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Spielsucht in Bayern Von wegen "Nichts geht mehr!"

Der Gesetzgeber wollte die Glückspielbranche stärker regulieren. Doch bei der Umsetzung der schärferen Regeln gebe es zu viele Schlupflöcher für Spielhallen, klagen Bayerns Kommunen. Die wachsende Zahl von Spielautomaten scheint ihnen Recht zu geben. Dabei geht von dieser Glückspielvariante besonders viel Suchtpotential aus. Experten warnen vor einem immensen volkswirtschaftlichen Schaden.

Von: Moritz Steinbacher

Stand: 04.09.2019

Wenn man in München am Hauptbahnhof entlang spaziert, sieht man sie überall. Mit bunter Leuchtreklame machen sie auf sich aufmerksam: Spielhallen. Rund 230 Spielhallen gibt es allein in München und bis vor kurzem wurden sie meist von Männern besucht, die dann an sogenannten Geldspielautomaten ihr Glück versuchen. Nun spielen auch immer mehr Frauen. 20 Prozent aller Spieler an Automaten sind, laut einer Studie, nun weiblich.

Immer mehr Spielsüchtige in Bayern

Über eine Million Menschen betroffen

Neben den 34.000 pathologisch Spielsüchtigen liegt auch die Zahl der Menschen, die zumindest ein problematisches Verhältnis zum Glücksspiel haben, ebenfalls noch einmal bei rund 34.000. Das hat auch Folgen für die Menschen in ihrem Umfeld: Denn laut der Bayerischen Diakonie kämen auf einen Betroffenen bis zu 20 Angehörige, die die Auswirkungen der Sucht zu spüren bekommen. Insgesamt sind somit also über eine Million Menschen in Bayern direkt oder indirekt von den Folgen der Glücksspielsucht betroffen.

Das Problem: Geldspielautomaten gelten als sehr gefährlich, denn sie machen sehr schnell spielsüchtig. Laut der Bayerischen Diakonie sind in Bayern rund 34.000 Menschen spielsüchtig - eine Steigerung um 17 Prozent verglichen mit 2013. Alarmierende Zahlen! Dagegen sollte eigentlich ein neues Gesetz helfen, um Spielhallen und damit Geldspielgeräte einzudämmen. Doch das funktioniert, so scheint es, nur auf dem Papier.

Eine der Betroffenen ist Marie. Sie ist seit 18 Jahren spielsüchtig vom Spielen mit Geldspielautomaten. Wir treffen die 36-Jährige irgendwo in Bayern. Marie ist nicht ihr richtiger Name, sie will anonym bleiben.

"Man nimmt dann auch mehrere Automaten auf einmal, da ist in 'ner halben Stunde locker alles weg. Ne, geht schneller: Nach 'ner viertel Stunde ist alles weg! Und irgendwann ist man so verschuldet, hat so viele Rechnungen, dass man überhaupt nicht mehr weiß, wie viel, was, wie, wo, wann ... Dann denkt man sich, ich muss jetzt was gewinnen, sonst komm' ich da nicht raus. Und irgendwann ist man dann so weit wie ich ..."

Marie, Spielsüchtige

Ihre Spielsucht hat sie sogar dazu gebracht, eine Straftat zu begehen: Als sie nicht mehr wusste, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollte und auch kein Geld mehr für Lebensmittel und Zigaretten auftreiben konnte, beschloss sie zusammen mit einem Komplizen, einen Zigarettenautomaten aufzubrechen. Der Plan misslang. Marie wurde erwischt und zu drei Jahren Bewährung verurteilt. Zudem erhielt sie Spielhallenverbot und musste eine Therapie machen. Inzwischen ist sie seit etwa sechs Monaten clean. Doch bis dahin war es ein weiter und mühsamer Weg für sie.

Von der Freude zur Abhängigkeit

Der Spaß am Anfang

Die ersten Erfahrungen mit Glücksspielen finden häufig eher zufällig in der Freizeit statt. Größere oder mehrere kleine Gewinne führen zu positiven Gefühlen. Nach und nach entwickeln die Spieler stärkere Gewinn-Erwartungen und setzen höhere Beträge ein. Sie gehen größere Risiken ein.

Kritische Gewöhnung

Die Betroffenen spielen intensiver und häufiger. Das führt dazu, dass sie mehr Geld verlieren als gewinnen. Sie spielen auch, um ihre innere Unruhe, Angespanntheit und den grauen Alltag zu vergessen. Sie beginnen, ihr Spielen zu verheimlichen und sich Geld zu leihen.

Eigendynamik der Sucht

Die Betroffenen verlieren häufig ihr gesamtes Vermögen und sind von dem Wunsch getrieben, die Verluste wieder zurückzugewinnen. Sie erfinden Lügen, um ihre häufige Abwesenheit zu Hause oder in der Arbeit zu erklären. Das Spielen bekommt eine Eigendynamik. Krankhafte Glücksspieler versprechen sich selbst und ihrer Umgebung immer wieder vergeblich, mit dem Spielen aufzuhören.

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Hohe Suchtgefahr bei Geldspielautomaten

3,4 Milliarden Euro: So hoch ist der volkswirtschaftliche Schaden, der in Deutschland jährlich durch Spielsucht entsteht. Trotzdem: In Bayern blüht für die Betreiber das Geschäft mit den Spielautomaten weiter. Etwa 6.000 gab es um die Jahrtausendwende. Jetzt sind es fast 22.000 Automaten. Und fast Dreiviertel aller Spielsüchtigen, die sich bei der Suchtberatung melden, sind abhängig vom Spielen mit Geldspielautomaten.

Nach Ansicht des Bremer Suchtforschers Gerhard Meyer haben diese Spielautomaten auch tatsächlich einen hohen Anteil daran, dass immer mehr Menschen in Bayern spielsüchtig werden. Schuld daran sei die hohe Ereignisfrequenz.

"Das heißt, alle fünf Sekunden ist das nächste Spiel möglich. Und wir wissen aus der Suchtforschung, dass gerade diese Glückspielformen eine hohes Suchtpotenzial haben. Das zweite ist: der hohe Gewinnanreiz. Wir wissen aus den Statistiken, dass Dreiviertel derjenigen, die wegen Glücksspiel Suchtberatungsstellen aufsuchen, Probleme mit Spielautomaten in Spielhallen und Gaststätten haben."

Suchtforscher Prof. Gerhard Meyer, Psychologe Universität Bremen

Neues Gesetz läuft offenbar ins Leere

Das Landesglücksspielgesetz

Neue Spielhallen müssen mindestens 250 Meter Abstand zur nächsten haben - in jeder Spielhalle dürfen höchstens zwölf moderne einarmige Banditen stehen. So steht es seit Anfang Juli 2012 in der gesetzlichen Regelung. Für bereits bestehende Spielhallen galt eine fünfjährige Übergangsfrist - und diese lief nun zum 1. Juli 2017 ab. Fraglich ist aber, ob sich viel ändert - denn nach der Übergangsfrist kommt nun die Härtefall-Regelung.

Um das Problem zu entschärfen, gilt seit Juli nach einer fünfjährigen Übergangsphase ein neues Landesglücksspielgesetz. Die Zahl der Spielhallen soll reduziert werden - etwa über Mindestabstände. Auch soll es keine Mehrfachkonzessionen für Spielhallen in einem Gebäudekomplex mehr geben. Damit könnten in München theoretisch von 230 bestehenden Spielhallen 210 zumachen. Schließen musste bislang trotzdem keine.

Der Grund ist eine Härtefall-Regelung des bayerischen Innenministeriums aus dem Dezember 2016. Spielhallen können demnach einen Aufschub von vier Jahren erreichen durch folgende Maßnahmen:

Vier "qualitative Maßnahmen zur Reduzierung der Gefährlichkeit"

I. Verlängerung der Sperrzeit auf mindestens sechs Stunden
II. Möglichkeit zur Selbstsperre auf Antrag des Spielers in der Spielhalle. Auf die Möglichkeit muss der Spieler in der Spielhalle deutlich hingewiesen werden
III. Betreuung der Spieler (zum Beispiel durch psychologisch geschulte Spieler-Schutzbeauftragte) sowie vom Spielhallenbetreiber beauftragte Testkäufe zur Mitarbeiterkontrolle
IV. Zutrittsverbot für Personen unter 21 Jahren

Doch wenn bestehende Spielhallen zum Beispiel nachweisen, dass sie an Mietverträge gebunden sind oder in den letzten Jahren in ihr Unternehmen investiert haben, gewährt das Innenministerium Ausnahmen für Härtefälle. Einzige Bedingung: 48 Spielgeräte dürfen maximal vorhanden sein.

Es fehlen passende Rechtsgrundlagen zur Reduzierung von Spielgeräten

Bestehende Spielhallen schließen - für die Kommunen schwierig: Zumindest was die Anzahl der Automaten betrifft, hätten sich die Kommunen mehr Unterstützung vom Innenministerium gewünscht, sagt Bernd Buckenhofer vom Bayerischen Städtetag.

"Wir hätten uns da eine größere Unterstützung vom Innenministerium erwartet. Weil wir schon meinen, dass das Gefährdungspotenzial auch der bestehenden Spielhallen so groß ist, dass es eine wirkliche Hilfe wäre, wenn die Zahl der Spielgeräte in den einzelnen Hallen reduziert wird. Das steht aber leider in den Vollzugshinweisen des Innenministeriums so nicht drin. Und daher verzichten die Städte darauf, diese Auflagen zu erteilen, weil sie nicht die richtige Rechtsgrundlage haben."

Bernd Buckenhofer, Bayerischer Städtetag

Das Innenministerium begründet sein Vorgehen mit den "verfassungsrechtlich garantierten Vertrauens- und Bestandsschutzinteressen von Spielhallenbetreibern". Dennoch gehen andere Bundesländer härter gegen bestehende Spielhallen vor.

Immerhin: Zumindest neue Spielhallen müssen auch in Bayern jetzt einen Abstand von 500 Metern zueinander einhalten. Ob die gebündelten Maßnahmen dann alle ausreichen, um die Zahl der Glücksspielsüchtigen zu senken, bleibt abzuwarten.

Link-Tipps:

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet unter www.check-dein-spiel.de einen Selbsttest für suchtgefährdete Menschen an. Hier kann man nach Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und Kliniken in der Nähe suchen.
Außerdem gibt es dort die Möglichkeit, sich im Chat beraten zu lassen.
Das Beratungstelefon der BZgA hat die aus allen Netzen kostenfreie Nummer 0800 / 137 27 00.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung hilft, den Schuldenberg abzubauen.
Beratungsstellen in der Nähe findet man im Internet unter www.bag-sb.de/ratsuchende.


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Denker, Donnerstag, 09.November 2017, 15:36 Uhr

4. Entgegenkommen der Kommunen um Steuereinnahmen zu schaffen

In meiner Gemeinde (Alling, LK FFB) hat die Mehrheit der Gemeinderäte aus der "Christlich Sozialen Union" extra Abweichungen vom zuvor erlassenen Bebauungsplan genehmigt, um einem Spielhallenbetreiber die Ansiedelung zu ermöglichen. Argumente der Opposition, das fördere die Spielsucht und würde statistisch mehrere ruinierte Existenzen bedeuten, wurden weggewischt mit dem Totschlagargument, es sei kein verbotenes Gewerbe, und die Gewerbesteuereinnahmen könne man gut gebrauchen. So ist das halt mit dem "Christlich Sozialen". Die Ansiedelung kann man nur schwer verhindern, wenn der Betreiber unbedingt kommen will, aber in Alling rollte man ihm noch einen roten Teppich aus. Das Abstandsgebot führt dazu, dass sich die Pest noch weiter übers Land verbreitet.

Squareman, Donnerstag, 09.November 2017, 11:47 Uhr

3. Gute Lobbyarbeit

Es ist ja bekannt daß der Automatenkörnig beste Beziehungen zur Politik hat. Diese "Schlupflöcher " sind doch politisch gewollt. Und die Gewinne werden dann mit Steuertricks ins Ausland verschoben. Ein kleiner Teil landet dann wieder bei der bayerischen Staatspartei als Parteispende. Früher nannte man sowas Korruption, aber die gibt es ja in Bayern und Deutschland nicht.

Hans Meister, Donnerstag, 09.November 2017, 09:34 Uhr

2. Spielsucht

Mit der Spielsucht wird viel Geld verdient. Das ist genauso wie mit Drogen. Beides hätte man schon längst effektiver bekämpfen können. Man muss nur wollen.

Wolfgang, Donnerstag, 09.November 2017, 08:47 Uhr

1. Sehr effektive Lobbyarbeit zeigt ihre Ergebnisse!

Man möge sich erinnern daß die Gauselmann-Gruppe aus Espelkamp jahrzehntelang große Anzeigen in Parteizeitungen schaltete, z.B. auch im "Vorwärts"! Und die Firmengruppe dieser Spielautomatenherrsteller baute sehr aufwendig das Wasserschloß Benkhausen ( 5km südlich von Espelkamp in NRW ) zu einem Tagungshotel um.

Frage wieviele Entscheidungsträger aus Parlamenten wurden dorthin eingeladen und entsprechend bearbeitet?

Man hätte es bei den elektromechanischen Geräten der 60er belassen können, ohne Münzspeicher, ohne Sonderspiele und andere Verführungen. Nur umstellen von 10 Pfenning auf 10cent. Und nur 1 Gerät je gehnemigte Gaststätte, so wie früher in der Eckkneipe oder beim Dorfwirt.

Die Welt funktioniere sozial auch ohne Spielhallen.