Bayern 2 - Nachtmix


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Queen of Country Rock Linda Ronstadt

Sie sang Balladen, Klassiker und Countrylieder und interpretierte die Songs der ganz Großen: Linda Ronstadt begann ihre Karriere als Hippie-Mädel vom Land - bald avancierte sie jedoch zum Star eines ganzen Genres. Das Nachtmix-Playback gratuliert mit einem Rückblick auf ein Leben zwischen Landleben und der weiten Welt.

Von: Judith Schnaubelt

Stand: 19.10.2011 | Archiv

Linda Ronstadt | Bild: picture-alliance/dpa

"Anfang 1975 landet Linda Ronstadt ihren einzigen Nummer-eins-Hit in den Billboard-Charts, als ihre Version des 60er-Jahre-R&B-Songs "You're no good" auf dem Höhepunkt der Country-Rock-Ära den Zeitgeist trifft. Linda Ronstadt ist da 28 Jahre alt und kann schon auf eine lange Karriere zurückblicken. Ihr Vater ist halb-mexikanischer, halb-deutscher Herkunft. Ihr Urgroßvater hieß Friedrich August Ronstadt und wanderte Mitte des 19. Jahrhunderts von Hannover aus in die USA, genauer nach Arizona ein, wo er eine Mexikanerin heiratete und ein reicher Unternehmer wurde. Linda selbst wuchs behütet und in besseren Kreisen in der Industriestadt Flint, Michigan auf, genau wie Michael Moore übrigens.

Aber schon Mitte der Sechziger zog es sie zum Musik-Machen nach Kalifornien und wurde 1965 als 19jährige Teil des Folk-Rock-Trios "The Stoney Poneys". Die Band machte drei Alben, die vom Widerstandsgeist der späten Sixties zeugen. Und immerhin hatten sie einen Top-20-Hit: "Different Drum", ein Song, den - witzigerweise - Michael Nesmith, das musikalischste Mitglied der Casting-Ban "The Monkees" geschrieben hat. Nach diesem Hit war nicht nur die Plattenfirma, sondern auch die Sängerin selbst der Meinung, dass sie es auch als Solistin schaffen könnte. Linda hatte eine voluminöse, unverkennbare Stimme und sah sehr hübsch und immer auch in bisschen mexikanisch aus. Alles sprach für eine erfolgreiche Solo-Karriere. Sie unterschrieb bei Capitol Records und veröffentlichte 1969 ihr erstes Solo-Album "Hand sown, home grown" - handgesät und großgezogen. Ihr Image war das natürliche Hippie-Mädel vom Lande, das es mit den ganz großen Songs aufnimmt.

Linda Ronstadt war nämlich niemals eine Singer/Songwriterin, sondern immer eine reine Interpretin. Auf dem Album sind zwei Dylan-Songs und einer von Randy Newman. Man hielt sich für Linda Ronstadt hier aber auch noch eine weitere Option offen, nämlich die der Country-Sängerin. Linda Ronstadts Country rockte schon Ende der Sixties beträchtlich, aber ernst zu nehmende Aufmerksamkeit erzielte sie erst mit Album Nummer 2, mit "Silk Purse" von 1970. Das Cover zeigte sie im Minirock in einem Schweinestall sitzend und die Song-Auswahl geht hier schon mehrheitlich in Richtung Country - mit Songs, die schon Hank Williams und Mel Tillis gesungen hatten. Eine eher poppige Ballade auf dem Album muss Linda gegen den Widerstand ihrer Plattenfirma durchsetzen, aber genau dieser großartige Schmachtfetzen von einem Song beschert ihr den ersten Top-Thirty-Hit: "Long long Time" - damit wird Linda Ronstadt in den ganzen USA bekannt, was sie vor allem diversen Fernsehshows verdankt, in denen sie ihren Hit singen kann. Trotzdem will sie etwas ändern an ihrem Image und an ihrer Musik.

Sie will selbstbestimmter werden und orientiert sich dabei an Gram Parsons, dem Prince of Country Rock. Der hat gerade mit seiner neuen Band, den Flying Burrito Brothers, gezeigt, wie man Country-fizierte Rockmusik für die fortschrittliche Jugend der USA machen kann. Ein linksliberales Cowgirl, das will auch Linda Ronstadt sein. Sie heuert 1970 den damals 22jährigen Gitarristen Glenn Frey an, ihr eine eigene Band zusammenzustellen. Der findet den Schlagzeuger Don Henley, den Gitarristen und Banjo-Spieler Bernie Leadon und den Bassisten Randy Meisner, die alle auf dem dritten Ronstadt-Album mitspielen. Sie tun das nur dieses eine Mal, denn danach gründen sie die "Eagles" und werden die erfolgreichste Band der 70er Jahre. Das Album - wie gesagt: Linda ist im Selbstfindungsmodus - heißt einfach "Linda Ronstadt“ und wird zum Blueprint von Country Rock.

Linda Ronstadt lässt die Eagles in Frieden ziehen nach diesem Album. Und die erhaltene Freundschaft soll ihr später noch sehr nützlich sein. Schon auf dem Nachfolger "Don't cry now" covert sie die Eagles-Hymne "Desperado". Capitol Records hat sie nach dem dritten Album gehen lassen. Man glaubt nicht mehr an den ganz großen Durchbruch - ein schwerer Fehler der A&R-Abteilung. Linda Ronstadt wechselt völlig konsequent zu dem Label, das wie kein zweites für Roots Rock Musik steht: Asylum Records hat Anfang der 70er nicht nur die Eagles und Jackson Browne, sondern auch Joni Mitchell und Tom Waits unter Vertrag. Linda Ronstadt singt auf "Don't cry now" Songs von Neil Young, JD Souther und den Flying Burrito Brothers, konzentriert sich aber mehr auf gepflegte Balladen, um ihre Sangeskünste in den Vordergrund zu stellen. 

"Don’t cry now" wird Linda Ronstadts erstes Hit-Album, sie passt wunderbar in den Zeitgeist, und das will sie auch. 1974 erscheint das Album, das viele Kritiker für ihr bestes halten: "Heart like a Wheel". Wieder produziert vom Engländer und Beatles-Spezi Peter Asher enthält es nicht nur die Hit-Single "You're no good", sondern auch zu Herzen gehende Balladen von abermals Hank Williams, Paul Anka und Lowell George - bietet also ein großes Spektrum zwischen Mainstream und Subkultur, zusammengehalten durch Ronstadts voll durchtrainierte Stimme. Den Titelsong hat eine damals noch völlig unbekannte Kanadierin geschrieben, die durch den Erfolg der Linda-Ronstadt-Platte bald Aufwind für die eigene Karriere bekommt: Anna McGarrigle, die bald darauf an der Seite ihrer Schwester Kate die Folk-Szene bereichert.

1975 ist sie ein Superstar und ein Workaholic. Dank "You're no good" ist sie nun auch außerhalb der USA eine feste Größe - und sie schmiedet das Eisen, so lange es heiß ist. Sie veröffentlicht schon bald ein neues Album namens "Prisoner in Disguise" und tourt unablässig durch die Weltgeschichte. Der Rolling Stone nimmt sie aufs Cover und am Ende des Jahrzehnts wird sie die umsatzträchtigste, weibliche Musikerin der 70er Jahre sein. Dabei bleibt sie sich musikalisch treu und auch Jerry Brown, dem umstrittenen Gouverneur von Kalifornien. Das Songspektrum erweitert sie nun auch in Richtung Reggae und Motown-Soul. Auf "Prisoner in Disguise" finden sich Versionen von Jimmy Cliffs "Many Rivers to cross" und Smokey Robinsons "Tracks of my Tears".

Linda Ronstadt hat sich - wie der gesamte, amerikanische Mainstream-Rock der mittleren 70er Jahre - längst von der subversiven Kraft der Sixties entfernt. Sie ist jetzt im Zentrum der Populärkultur, ahnt aber schon 1976, dass nichts so bleiben wird wie es war. Sie reagiert mit einer allmählichen Abwendung vom Country Rock, will jetzt als wahre Rock and Rollerin wahrgenommen werden, was auch gelingt. Anfang 1977 taucht sie in einer Titelgeschichte des Time Magazines als "Queen of Rock" auf. Der Fotograf überredet die Jeans-Trägerin dafür jedoch, in ein schickes Kleidchen zu schlüpfen und einen auf Kuschelkäötzchen zu machen, was sie später bereut. Sie selbst befördert das Rocker-Image jedoch weiter mit Hit-Singles wie Buddy Hollys "That'll bet the Day". Wir sind im Jahr 1977, wo in New York City und London von den Punk Rockern schon zum Angriff auf jede Gefälligkeit geblasen wird. Just in diesem Jahr erreicht der kommerzielle Erfolg von Linda Ronstadt seinen Höhepunkt.

Das Album "Simple Dreams" wird ihr bestverkauftes werden. Sie post als elegante, einsame Diva vor dem Schminkspiegel in der Garderobe. Das Album wird später einen Grammy für die beste Verpackung erhalten - worüber man streiten kann. Auf "Simple Dreams" ist aber auch der andere Song neben "You're no good", den selbst wenig Pop-interessierte von Linda Ronstadt kennen dürften - ihre Version von Roy Orbisons "Blue Bayou" - sie wird später auch auf deutsch gecovert, von Paola übrigens, der Frau von Kurt "Verstehen Sie Spaß" Felix.

Für Linda Ronstadt geht's von da ab allerdings langsam, aber reativ beständig abwärts. Sie lässt einen "Born in the USA"-Abklatsch folgen, auf dem sie auf dem Cover mit Hot Pants und Roller Blades zu sehen ist, 1980 versucht sie sich auf einem New-Wave-Album an Elvis-Costello-Songs, um in den Mittleren Achtzigen dann als Jazz-Sängerin aufzutauchen. Mit dem Orchester von Nelson Riddle nimmt sie drei Alben mit Jazz-Standards auf, aber der Umstieg vom Rock zum Jazz funktioniert nicht richtig. Die Selbsterfindung als gediegene Diseuse verkauft sich immer noch ganz gut, wirft aber keine Hits mehr ab.

Linda Ronstadt hat es - wie alle Stars der Sixties und Seventies - schwer in den 80er Jahren, wo nun Madonna und Cyndi Lauper die neuen weiblichen Role-Models sind. Ziemlich früh steigt Linda Ronstadt auf Roots Musik um. Sie nimmt drei Alben mit mexikanischen Songs auf, erinnert sich also an Teile ihrer Herkunft und präsentiert sich auf dem Cover als feurige Señorita. Im gleichen Jahr, wo Linda Ronstadt erstmals ausdauernd spanisch singt, beansprucht sie erstmals Legenden-Status. Gemeinsam mit County-Göttin Dolly Parton und der Prinzessin des Country Rock, Emmylou Harris, nimmt sie das Album "Trio" auf, auf dem sich die Sängerinnen zu Höchstleistungen stimulieren. Linda Ronstadt fällt in diesem Trio die Rolle der tragischen Heldin zu - zwölf Jahre später soll noch ein solches Album erscheinen, das dann leider nicht mehr so gut ist.

Die Neunziger beginnen noch einmal sehr erfolgreich mit dem unerträglich schnulzigen Duett "Don't know much" an der Seite von Aaron Neville, doch dann wird's immer stiller um Linda. Sie versucht es mit New-Age-Anklängen, dann mit Kinderliedern und einer Rückkehr zum Country Rock, aber nichts will wirklich mehr zünden. Doch 1999 kommt noch einmal ein starkes Album daher. Gemeinsam mit Emmylou Harris  nimmt sie die sog "Tuscon Sessions" auf, akustische Versionen von unbestreitbar großen Songs. Und dieses Album der inzwischen 53-Jährigen wirkt auf einmal wieder authentisch und wehmütig wie in ihren besten Tagen.

Im neuen Jahrtausend hat sie sich vor allem als politische Aktivistin hervorgetan, ist öffentlich gegen den Irak-Krieg und für die Rechte der Schwulen aufgetreten und hat einmal sogar George W.Bush in einem Zeitungsinterview als "Idioten" bezeichnet.


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