Serie // "Chernobyl" Diese Serie lässt euch das Blut in den Adern gefrieren

Verstrahlte Pilze und radioaktiv belastetes Wild. Die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 sind auch heute überall in Europa noch spürbar. Wer nichts drüber weiß, kann das jetzt mit der Serie "Chernobyl" ändern.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 22.05.2019 | Archiv

Eine Szene aus der Sky-Serie "Chernobyl" | Bild: Sky UK Ltd/HBO

Diese Serie gehört auf eure Watchlist, wenn... ihr euch dem unsichtbarem, aber klaustrophobischen Horror aus "The Terror" gestellt habt, gern Serien schaut wie "The Loming Tower", die es schaffen, wahre Ereignisse wie einen Thriller zu inszenieren und auch mal eine Zeitreise in die 80er wagt mit "Halt & Catch Fire".

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Die Nacht liegt still und tiefschwarz über der kleinen ukrainischen Stadt Prypjat als plötzlich der Boden bebt und ein greller, blauer Strahl in den Himmel schießt. Es ist der 26. April 1986 und in der Atomstation Wladimir Iljitsch Lenin in Tschernobyl ist gerade ein planmäßiger Test außer Kontrolle geraten, der Reaktorblock 4 explodierte. Und weil das keiner der Kraftwerksangestellten für möglich hält, nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

Während draußen die Anwohner über die blaue Lichtsäule staunen, wollen im Innern des Kraftwerks drei der Ingenieure in ihren dünnen, weißen Kitteln den Reaktorausfall überprüfen und ihre Kollegen retten. Sie kämpfen sich durch die dunklen, engen und zum Teil eingestürzten Gänge des Atomkraftwerks bis zur Tür des Reaktors vor. Ihre Strahlenmesser haben längst den Geist aufgegeben. Die Strahlung ist so hoch, dass sich die weißen Kittel der Männer langsam blutrot färben. Auf ihrer Haut bilden sich rote Blasen, die Männer lösen sich vor unseren Augen langsam auf.

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Sky Chernobyl Trailer | Bild: Sky Österreich (via YouTube)

Sky Chernobyl Trailer

Was daraufhin geschah – oder eben nicht geschah, zeigt die wahnsinnig gut recherchierte, historische Miniserie "Chernobyl". Wir folgen dem Chemiker Waleri Legassow (Jared Harris aus "The Terror"), der die Unfallursache aufklären soll. Er begegnet uns in der ersten Szene, die zeigt, wie er sich zwei Jahre später das Leben nehmen wird. Bis auf eine Forscherin haben alle der Protagonisten tatsächlich existiert: Der Feuerwehrmann, der einer der Ersten am brennenden Atomkraftwerk ist und nur wenige Tage überlebt, bis sich sein Körper, vergiftet von der Strahlung, selbst zerstört. Seine schwangere Frau, die alles ungläubig mitansieht und durch die Strahlung am Ende auch noch ihr Kind verliert. Die Forscher, die gegen die Parteilinie kämpfen und ihr Leben aufs Spiel setzen, um die Bevölkerung in Europa und der Sowjetunion zu schützen. Und auch die Parteikader, die tagelang schweigen und den Super-GAU unter den Teppich kehren wollen, weil dieser nicht geschehen darf. Nicht geschehen kann.

Tagelang erfährt niemand von dem Unglück und von der radioaktiven Wolke, die quer über Europa und Weißrussland zieht. Erst als in Skandinavien erhöhte Strahlung gemessen wird, reagiert Moskau. Die Bewohner rund um das Kraftwerk werden erst eine Woche nach der Reaktorexplosion evakuiert und eine Schutzzone eingerichtet. Da ist es längst zu spät.

Grausamer als jeder Horrorfilm

"Chernobyl" ist eine wichtige Serie. Sie gibt Einblick in eine der schlimmsten Umweltkatastrophen der Geschichte und dabei auch ein bisschen Nachhilfe in Kernphysik. Natürlich wirken manche dieser ausführlichen Erklärungen in den Folgen arg konstruiert - aber "Chernobyl" ist ja auch keine Dokumentation.

Ich habe in Serien schon viele Schockmomente erlebt: Wie Männern bei lebendigem Leib der Penis abgeschnitten (Hallo, Game of Thrones!) und Frauen verbrannt und vergewaltigt wurden. Nichts davon hat mich jemals so mitgenommen, wie dieser stille, unsichtbare und absolut reale Horror, den ich in der Serie "Chernobyl" gesehen habe. Und es erschreckt mich ein bisschen, dass es erst eine dramatisierte Serie schafft, mir das Ausmaß dieser Katastrophe zu vermitteln. Die Serie ist dabei sehr effektiv erzählt. Der spärliche Soundtrack tut sein übriges. Das nervöse Knistern und Knarzen und die oft minutenlange beklemmende Stille spiegeln meine eigene Sprachlosigkeit angesichts der extremen Bilder und der unfassbaren Ignoranz der Verantwortlichen wider. Dass jede Menge politischer Aktivismus in dieser Serie steckt, wird auch in der gruseligen, an Horrorfilme erinnernden Inszenierung und kleineren Ungenauigkeiten zu Gunsten der Dramatik deutlich.

Statt zu einem nüchternen Tatsachenbericht wird "Chernobyl" so zu einer schwerverdaulichen aber auch extrem sehenswerten Mahnung vor dem Hochmut und der Leichtfertigkeit der Menschen und eine Erinnerung daran, wissenschaftliche Erkenntnisse aus politischem Kalkül nicht zu ignorieren. Und das kommt - Stichwort: Klimakrise - gerade zur rechten Zeit.

"Chernobyl" läuft ab dem 14.05. bei Sky, jeden Dienstag wird eine neue Folge ausgestrahlt. Zur Serie veröffentlicht HBO den englischsprachigen Podcast "The Chernobyl Podcast" mit Hintergründen zur Serie und den historischen Ereignissen.

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Sendung: Hochfahren vom 8.5.2019 – ab 7 Uhr.