ist Juso, der im Sozialismus Geschäftsführer seiner eigenen, enteigneten Bäckerei fürs Volk backen soll. Ein einsamer alter Vater, tief verwurzelt im bosnischen Land, hört befremdet von den Wundern des Reisens. Ein Sohn kommt aus Australien, arrangiert ein Scheinbegräbnis für die Eltern in heimatlicher Erde und erlebt die eigene Heimatlosigkeit, wie sein Autor, der im Grazer Exil lebt. Sie alle haben keinen Platz mehr in dieser Zeit, suchen "Ein Haus für die Müden".

"All die Helden sind Weltverweigerer, weil sie unbedingt autark sein wollen, und gleichzeitig sind sie buchstäblich Leute die mit einem Schicksal, mit ihrem Wesen einen Bruch in der Zeit zeigen sozusagen. Juso war mein Großvater mütterlicherseits, der Wunderzähler mein nächster Nachbar. Ich bewunderte ihre Hartnäckigkeit der Bereitschaft, selbstständig, unabhängig denken und agieren wollen, weil sie Mut und Kraft hatten gegen den Strom zu schwimmen."

In unserer Welt der Algorithmen zelebriert Dževad Karahasan Labyrinthe, Irrwege, Umwege, Einschübe, Phantastisches und schreibt mit großer Lust am Erzählen, philosophischer Tiefe, Empathie und fabelhafter Fabulierlust gegen den Strom, wie seine Figuren und entschleunigt uns beim Lesen. Der Weg ist das Ziel.

"Es gibt da eine schöne Äußerung von Martin Buber. Er empfiehlt, wenn einer den Weg sucht, nicht denjenigen zu fragen, der den Weg kennt. Denn in diesem Falle hat er keine Möglichkeit, sich zu verirren. Ich glaube, dass die Denkweise des Erzählens, der Kunst überhaupt, assoziativ ist. In den Begriffen der Kausalität kann die Mathematik denken. Kunst und Mensch denken, glaube ich, viel mehr allusiv. Ich glaube, dass der Mensch viel komplexer ist als sein Jetzt es aussagt, dass wir uns jetzt reduzieren. Der Mensch ist ein Wesen der Zeit."

Und die Lösung der rätselhaften Briefe ist letztlich eine Geschichte von Liebe und Tod und dem jungen Taubenzüchter und Briefträger Bego Lisić, der zu scheu war, sich seiner Auserwählten zu offenbaren und einen anderen Weg der Annäherung erdachte.

"Dem war nichts hinzuzufügen, sie gingen auseinander, schon da mit dem Wissen, dass die Geschichte von Bego Lisic weiterleben würde und in Vratnik, Bistrik, Sedrenik von Generation zu Generation weitergegeben würde, wie Familienschmuck und Erbkrankheiten."

aus: 'Ein Haus für die Müden'

2-teilige Lesung mit August Zirner

An den beiden Pfingstfeiertagen liest Schauspieler August Zirner Auszüge aus der ersten Geschichte des Erzählbandes "Ein Haus für die Müden" von Dževad Karahasan, der aus Graz zugeschaltet ist. Er erzählt von Menschen, die zwar im Jetzt leben, aber mit ihren Gedanken in der Vergangenheit verankert sind, die Rituale zelebrieren, um in der schnelllebigen Zeit nicht verloren zu gehen.


Teil 1 am Pfingstsonntag

Teil 2 am Pfingstmontag, jeweils um 14.30 Uhr auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Im Rahmen des Literaturfestivals "LESEN!" ist Dževad Karahasan am 5. Juli Gast im Kulturforum Fürth. Beginn: 20 Uhr

Bosnische Kaffeetradition

Man füllt eine Džezva mit einer Mokkatasse Wasser, dazu gibt man feinst gemahlenes Kaffeepulver und erhitzt alles ganz langsam. Dabei rührt man ständig um, bis sich ein cremiger Kaffeeschaum bildet. Den schöpft man ab, gibt ihn in eine Tasse und kocht den Rest nochmals langsam auf und gießt ihn vorsichtig "unter" den Schaum in die Tasse. Eine alte Tradition, an der sich Karahasans Figuren oft festhalten, auch wenn sich alles um sie verändert.
Wie aber das bosnische "Kaffee backen" genau funktioniert, erzählt Dževad Karahasan am Pfingstmontag, in radioTexte - Das offene Buch, um 14.30 Uhr auf Bayern 2.


34