Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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10. Juni 1896 Amelia Dyer wird gehängt

Amelia Dyer nütze die Heuchelei und Prüderie des Viktorianischen Zeitalters aus. Angeblich kümmerte sie sich um unehelich geborene Kinder, tatsächlich brachte sie viele von ihnen um. Am 10. Juni 1896 wurde sie gehängt.

Stand: 10.06.2013 | Archiv

10 Juni

Montag, 10. Juni 2013

Autor(in): Ulrike Rückert

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Thomas Morawetz

1879 wurde Amelia Dyer zum ersten Mal verhaftet: Binnen zwei Wochen waren vier Säuglinge in ihrer Obhut gestorben. Der Richter glaubte, sie habe sie absichtlich verhungern lassen, aber mangels Beweisen dafür schickte er sie wegen Vernachlässigung der Kinder für sechs Monate ins Zuchthaus.

Höllenschlund

Amelia Dyer, verheiratet und Mutter von drei Kindern, war, was man in England eine "Babyfarmerin" nannte. In ihrem Haus brachten Frauen ihre unehelichen Kinder zur Welt, die sie in gute Hände zu vermitteln versprach. Außerdem adoptierte sie selbst  Kinder von Frauen, denen sie vorspiegelte, sie wolle das Baby wie ihr eigenes aufziehen. Dafür bezahlten ihr die Mütter Geld, oft einen ganzen Jahreslohn.

Die viktorianische Gesellschaft verklärte die Mutter, aber sie verdammte Frauen, die ihren rigiden Moralkodex brachen. Prüderie und Doppelmoral verhinderten nicht, dass uneheliche Kinder geboren wurden. Aber Dienstmädchen und Arbeiterinnen verloren deshalb ihre Stelle, und der Staat half ihnen nicht. Im Gegenteil - er hatte sogar Väter von der Pflicht befreit, für ihren illegitimen Nachwuchs Alimente zu zahlen, und Waisenhäuser nahmen die Kinder nicht auf. Bürgerlichen Frauen, die ihren Leumund verspielten, erging es kaum besser.

Eine Lösung boten Frauen, die Kinder gegen gutes Geld in Pflege nahmen oder an Adoptiveltern vermittelten. Viele von ihnen taten ihr Bestes. Manche waren wie Amelia Dyer. Hinter ihrer respektablen Fassade verbarg sich ein Höllenschlund voll Betrug, Kinderhandel und Mord. Es gab gutsituierte Paare, die für die anonyme Vermittlung eines Babys blanke Goldstücke bezahlten. Die vielen, die keine Abnehmer fanden, schwanden schnell dahin, unterernährt, mit Opiumtropfen ruhiggestellt und eines Nachts beseitigt. Falls jemand ihrem Verbleib nachforschte, verlor sich die Spur in einem Gestrüpp von Ausflüchten. Ihre eigene Fährte verwischte Amelia Dyer mit häufigen Umzügen und vielen falschen Namen.

Paket aus dem Wasser gefischt

Sicher wussten manche Mütter, was geschah. Andere kratzten jeden Penny zusammen, damit ihr Kind gut versorgt war. Sie glaubten, in Amelia Dyer eine liebevolle Pflegemutter gefunden zu haben. So wie die junge Gouvernante, die später ihren Sohn zurückholen wollte und vier Jahre lang vergeblich nach ihm suchte. Oder wie Evelina Marmon, die Amelia Dyer im März 1896 ihre Tochter anvertraute und zehn Tage später ihre Leiche identifizieren musste.

Ein Themseschiffer hatte bei Reading, wo Dyer zu dieser Zeit lebte, ein Paket aus dem Wasser gefischt und darin ein stranguliertes Baby entdeckt. Auf dem Packpapier war noch eine Adresse zu lesen, die zu Amelia Dyer führte. Als der Fluss bei Reading abgesucht wurde, fand man fünf weitere ermordete Kinder, darunter Evelina Marmons Tochter.

Der Skandal um Amelia Dyer brachte das Ausmaß des Elends ans Licht. Fast drei Jahrzehnte lang hatte sie ihr verbrecherisches Geschäft betrieben, war vor siebzehn Jahren schon verurteilt worden und hatte dennoch weitermachen können. Wie viele ihresgleichen gab es noch? Kinderschützer kämpften seit langem gegen eine Tragödie, vor der Politik und Öffentlichkeit die Augen schlossen. Aber auch sie rührten nicht an die Wurzel, an die bigotte Moral.

Am 10. Juni 1896 wurde Amelia Dyer in London gehängt. Sie hatte ein Geständnis abgelegt, aber wie viele Kinder sie tatsächlich umgebracht hatte, konnte sie selbst nicht mehr sagen.


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