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Bayern genießen Schlecht und schlicht - Bayern genießen im September

Was bitte haben "schlecht" und "schlicht" miteinander zu tun? Zwei Adjektive, die einander scheinbar widersprechen? Das Schlichte gilt doch oft als besonders stilvoll und nützlich, nicht als schlecht. Aber lassen Sie sich nicht auf eine falsche Fährte locken!

Author: Julia Zöller

Published at: 1-9-2023 9:00 vorm.

Zeit für Bayern: Bayern genießen: Schlecht und schlicht

Der Grund, warum die beiden Begriffe durch ein "und" verbunden sind, ist schlechterdings:
Die Worte “schlecht“ und “schlicht“ haben mehr gemeinsam, als man denkt.

Heute verwenden wir das Wort "schlecht" meist im Sinn von "nicht gut", "minderwertig", "verdorben ". Das war in der Vergangenheit ganz anders. "Schlecht“ hat sich – genauso wie das Wort "schlicht“ aus dem Althochdeutschen "sleht/sliht" entwickelt, das "eben" und "glatt" bedeutete. Dann verwendete man "schlecht " im Deutschen eine Zeit lang im Sinn von "einfach", ohne negative Konnotation.

Erst ab dem 15. Jahrhundert trennt es sich: das Wort schlicht bezeichnet weiter das Einfache. Schlecht wird dann zur Abwertung verwendet, benennt also negativ etwas “nicht Gutes“. Heute sind wenige Worte noch in Gebrauch, in denen schlecht die alte, neutrale Bedeutung hat. “Schlechthin“, oder eben “schlechterdings“, haben die Zeit überdauert.

Unsere Genuss-Themen aus den bayerischen Regionen rund ums Motto "Schlecht und schlicht"

Da staunst nicht schlecht. Fischleder zum Anziehen aus Viechtach
Gar nicht schlecht. Zero Waste - Küche aus München
Schlichtes Arme-Leute-Essen. die Rhöner Zamette
Schlichtes Bauen. Die Mittelalterbaustelle in Bärnau
Außen schlicht – innen „wow“. Markgrafenkirchen im Raum Bayreuth
Beinahe übersehen. Die Kunst der Mittelfränkin Katja Wunderling
Krumm und bugglig. Wildholzmöbel aus dem Ostallgäu

Fischleder aus Viechtach/Niederbayern

Manchmal ist auch das vermeintlich Schlechte etwas Gutes. Die Haut vom Fisch zum Beispiel bleibt oft als ungeliebter Rest auf dem Teller. Bei Anatol Donkan ist das anders. Er arbeitet mit Fischhaut, gerbt und näht in seinem Fischlederhaus in Viechtach. Wer das unscheinbare Häuschen in einem Seitengässchen des Viechtacher Stadtzentrums betritt, steht sofort in der Werkstatt des Mannes aus Sibirien, der seit rund 20 Jahren im Bayerischen Wald lebt. Immer wieder macht er Ausstellungen und auch Workshops. Er gerbt die Fischhaut rein pflanzlich, mit seiner eigenen traditionsreichen Methode. Dafür nutzt er ausschließlich die Haut von gezüchteten Fischen, die sonst ein Abfallprodukt wäre.

Zero-Waste-Küche aus München

Eine Wurflänge vom Münchner Hauptbahnhof entfernt, zwischen Kebab und Thaifood, hat Katrin Wesche-Kolo ein Café aufgemacht, mit Frühstück und Mittagstisch. Das "Charlie & Lars“, benannt nach dem kleinen Eisbären. Ihre Mission ist ehrgeizig: Ein Café betreiben mit feinem Essen, ohne viel Müll zu produzieren und das Klima zu belasten. Dafür gibt es im Charlie & Lars zwar keine Avocado, dafür aber Bohnencreme mit gerösteten Zucchini. Schlecht wird nichts. Wenn der Salat die Blätter hängen lässt, ist er immer noch gut genug für Smoothie.

Inspiriert hat Wesche-Kolo auch das Projekt "Community Kitchen" in München-Neuperlach, das als Zwischennutzung ein Bürohaus bezogen hat. In der Community Kitchen kochen rund 30 Leute aus unterschiedlichen Ländern Mittagessen aus dem, was sonst in der Mülltonne landen würde. Mittlerweile ist das Projekt zur Lebensmittelrettung so bekannt, dass die Unternehmen auf die Großküche zukommen, etwa wenn palettenweise Joghurt übrig ist. Was nicht sofort verkocht werden kann, verarbeitet das Team zu "Rettergläsern“, Fertigsaucen oder Marmeladen.

Schlichtes Arme-Leute-Essen. Die Rhöner Zamette

Früher war die Rhön eine eher eine arme Region, geprägt vom Bergbau. Das spiegelt sich auch in den traditionellen Gerichten wider. Oft kamen Kartoffeln auf den Tisch, in verschiedenen Variationen. Nur wenige Köchinnen und Köche wissen heute noch, wie man die sogenannte Rhöner Zamette zubereitet, ein schlichtes und schmackhaftes Essen. Hier ist das Rezept zur Sendung:

Rhöner Zamette - Rezept für vier bis sechs Personen

700 Gramm festkochende Kartoffeln
300 Gramm Mehl
Eine große Zwiebel
Bauch-Speck
Rapsöl
Beilage: gekochtes Sauerkraut

Kartoffeln als Salzkartoffeln kochen, ungefähr eine halbe Stunde. Wasser abgießen, ein bisschen Wasser im Topf lassen, dann mit dem Holzlöffel drei Löcher in die Kartoffeln stechen, Mehl darüber stäuben und bei geschlossenem Deckel etwa 10 Minuten durchstocken lassen. Unterdessen Zwiebel grob hacken und Speck in Würfel schneiden.

Reichlich Rapsöl in der Pfanne erhitzen. Dann den Speck in Pfanne geben und knusprig anbraten. Zwiebeln dazu geben, schön glasig werden lassen

Die Kartoffel-Mehl-Masse mit einem Mixer mit Knethaken verrühren, bis sie eine sämige Konsistenz hat. Mit dem Teigschaber dann die heiße Masse auf ein Blech heben und etwas auskühlen lassen. Achtung, die Masse ist wirklich noch sehr heiß!

Anschließend Stücke mit den Fingern abrupfen und zu Speck und Zwiebeln in die Pfanne geben, anbraten und darin öfter schwenken.

Tipp 1: Schüssel mit kaltem Wasser hinstellen, um die Hände zu kühlen und sauberzumachen.
Tipp 2: Eigentlich benötigt das Gericht kein extra Salz – das Salz ist ja schon in den Salzkartoffeln und dem Speck.  

Schlichtes Bauen. Die Mittelalterbaustelle in Bärnau

Robert Mois ist gelernter Steinmetz. Im Geschichtspark Bärnau-Tachov  an der bayerisch-tschechischen Grenze, leitet er eine der wohl ungewöhnlichsten Baustellen in Bayern. Auf dem Gelände des Archäologischen Freilichtmuseums arbeiten Mois und seine Kollegen wie Handwerker im 14. Jahrhundert. Kein Beton, keine Druckluft. Sie nutzen nur Werkzeuge und Materialien, die auch damals schon bekannt waren.

Ihr Ziel: der Nachbau einer historischen Reisestation. In solchen Stationen hat der regierende Kaiser Karl IV. damals logiert, wenn er in Bärnau vorbeikam. Der Ort lag an der Goldenen Straße von Nürnberg nach Prag. Damit der Kaiser und sein Gefolge standesgemäß untergebracht waren, wurden eigens Rasthäuser errichtet, die kleinen Palästen glichen.  

Das Geld für den Betrieb und die archäologischen Forschungen beim Bau des Königshofs kommt unter anderem von Bund, Land und der Europäischen Union. Weil die Baustelle und der Park so viele Gäste anziehen, entsteht aktuell ein kleines Feriendorf, ebenfalls aus historischen Materialien. Fünf Jahre schon dauern die Arbeiten an der Reisestation, und ein Ende ist nicht in Sicht. Im Vordergrund steht die Forschung an Werkzeug, Methoden und Materialien. Steinmetz Robert Mois bleibt trotzdem geduldig. Er würde dort zumindest gern seine Party zum Renteneintritt feiern. In etwa 25 Jahren.

Außen schlicht – innen "wow". Markgrafenkirchen im Raum Bayreuth

Hinter dicken Mauern verbergen sich in Oberfranken so manche Schätze, nicht nur das weltberühmte Opernhaus der baufreudigen Markgräfin Wilhelmine im Herzen Bayreuths. Im 17. und 18. Jahrhundert sind in der Region auch rund 200 überwiegend evangelische Kirchen entstanden, die heute als "Marktgrafenkirchen" zusammengefasst werden.
Die schlichten Fassaden täuschen: Die Markgrafen holten für die Bauten die besten Architekten und Baumeister ihrer Zeit. Während die Kirchen mit ihren Sandsteinfassaden äußerlich unscheinbar wirken sollten, zeigen sie im Innenraum die ganze Pracht des Barock oder Rokoko.

Bis vor wenigen Jahren waren die Markgrafenkirchen Geheimtipps. Nur wenige wussten um die Schätze auf den Dörfern und in den Städten. Dann setzte sich der Förderverein Markgrafenkirchen e.V. intensiv mit den Kirchen auseinander. Seit 2022 gibt es eine informative Internetseite, dazu Rund- und Fahrradwege von Kirche zu Kirche, Führungen und Veranstaltungen.

Für das Volk war die Bauzeit der Kirchen im 18. Jahrhundert hart, denn die Gemeinden mussten sich selbst um die Finanzierung kümmern. Die Fürsten steuerten Holz und Sandsteine aus ihren Wäldern und Steinbrüchen bei. Um Geld sammeln, schickten die Kirchengemeinden ehrenwerte Bürger zum "Fundraising", die manchmal bis an die Ost- oder Nordsee reisten, um Gelder für die Bauten einzutreiben.

Beinahe übersehen. Die Kunst der Mittelfränkin Katja Wunderling

Für Katja Wunderling aus Nürnberg beginnt die Kunst schon in der Natur. Beim Wiesenbocksbart zum Beispiel. Seine Flugsamen, ähnlich denen des Löwenzahns, haben es ihr angetan. Tausende hat sie gesammelt. Die Verstrebungen und Netze der Schirmchen faszinieren sie. Einzeln fügt sie die Samen zusammen, bis ein fließendes, labyrinthähnliches Gewebe entsteht.

Im Nürnberger Atelier der bildenden Künstlerin sind auch die Übergänge zwischen Raum und Natur fließend. An den Wänden Teppiche aus Lunariahülsen, Kunstwerke aus Robinien-Stacheln, Senfsaat, Eschen- und Birkensamen. Wunderling nennt ihre Werke "Organische Formen".

Der künstlerische Prozess beginnt nicht erst hier im stillen Kämmerlein, sondern bereits draußen beim Sammeln. Ein fast schon meditativer Vorgang, ihr geübter Blick entdeckt Unscheinbares, an dem andere Spaziergänger eher achtlos vorbeigehen.

Nicht immer sind ihre Materialien in der Natur verfügbar, Katja Wunderling muss sich anpassen. Manche Bäume, etwa Kiefern, werfen ihre Samen nur alle paar Jahre ab, bei der sogenannten Vollmast. Dann füllt die Künstlerin Schachtel um Schachtel und deckt sich mit Arbeitsmaterial ein. Wo andere tausendmal dasselbe sehen, entdeckt Wunderling die Details. Jeder noch so schlichte Samen, identisch im Erbgut mit den anderen, hat für sie eine andere Musterung oder eine einzigartige Biegung.

Krumm und bugglig. Wildholzmöbel aus dem Ostallgäu

Martin Rothärmel arbeitet mit Holz, das außer ihm niemanden interessiert, weil es zu schlecht ist, um in den Verkauf zu gehen: Wildholz. Knotig und von der Sonne verblichen, sind die Hölzer, die er zunächst lagert und dann in seiner Werkstatt bearbeitet. Die hat er, passend zur Optik, "Krumm und bugglig" genannt.

Unbearbeitet bleiben die Hölzer trotz aller Wildheit nicht. Sorgfältig entfernt er die Rinde der Äste und sägt sie zurecht. Statt das Holz dann zu leimen und zu schrauben, fräst er lieber Zapfen und bohrt Löcher. Auch eine Astgabel kann eine stabile Befestigung sein.

Zum Möbelbauer wurde Rothärmel, der in einer Klinik beschäftigt ist, durch Zufall. Nachdem Freunde sein Regal für eine Stereoanlage gesehen hatten, kamen die ersten Aufträge rein. Heute baut er Betten, Bänke, Nachttische oder auch individuelle Garderoben.


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