Bayern 2 - radioTexte


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Der schreibende Segler Simone Perotti steuert Sehnsuchtsinseln an

In Italien sind seine Bücher Bestseller. Nun gibt es endlich ein erstes Buch von Simone Perotti auf Deutsch zu entdecken. Sein "Atlas der Mittelmeerinseln" stellt 42 unbekanntere Inseln vor, die der Schriftsteller und Bootskapitän selbst ansegelte. Zwischen Piratenlegenden und Politik, Realität und Fiktion treiben die kurzen Essays des schreibenden Seefahrers. Lesung mit Annette Wunsch und Christian Baumann

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 10.07.2019 | Archiv

Segelboot auf dem Meer | Bild: BR

Sein Zuhause? Die "Mediterranea", ein 18 Meter langes Segelboot, auf dem der frühere PR-Manager seit 2014 das Mittelmeer befährt. Das "Progetto Mediterranea" ist eine auf fünf Jahre angelegte Expedition, eine kosmopolitische und internationale Tour de force auf den dunklen Wellen zwischen Europa und Afrika, ein wissenschaftliches und kulturelles Entdeckungsprojekt, das solche momentan so wichtigen Fragen umtreibt, was das verbindend Mediterrane sein könnte. Am 12. Oktober wird der schreibende Segler schließlich den Hafen von Genua anlaufen, nach 32.000 zurückgelegten Kilometern zu Wasser. Wenn sich also einer auskennt auf dem Mittelmeer, dann der 1965 geborene Simone Perotti!

Geheime Inseln im "Mare Nostrum"

Blick auf die italienische Insel Ponza

"Auf Ponza erweist sich die Tendenz des Mittelmeers zu Illusionen und Trugbildern. Oder vielleicht ist es auch ein Scheidepunkt, die Metapher von Ende und Anfang, der echte Zweifel, der alle zwischen Wasser und Inselgrund befällt. Es wird die Angst sein, die das Meer verbreitet, wenn er den weißen flügel der westlichen Sandbank verschlingt."

(Simone Perotti, Atlas der Mittelmeerinseln)

Inseln im Meer stehen für Freiheit und Unabhängigkeit, bieten Exil oder Rettung nach dem Schiffbruch. Mancher wünscht sich weit fort auf eine Insel, sucht dort Erholung und findet Einsamkeit. Inseln sind seit jeher auch Orte der Gefangenschaft. Halb gehören sie dem Land, halb dem Meer. Sie bergen die Geheimnisse von Schmugglern und Piraten. Und manchmal nur Sand und Steine. Insgesamt liegen 4300 Inseln im Mittelmeer. Simone Perotti hat per Segelschiff viele davon selbst angesteuert und erkundet – bekannte wie Djerba und Lampedusa und ganz kleine, unbekannte wie Nueva Tabarca (Spanien) oder Jazirat Jalitah im Kanal von Sardinien (Tunesien).

"Wenn ihr stur den Seerouten folgt, werdet ihr sie leicht verfehlen. Wenn man reist, um sich zu verirren, gibt es kein verlässlicheres Instrument, und auf Inseln wie Jazirat Jalitah trifft man einzig und allein durch einen Fehler. Noch dazu durch den unverzeihlichsten: den Wunsch nach Freiheit."

(Simone Perotti)

Er besucht die Menschen dort, erfährt von Geflüchteten und Gestrandeten aus allen Zeiten, erzählt alte Mythen und heutiges Strandleben oder lauscht einfach der gar nicht so stillen Natur. Perottis Inseln sind keine Traumwelten: Man findet sie auf seinen nautischen Karten, dank GPS-Daten und vielfältigem historischen und geographischen Wissen. Perottis nautische Prosa - das ist Politik, Kultur, Geografie und Geschichte mit Erzählkunst verschäumt. Leinen los!

Atlas der Mittelmeerinseln

Simone Perottis "Atlas der Mittelmeerinseln", aus dem Italienischen von Julika Brandestini übertragen, mit 42 Seekarten, ist im Wagenbach Verlag erschienen.
Am 10. September lesen Annette Wunsch und Christian Baumann
Auszüge aus dem "Atlas" in den radioTexten am Dienstag, kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern2.
Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino

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