Bayern 2

radioWissen am Nachmittag Narziss und Co

Frau vor Spiegel | Bild: colourbox.com

Mittwoch, 28.03.2012
15:05 bis 16:00 Uhr

  • Als Podcast verfügbar

BAYERN 2

Narzissmus
Von ganzem Herzen Ich

Habgier und Raffsucht
Mit vollem Hals im moralischen Keller

Das Kalenderblatt
28.3.1882
Patent auf das "gestrichene Pflaster"
Ausgewählte Beiträge als Podcast verfügbar

Narzissmus - Von ganzem Herzen Ich
Von Ania Mauruschat

"Liebe zu mir selbst verbrennt mich, ich selbst entzünde die Liebesflammen, die ich erleide." Diese Erkenntnis legte vor 2.000 Jahren der römische Dichter Ovid in seinen "Metamorphosen" dem Jüngling Narziss in den Mund, als dieser verzweifelt verliebt sein Spiegelbild in einem Quell betrachtet. Damit artikulierte Ovid ein Motiv, das seit der Antike in der Literatur- und Kulturgeschichte immer wieder in Variationen auftauchte: Von Ovids mythischem Jüngling über die Stiefmutter in dem Gebrüder-Grimm-Märchen "Schneewittchen", die sich ständig in ihrem "Spieglein, Spieglein an der Wand" betrachtet, bis hin zu Oscar Wildes "Dorian Gray" oder Walt Disneys "Cinderella" und Bret Easton Ellis' "American Psycho". In diesen Geschichten scheint das Wissen um eine tiefe Wahrheit gespeichert: Selbstbewunderung, Selbstverliebtheit und übersteigerte Eitelkeit findet sich seit jeher bei einigen Menschen, die mit diesen Eigenschaften anderen Menschen das Leben zur Hölle machen können.
Wenn heute von Narzissmus die Rede ist, spricht man allerdings in der Regel von einem komplexen Konstrukt, das sowohl normale als auch krankhafte Züge annehmen kann. Schon Sigmund Freud unterschied 1914 zwischen einem primären und einem sekundären Narzissmus, und Alice Miller betonte, dass es sowohl eine gesunde Selbstliebe gibt, die unverzichtbar ist, um sich im Leben durchzusetzen, als auch eine krankhafte, übersteigerte Form der Selbstliebe, die es unmöglich macht, mit anderen Menschen Beziehungen einzugehen.
Nachdem Narzissmus Jahrzehnte lang als rein männliches Phänomen galt, weiß man heute außerdem, dass Frauen genauso wie Männer anfällig sein können für pathologische Grandiositätsvorstellungen, auch wenn sich diese bei den weiblichen Narzissten meist auf andere Weise zeigen als bei den männlichen.
Narzissmus ist schwer zu fassen. Klar scheint nur zu sein, dass er sich einigen Jahren wie ein Virus ausbreitet. Der US-amerikanische Historiker Christopher Lasch sprach bereits in den 70er Jahren vom "Zeitalter des Narzissmus". Und die US-amerikanischen Wissenschaftler Jean M. Twenge und Keith Campbell beobachteten vor allem für das vergangene Jahrzehnt eine Art "Narzissmusepedemie".
Zum Teil mag diese mit Selbstdarstellungsplattformen wie "Facebook" zu tun haben. Der Autor, Pädagoge und Therapeut Heinz-Peter Röhr sieht die Zunahme des Narzissmus jedoch in einem größeren Zusammenhang: "Der typische Narzisst, selbstbezogen und rücksichtslos, erfüllt vorzüglich die Bedingungen, die in der Wirtschaft gefragt sind und hat alle Chancen, Karriere zu machen." Wehe nur dem, der einen Narzissten oder eine Narzisstin zum Chef hat.

Habgier und Raffsucht - Mit vollem Hals im moralischen Keller
von Michael Reitz
In früheren Zeiten galt sie als eine der sieben Todsünden. Heute scheint sie zu einem wichtigen gesellschaftserhaltenden Element geworden zu sein - die Habgier. Hohe Managergehälter und Bonuszahlungen, Steuermillionen in der Schweiz, immer neue Spekulationsblasen an der Börse. Egoismus und Ellbogeneinsatz, Rücksichtslosigkeit geht vor Gemeinwohl - Phänomene die nur in unserer Zeit vorkommen, in einem Wirtschaftssystem, das auf möglichst hohem Gewinn und Konkurrenzdenken basiert?
Der Beitrag untersucht, ob Habgier und Raffsucht zur Grundausstattung des Menschen gehören oder eher durch bestimmte gesellschaftliche und ökonomische Voraussetzungen erst zur vollen ichsüchtigen Entfaltung kommen. Sind wir tatsächlich von Natur aus gierige Wesen, die einander übervorteilen, wenn man uns nur die Gelegenheit dazu gibt? Was sagen Denker der Vergangenheit und Theoretiker der Moderne dazu?

Redaktion: Bernhard Kastner
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