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"Consent Calling" Wie ein Kollektiv München sexpositiver machen will

Mehr Lust und weniger sexuelle Gewalt – dafür setzt sich "Consent Calling" aus München ein. Das Kollektiv will Gespräche über sexuelle Wünsche und Grenzen aus der Tabuzone holen – mit Workshops, Beratung und einem eigenen Sexshop.

Von: Phillip Syvarth

Stand: 01.08.2022

Das Münchner Kollektiv "Consent Calling" | Bild: Hannah Hocker

Eine Gruppe Teenager beugt sich über den Tisch, auf dem diverse neonfarbene Gegenstände liegen. Gebogen wie Bananen oder ründlich wie dicke Erdbeeren: Sextoys, die auf dem TEDxYOUTH-Festival ausliegen. Mitgebracht hat sie das Kollektiv "Consent Calling" – vertreten durch Jojo und Miriam. "Das ist ein Penisring, der aber auch die Hoden stimuliert", erklärt Miriam gerade einem jungen Mann und hält ein dunkelgraues Spielzeug in den Händen. Währenddessen zeigt Jojo drei jungen Frauen einen pinken Dildo. 

Die Mission: Mehr Gespräche über Sex

Miriam und Jojo vom Kollektiv "Consent Calling" auf dem TEDxYOUTH-Festival

Der Tisch mit den Sextoys ist heute der Eisbrecher, um in ein offenes Gespräch über Sexualität und Lust zu finden. Denn das ist das Ziel des Kollektivs: die Kommunikation über eigene sexuelle Wünsche und Grenzen zu normalisieren. Um Interessierte in dieser Kommunikation zu schulen, bietet das Kollektiv auch Workshops an.

Die Grundlage: Das gegenseitige Einverständnis

Ganz am Anfang steht für "Consent Calling" bei der Kommunikation über Sex das gegenseitige Einverständnis. Jojo gibt regelmäßig den "Consent"-Workshop, in dem sie über konsensuellen Sex aufklärt. Das bedeutet: Ein "Nein" heißt Nein. Nur wenn das Gegenüber explizit einer körperlichen Handlung zustimmt, ist die auch in Ordnung. Im nächsten Schritt geht es ums regelmäßige Reflektieren während einer sexuellen Handlung – egal ob alleine oder mit anderen:

"Bin ich gerade cool? Wie geht es mir gerade in der Situation? Und ich sollte auch aktiv die andere Person fragen, wie es ihr geht. Denn oft kommt man in diesen Rhythmus und hinterfragt dann gar nicht mehr, was der nächste Schritt ist."

Jojo vom Kollektiv “Consent Calling”, klärt über einvernehmlichen Sex auf

Jojo wünscht sich, dass man aus dieser Passivität ausbricht. Damit beim Geschlechtsverkehr keine Grenzen überschritten werden oder Übergriffe passieren. Der Weg dorthin: die richtigen Worte finden, um Wünsche und Grenzen zu besprechen.

Die Frage: Was erregt mich wirklich?

Oft sind unsere Vorstellungen davon, wie guter Sex abläuft, popkulturell geprägt – also durch Filme, Bücher und Pornos. Deswegen sei es gar nicht so leicht zu erkennen, was einem selbst wirklich gut gefällt, meint Jojo. Es gebe normative Vorstellungen zu Geschlechtsverkehr, erklärt sie, die es zu hinterfragen gelte. 

Miriam (li.) und Jojo vom Kollektiv "Consent Calling" wollen Gespräche über Sex aus der Tabuzone holen.

Zum Beispiel: Brauche ich wirklich erst ein Vorspiel, dann die Penetration und zum Schluss den Orgasmus oder kann Sex für mich auch ganz anders verlaufen? Ein offener Austausch – mit sich selbst und mit Sexpartner*innen – helfe auch beim Verstehen der eigenen Lust. Was erregt mich wirklich? Die Antwort auf diese Frage zu finden, auch dabei will das Kollektiv "Consent Calling" helfen. 

Das Ziel: Aufklärung im Sexshop

Sexualberatung, Workshops und der Verkauf von Sextoys sollen bald in einem eigenen Sexshop stattfinden. Aktuell suchen Miriam, Jojo und die anderen Mitglieder nach Räumlichkeiten in München. Wichtig dabei: Helle Farben und ganz viel Tageslicht sollen den Sexshop charakterisieren. Denn "Consent Calling" will sexuelle Lust aus der verbotenen, dunklen Ecke befreien und ins Bewusste bringen


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