Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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8. Februar 1874 Uraufführung von "Boris Godunow"

Ein "musikalisches Volksdrama" nannte Modest Mussorgski seine Oper "Boris Godunow". Zukunftsweisend, eindrucksvoll - und von den Kritikern gnadenlos verrissen. Die erkannten zwar die Verwurzelung der Musik in russischen Volksweisen mochten aber die vielfältigen Beziehungen zur asiatischen Musik und Harmonik nicht. Autor: Markus Vanhoefer

Published at: 8-2-2023 | Archiv

08.02.1874: Uraufführung von "Boris Godunow"

08 Februar

Mittwoch, 08. Februar 2023

Autor(in): Markus Vanhoefer

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Eigentlich hätte Modest Mussorgski hochzufrieden sein können. Seine Oper "Boris Godunow" machte "mächtig Eindruck". Die gewaltigen Massenszenen, die Bezüge zu Russlands Geschichte und archaischer Volkskunst begeisterten das Publikum im Mariinski-Theater von Sankt Petersburg. Kein Zweifel, die Premiere des "musikalischen Volksdramas" am 8. Februar 1874 war ein Erfolg mit "nicht enden wollendem Applaus und vielen Vorhängen", wie der Musikkritiker Wladimir Stasov seiner Tochter berichtete. 

Kakophonie und Chaos?   

Dennoch hatte die Uraufführung des Werks, dessen Titelfigur der "historische" russische Zar Boris Godunow ist, einen bitteren Nachgeschmack. Zumindest für Modest Mussorgski. Denn im Gegensatz zum stürmischen Applaus der meist jungen, national-fortschrittlichen Zuschauer fiel das Urteil vieler Fachleute ablehnend aus. Genauso wie die Kritiken der wichtigen, meinungsbildenden Zeitungen: Von Kakophonie und Chaos war die Rede, von dramaturgischen Schwächen und naiver Grobheit.

Unter den medialen Ohrfeigen ragte eine Rezension heraus, deren verletzende Schärfe den Komponisten bis tief ins Mark traf: "Herrn Mussorgskis (...) wahre Probleme sind seine mangelnde Reife, seine Unfähigkeit zur Selbstkritik,  seine Selbstzufriedenheit und seine überhasteten Kompositionsmethoden".

In Augen des Boris-Godunow-Meisters müssen diese Zeilen Hochverrat gewesen sein, denn sie stammten aus der Feder seines engen Freundes und ästhetischen Verbündeten César Cui.

Das "mächtige Häuflein"

Bis zu jener fatalen Kritik waren Mussorgski und Cui Brüder im konspirativen Geiste, Mitglieder einer kleiner Gruppe revolutionärer Komponisten, die als "mächtiges Häuflein" in die Musikgeschichte eingegangen ist.

Die Fünf, wie sie auch genannt wurden, waren junge Adelssöhne, die sich neben ihren akademischen Berufen für die Tonkunst begeisterten. Sie hatten sich nichts Geringeres auf die Fahne geschrieben, als die Schaffung einer eigenständigen russischen Kunst-Musik.

Eine Idee, die Modest Mussorgski in seinem "Boris Godunow" konsequent verfolgte. Zum Beispiel in dem er, so wie es das "mächtige Häuflein" forderte, Elemente russischer Volksmusik in seine Oper integrierte - und somit einer Musik, die harmonisch und rhythmisch nicht nach den Gesetzen und Hörgewohnheiten europäischer "Klassik" funktioniert.  Indem er dies tat, komponierte Mussorgski ein Werk, das die musikalische "Grammatik" der Zeit verletzte. Er brach Regeln, um neuen Ausdrucksmöglichkeiten die Türe zu öffnen. Aus heutiger Sicht ist "Boris Godunow" eines der sowohl eigenständigsten als auch fortschrittlichsten Werke der gesamten Operngeschichte.

Nach Mussorgskis Tod wird ein anderer des "mächtigen Häufleins", Nikolai Rimski-Korsakow, die Partitur des "Boris" überarbeiten und viele der "Regelbrüche" abmildern. Es ist der wohl tragischste Aspekt der Boris- Godunow-Premiere: Dass die Musikrevolutionäre von damals das wahre Revolutionäre des Werks nicht richtig erkannten und wertschätzten. 


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