NSU-Prozess


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NSU-Prozess: Gerichtssaal-Protokoll 175. Verhandlungstag, 20.1.2015

Heute sagen die ersten Opfer des Bombenanschlags 2004 in der Kölner Keupstraße aus. Vier Opfer, die durch den Sprengsatz zum Teil schwerste Verletzungen und psychische Traumata erlitten, schildern jeweils wie sie den Anschlag auf einen Friseursalon erlebt haben und wie es ihnen in der Zeit danach ergangen ist.

Author: Ayca Tolun, Holger Schmidt, Tim Aßmann, Marcel Fürstenau, Ina Krauß

Published at: 20-1-2015 | Archiv

NSU Prozess Gerichtsprotokoll | Bild: BR

Die Zeugen werfen den Behörden wiederholt vor, wie Täter, nicht wie Opfer, behandelt worden zu sein und verstehen nicht, wieso die Polizei einen rechtsradikalen Hintergrund des Anschlags ausschloss.

Zeugen:

  • Sandro D`Alauro (Verletzter des Anschlags Köln-Keupstraße)
  • Prof. Dr. P., Klinik für Unfallchirurgie Köln (Behandlung des Patienten Sandro D.)
  • Melih K. (Verletzter des Anschlags Köln-Keupstraße)
  • Prof. Dr. Klaus R., Klinikum der Universität Köln (Behandlung des Patienten Melih K.)
  • Sükrü A. (Verletzter des Anschlags Köln-Keupstraße)
  • Prof. Dr. Dr. S. (Behandlung des Patienten Sükrü A.)
  • Kemal G. (Verletzter des Anschlags Köln-Keupstraße)

ARD-Reporter über das Geschehen im Gerichtssaal

(Tim Aßmann, BR)
Begin 9.52 Uhr
Zuschauertribüne komplett voll (also 101 normale Besucher und Presse)
Mehrere Nebenkläger aus der Keupstraße sind im Saal anwesend.

(Ayca Tolun, WDR)
Viele der "Keupstr ist überall"-Initiative auf der Zuschauertribüne
Vor allem die mitgekommenen Schüler und Studenten.

Heute geht es auch um die Zeugenaussagen der 2004 beim Bombenanschlag in der Keupstr. schwerstverletzten 3 Opfer und deren behandelnden Ärzte. Für das Gericht geht es bei diesen Zeugenaussagen darum, welche Folgen der Anschlag für die Betroffenen hatte. Das kann entscheidend für die spätere Strafbemessung sein.

(Tim Aßmann, BR)
Es kommt, begleitet von seinem Anwalt Tobias Westkamp, der Zeuge Sandro D`Alauro, kurze dunkle Haare, schwarzer Pulli, graues Hemd, 34 Jahre alt, gerade arbeitssuchend, musste durch meine gesundheitlichen Probleme Job aufgeben.

Götzl: Geht um einen Anschlag in der Keupstr. am 9.6.2004. Würde Sie bitten, dass Sie uns schildern, was sich zugetragen hat.
D`Alauro: War mit Freund Melih unterwegs, wollten in der Keupstr. noch was essen, haben in Keupstr. geparkt, zu Dönerbude gegangen, auf dem Rückweg, an dem Friseurladen ist es dann passiert. War Druck von hinten, wie dass mir einer die Beine weggedrückt hat. Hab meinen Freund am Boden gesehen, habe seinen Namen geschrien, wusste nicht, ob er lebt oder tot ist. Mein Oberteil hat gebrannt. Das Schlimmste für mich war, dass ich nichts hören konnte.

(Holger Schmidt, SWR)
D: Habe die Telefonnummer meiner Exfrau gewählt und als ich gesehen habe, dass der Arzt mit ihr telefoniert, war ich weg. Arzt hat gefragt, ob ich wüsste, was passiert ist, habe ich gesagt: "ich glaube, es hat jemand auf mich geschossen"

(Tim Aßmann, BR)
10.14 Uhr
D`Alauro: War dann lange auf der Intensivstation, hatte Nägel in den Beinen, Verbrennungen, zwei Finger fast ab, ein Nagel war durch Oberschenkelknochen gegangen und hatte den gebrochen, deshalb war ich die ersten Wochen an Rollstuhl gefesselt. Man hat die ersten 14 Tage keinen Kontakt zwischen Melih und mir zugelassen, weil man dachte wir hätten das Fahrrad dahin gestellt. Das hat die Heilung ziemlich blockiert. Dann hat man mich von der Intensivstation entlassen und ab dann ging es eigentlich bergauf.

(Holger Schmidt, SWR)
D: Irgendwann hat man uns von Intensivstation zu Intensivstation telefonieren lassen, dann ging es besser.

(Marcel Fürstenau, DW)
D: Meine größte Angst war, dass ich meinen Freund verloren habe. Bis anderthalb Wochen danach hat mir nicht gesagt, was mit dem Melih ist.

(Tim Aßmann, BR)
D: Habe nichts Auffälliges wahrgenommen, man rechnet mit nichts Schlimmen, man sagte mir wir hätten 1,5 Meter von dem Fahrrad gestanden, aber ich habe das nicht wahrgenommen. Bin vielleicht zweimal im Jahr in der Keupstr. Zum damaligen Zeitpunkt kannte ich den Friseurladen nicht. Jetzt schon.

G: Besondere Personen aufgefallen?
D: Nein
G: Aus welcher Richtung kamen Sie?
D: Von Mülheim reingefahren, am Friseurladen vorbei, dann zu Fuß zurück zum Dönerladen und dann genauso wieder zurück gegangen.
D: Ich bin am Bürgersteig außen gegangen, Richtung Straße, Melih ist neben mir gegangen.
D: Wir waren beide direkt neben dem Friseurladen, unmittelbar.

(Marcel Fürstenau, DW)
D: Nach der Intensivstation noch vier Wochen im Krankenhaus mit Therapie usw. Ohrenarzt wegen Hörverlust. Anfangs keine Psychotherapie gemacht, da keine Täter da waren. Konnte eigentlich alles ganz gut vergessen. Als die Täter dann bekannt waren, kam alles wieder. Durch den Prozess bin ich guter Dinge, dass es zu einem Abschluss kommt, was die Psyche betrifft. Körperlich wird mich das bis ins Alter verfolgen. Zwei Operationen an der linken Hand. Narben am ganzen Körper. In der Schulter ist ein 20 Zentimeter großes Loch. Sport kann ich keinen machen, weil mir die Knie wehtun. Jobmäßig habe ich dadurch auch Probleme. Durch den Hörverlust habe ich vor allem Probleme im Bereich höherer Töne. Anfangs hatte ich Schwindelgefühle. Man lernt damit umzugehen.

Die erste Zeit, nachdem ich wieder gearbeitet habe, ging es mir eigentlich am besten. Psychisch ist es jetzt anders. Ich sitze sehr oft und verfalle in Gedanken. Es nagt an einem. Man stellt sich viele Dinge vor. Oft Schlafstörungen. Allein der Gedanke, wie schnell es vorbei sein kann. Man denkt daran, was man so geschafft hat, meine Kinder...

Richter Götzl fragt, wie das mit den Verdächtigungen gegen ihn gewesen sei? Ob ihm ein Polizist das gesagt habe?
Sandro D. sagt, Ärzte hätten ihm gesagt, sie dürften ihm nichts zu seinem Freund Melih sagen. Das kann ja nur von der Polizei gekommen sein, sagt D.

(Ayca Tolun, WDR)
Richter zeigt Foto vom Tatort
Zeuge erklärt, das sei schlimmste Foto seines Lebens , das Bild verfolge ihn.

(Holger Schmidt, SWR)
D: Ich war zum Prozessauftakt hier und habe gemerkt, dass ich mich der ganzen Sache stellen muss und bin seitdem wieder in Behandlung.

G: Schmerzen heute?
D: Damals nach dem Anschlag hatte ich keine Schmerzen, der Körper ist zu Großem im Stande und schaltet den Schmerz ab. Im Krankenhaus gab es Morphium, aber in der Zeit danach hatte ich ständige Schmerzen, auch seelische Schmerzen. Man lernt damit umzugehen.
G: Heute noch Schmerzen?
D: In der Hand, in der Schulter, je nachdem, wie ich nachts liege,
am Morgen Schmerzen, beim Sport, aber wie gesagt, dann hört man eben auf, man muss es ja nicht übertreiben.
G: Letzte OP?
D: August 2013
G: Was muss noch gemacht werden?
D: Es sind wahrscheinlich die Sehnen zu kurz.

Greger (Bundesanwaltschaft): Wie oft operiert?
D: Drei Mal, zusätzlich Hauttransplantationen.

Zeuge entlassen


Nun Zeuge Prof. Dr. P., behandelnder Arzt von Sandro D.: Er kam am 09. Juni 2004 mit den Rettungsdiensten der Stadt Köln. Schwerste Verletzungen; Riss des Oberschenkelknochens durch einen Nagel und Riss des Trommelfells. Vom Rettungsdienst wurde gesagt: Nagelbombe.
Erste Woche: Intensivtherapiestation. Mehrfach operiert worden, schwerster Eingriff war die Entfernung des im Oberschenkelknochen steckenden Zimmermannnagels, dann wurden am linken Oberarm die Folgen der Brandverletzungen behandelt, zuletzt Hauttransplantation, 20 Tage nach stationärer Aufnahme. Insgesamt sechs Operationen.
G: Wie viele Nägel entfernt?
P: Vier Nägel, wovon einer im Knochen selbst steckte.
G: Wann war Patient zuletzt bei Ihnen?
P: 09.07.2004 bei der Entlassung.
G: Danach nochmals gesehen?
P: Nein. Vielleicht noch erwähnenswert, dass bereits auf der Intensivstation die psychotherapeutische Behandlung begann.
G: Mit ihm gesprochen?
P: Ganz sicherlich, aber ich kann mich nun, zehn Jahre danach, nicht mehr daran erinnern.

Zeuge kurz danach entlassen.


(Holger Schmidt, SWR)
11.27 Uhr weiter
Melih K., 31 Jahre alt, Justizangestellter

(Ayca Tolun, WDR)
Richter Götzl spricht den wirklich schwierigen türkischen Namen des Zeugen K.  richtig, richtig gut aus.

(Holger Schmidt, SWR)
K: Ich war an dem besagten Tag mit dem Herrn D´Alauro unterwegs, wir hatten uns was zu Essen geholt, als ich in den Döner gebissen habe, hat es den berühmten Knall gegeben, habe unter Schock gestanden, alles realisiert, konnte aber nicht sprechen.

(Marcel Fürstenau, DW)
K: Als ich meine Augen wieder aufgemacht habe, war alles in Schutt und Asche. Ich konnte nicht sprechen. Durch Stichflamme haben die Haare gebrannt. Bin liegen geblieben. Rettungskräfte haben mich in Wagen geschoben, in künstliches Koma versetzt (wegen Schmerzen). Drei Tage im künstlichen Koma. Wusste immer noch nicht, was passiert ist. Habe danach erfahren, dass eine Nagelbombe explodiert ist. An Ohren operiert, Hörschaden links.

(Holger Schmidt, SWR)
K: War in der Ausbildung, bin weiter in die Berufsschule gegangen, war aber aufgrund der Verletzung nicht in der Lage, diese Ausbildung fortzusetzen. Habe mehrere Jahre gebraucht, um wieder zu mir zu kommen, habe die Öffentlichkeit gemieden, mich zu Hause eingeschlossen.

(Marcel Fürstenau, DW)
K: Anfangs nicht in Therapie, weil ich nicht darüber reden wollte. Circa ein Jahr nach dem Anschlag psychotherapeutische Behandlung begonnen; regelmäßig einmal pro Woche hingegangen. Mehrmals unterbrochen. Wenn es nicht weiterging, Therapie wieder aufgenommen. Jetzt alle Wochen zum Psychologen.
Großflächig Haut transplantiert. Stichflamme hat Trommelfell verbrannt. Ohr-Operation, um Knorpel zu entnehmen. Über 100 Splitter im Gesicht.Splitter in der linken Netzhaut wurden entfernt, Augenlicht nicht beeinträchtigt. Neun Nägel im Körper, überwiegend im Oberschenkel.

(Holger Schmidt, SWR)
G: Als Sie aus der "Karawanserei" (das Restaurant, wo sie Döner gekauft hatten) kamen: Wer ging wo?
K: Ich ging links, er ging rechts. Deshalb habe ich ihn etwas geschützt und mehr abbekommen, andererseits habe ich Glück gehabt, dass ich so nah dran war, deswegen hat es mich in den Oberschenkel getroffen und nicht weiter oben.

(Marcel Fürstenau, DW)
Frage von Richter Götzl, ob auf dem Weg zum Dönerladen etwas aufgefallen sei?
K: Nein, ich habe ja das Fahrrad nicht gesehen. Ich achte ja nicht auf jedes Fahrrad, das rumsteht. Habe gehört, dass Sandro D. die ganze Zeit meinen Namen gerufen hat. Aber da ich unter Schockzustand war, konnte ich nicht zurücksprechen.

Körperlich: Rückenbeschwerden, Lendenwirbelsäule schief. Kann nichts mehr heben. Hörschäden links, bleibend. Sehe jeden Tag meine Verletzungen, wenn ich mich anziehe. Albträume, jahrelang massive Einschlafprobleme. Verbandswechsel unter Vollnarkose, weil die Schmerzen zu groß gewesen wären. Großflächige Hauttransplantationen. Das ist wie bei "Körperwelten". Habe am Fuß die Adern und Sehnen gesehen, wie die sich bewegt haben. Und diese Bilder brennen sich natürlich ein. Durch die Psychotherapie anfangs keinen Abstand gewonnen. Hat mir mehr geschadet statt geholfen.

Frage von Bundesanwaltschaft nach weiteren beruflichen Werdegang:
K: Dann habe ich viele Jahre nix gemacht. 2011 habe ich dann eine Umschulung zum Bürokaufmann gestartet und erfolgreich abgeschlossen.

(Holger Schmidt, SWR)
K: Als es um Hartz IV ging, vom Arbeitsamt abgemeldet. Anfang dieses Jahres auf eigene Initiative Justizausbildung begonnen.

(Marcel Fürstenau, DW)
K: Kontakt mit Sandro D. untersagt. Ich wusste nicht, was mit ihm ist, weil wir Verdächtige waren. Das war natürlich auch traurig und wirkte sich auf die Psyche aus. Polizei kam mal ans Krankenbett und fragte, ob was auffällig war.

Rechtsanwalt Schön (Nebenklage Keupstraße): Kontakt zu den Eltern?
K: Hat keiner meinen Eltern bescheid gesagt. Großmutter in der Türkei wurde informiert. Meine Mutter hat den ganzen Tag versucht, mich per Handy zu erreichen. Freunde haben Krankenhäuser abgeklappert. Meine Eltern kamen nachts ins Krankenhaus, wo die Not-OP schon vorbei war und ich schon auf der Intensivstation lag.

(Holger Schmidt, SWR)
K: Meine Mutter hat meinen Ausweis bei der Polizei abgeholt, da hieß es, dass ich Verdächtiger bin.
Schön: DNA-Probe?
K: Ja, wir wurden eingeladen und auch Fingerabdrücke abgenommen.
Rechtsanwalt Bliwier (Nebenklage Yozgat): Vorhalt aus der Vernehmung damals: "die einzige Möglichkeit ist ein Ausländerhasser", haben Sie das so gesagt?
K: Das kann gut sein, ja. Das war ja selbsterklärend. Da muss man kein Ermittler sein.
(Beifall von der Tribüne).
Ermahnung durch Götzl: Es gibt hier keinen Beifall, Sie sind Zuhörer!

Zeuge kurz darauf entlassen.

(Marcel Fürstenau, DW)
Nächster Zeuge: Sachverständiger Klaus R. (71 Jahre alt, Arzt im Ruhestand):
Melih K. sei notversorgt worden. Tiefe Verletzungen, teilweise bis zum Knochen. Verbrennungen am Oberarm und Gesäß. Zehn separate Verletzungen, wobei die Verbrennungen noch nicht mitgezählt sind. Neun Zimmermannsnägel. Wunden tief, zum Teil zerfetzt, so dass Gewebe entfernt werden musste. Wunden nochmals gesäubert und in einem dritten Schritt mit Spalthaut verdeckt. Es war so kompliziert, dass ich mir als Operateur sogar eine Skizze gemacht habe. Sachverständiger R. zeigt Skizzen und Fotos des Anschlagopfers Melih K. mit gravierenden Verbrennungen in Gesicht, an Armen und Beinen. Fünf Tage auf der Intensivstation, ein Monat nach dem Anschlag aus dem Krankenhaus entlassen.

(Holger Schmidt, SWR)
Skizze wird angesehen. "Auf den Fotos kann man es besser sehen", sagt Prof. Dr. R. und zeigt Farbfotos der Verbrennungen und Verletzungen. Bis auf Holger G. schauen alle Angeklagten hin. André E.  zurücklehnend und desinteressiert. Zschäpe und Wohlleben starr, Carsten S. nachdenklich.

(Ayca Tolun, WDR)
Beate Zschäpe hört schon den ganzen Vormittag scheinbar interessiert zu. Ihr Laptop ist zugeklappt, sie schaut immer wieder zu den Zeugen und auch auf die Bilder, die an die Wand geworfen werden

Zeuge kurz darauf entlassen.

(Marcel Fürstenau, DW)
14.02 Uhr
Sükrü A. (59 Jahre; seit dem Attentat berufsunfähig):
Der Zeuge ist am Tag des Bombenanschlags mit seiner Frau aus seinem 50 Kilometer von Köln entfernten Wohnort in die Keupstraße gekommen.

A.: Wollten Geschenke für die bevorstehende Hochzeit der Tochter einkaufen. Ging dann in den Friseurladen und wartete direkt neben dem Schaufenster. Dachte zuerst, dass sei eine Gasexplosion. Die Heizung war direkt neben dem Sitzplatz. Habe Schulter- und Kopfverletzungen, was man auch sehen kann. Wurde in künstliches Koma versetzt. Seitdem bin ich auch erwerbsunfähig. Die Leiden habe ich heute noch.
Es waren sehr viele Nägel und Glassplitter aus dem Schaufenster. Beim Röntgen wurden weitere Glassplitter gefunden. Musste ein zweites Mal operiert werden. Bin auf dem rechten Ohr taub. Schwindelgefühle habe ich. Diabetiker bin ich geworden.
Seelische Beschwerden habe ich weiterhin, ist sogar noch schlimmer geworden. Die Lebensqualität ist total runtergegangen. Nachts kann ich nicht schlafen. Ich kann nicht unter die Bevölkerung gehen, bekomme dann Panikattacken, ich schwitze. Bin weiter in ärztlicher Behandlung. Habe Unterlagen mitgebracht.

(Holger Schmidt, SWR)
G: Hatten Sie vor dem 09.06.2004 seelische oder körperliche Beschwerden?
A: Überhaupt keine.
G: Wo hielten Sie sich genau auf, als es passierte?
A: Wenn man reinkommt, direkt ist die Warteecke und da habe ich mich hingesetzt. Hinter mir war das Schaufenster, mit dem Rücken zum Schaufenster.

(Marcel Fürstenau, DW)
A: Im Friseurladen waren drei, vier Stühle, die besetzt waren. Saß mit dem Rücken zum Schaufenster, keine zehn Minuten. Zwei, drei Meter vom Friseurladen entfernt habe ich meinen Wagen geparkt. Später habe ich von meinem Sohn erfahren, dass ein Hinterreifen geplatzt war.
Richter Götzl fragt nach Auffälligkeiten, die er vorher bemerkt habe, ein Fahrrad vielleicht?
A: Nein, habe ich nicht.
Nach der Explosion bin ich auf den Bürgersteig gegangen. War voller Blut. Da habe ich auf einem Stuhl gesessen, den jemand hingestellt hat. Da hat noch jemand auf der Straße gelegen.

(Holger Schmidt, SWR)
A: Habe eine Person am Boden liegen sehen, blutüberströmt, dann ist ein Rettungswagen gekommen und das Bewusstsein ist weggegangen.
Erwerbsunfähig?
A: Ja, seitdem.

(Marcel Fürstenau, DW)
Götz: Ist irgendwann mal eine Besserung eingetreten?
A: Nein, keine Besserung.
Götzl: Diagnose?
A: Depressiv. Behandlungen medikamentös und Gesprächstherapie.
Nach der Krankenhaus-Entlassung wurde ich zur Therapie nach Köln geschickt, dann nach Krefeld. Das war schon mehr als ein Monat in Krefeld.

Zeuge kann kurz darauf gehen.

(Holger Schmidt, SWR)
14.25 Uhr
Prof. Dr. Dr. S., Alter nicht verständlich,

S: War als Chef indirekt mit der Betreuung (des Patienten Sükrü A.) betraut, Operationen haben meine Oberärzte gemacht. Muss dazu sagen, dass wir keine Unterlagen mehr haben, weil die kurz danach von der Staatsanwaltschaft abgeholt worden sind. Er kam intubiert, beatmet, hatte multiple Verletzungen. Glassplitter waren wir Geschosse in ihn eingedrungen. Nerven hatten, Gott sei Dank, keinen Schaden davon getragen. Patient war bis 15. Juni auf der Intensivstation.

Zeuge wird entlassen.

Das geplante Programm des Gerichts für heute ist nun eigentlich durch, Rechtsanwältin Müller-Laschet bietet an, ihren Zeugen (er wäre sonst morgen dran) herbei zu telefonieren.

10 min Pause zur Abklärung

(Ayca Tolun, WDR)
15.00 Uhr
Der nachträglich geladene Zeuge Kemal G. sagt aus.
Er spricht türkisch und die Übersetzung ist katastrophal. Der Richter bittet ihn um seine Erinnerungen an den Anschlag und wie es ihm danach ging.

(Ina Krauß, BR)
Zeuge war eigentlich für morgen geladen, weil das Gericht aber frühzeitig fertig war, wurde Zeuge von seiner Anwältin Müller-Laschet angerufen und seine Aussage kurzfristig vorgezogen. Zeuge in beigem Sweatshirt, dunkle Haare mit Übersetzer, Anwältin sitzt linker Hand von ihm.
G: 35 Jahre alt, bin normaler Arbeiter, möchte meine Anschrift nicht angeben, Anschrift in Ladung stimmt. Zum Glück bin ich nicht mit den Angeklagten verwandt.

G: Bitte schildern Sie Ereignis.
K: Es war ein alltäglicher Tag, ich glaube, es war Freitag, kam aus Arbeit, ging zum Frisör, um mir Haare schneiden zu lassen und wartete dort um dranzukommen. Saß mit Rücken zum Schaufenster zum Glas, in dem Moment knallte es und die Glasscherben fielen auf uns runter. Alles wurde verwüstet, es gab Rauch.
Alle, die da saßen, wurden da hineingeworfen. In Angst um unser Leben wurden wir nach hinten geworfen und hinten .. (zum zweiten Mal unterbrochen, weil Zeuge nicht in Türkisch zu hören ist für Nebenkläger).
K: wir wurden nach hinten geworfen, ein Mitarbeiter hat uns im hinteren Bereich eine Glastür aufgemacht, haben uns alle nach hinten gedrängt in Angst um unser Leben. Ich habe in dem Moment gesehen wie Flammen auf uns zukamen, wir sind um unser Leben rausgelaufen, ich habe immer von Älteren gehört, wenn Verletzung tödlich ist, würde man nichts spüren. Ich dachte, ich sterbe. Nachdem wir einige Minuten dort gewartet hatten, haben sie uns auf die Keupstraße gebracht. In der Keupstraße kannte jeder jeden, aber mir hat niemand geholfen, weil ich später gekommen war. Ich war in einer ratlosen Situation, ich dachte es kommt der Tod. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Mein ganzes Leben verlief wie in einem Film. Ich dachte, hätte ich doch nochmal die Gelegenheit gehabt meine Verwandten in der Türkei zu sehen. Nach diesem Tag hat die Keupstraße, ich will sagen, Deutschland hat wichtige Sachen von meinem Leben gestohlen. Denn als ich aus der Türkei nach Deutschland kam, kam ich als politischer Flüchtling nach Deutschland. Ich möchte die Türkei hier nicht schlecht machen, aber in der Türkei durfte ich meine Gedanken nicht frei äußern. Ich habe bevorzugt in Deutschland zu leben, weil ich dachte, Deutschland ist ein freies Land, aber es ist leider dazu gekommen, dass ich die Leiden, die ich in der Türkei nicht erlitten habe, in Deutschland erlitten habe. Warum sage ich das? Ich bin ein einfacher Mensch, ich wusste es, dass der Sprengsatz mit den Nägeln eine Terroraktion war, das wusste ich als einfacher Mensch. Wie konnte Deutschland, ein so erfahrenes Land in punkto Sicherheit, wie konnte ein so technologisches Land rückständiger denken als ich?

Zschäpe kaut Kaugummi, schaut in ihren Computer.

K: Warum sage ich, dass Deutschland die guten Sachen von mir weggenommen hat? Weil meine Psyche heute beeinträchtigt ist, lange konnte ich nicht mehr in die Keupstraße gehen, ich konnte nicht mehr in Situationen gehen, wo viele Menschen waren, ich war früher ein sozialer Mensch aber jetzt bin ich zu einem asozialen Menschen geworden.
G: Welche Verletzungen davongetragen?
K: Sechs Verletzungen an der Nase, an der Schulter, kleinere und größere Verletzungen an anderen Stellen, ohne Grund musste ich sowas erleiden und ohne Berechtigung. Ich habe das nicht verdient.

Holger G., Carsten S. und Wohlleben hören zu, André E. schaut auf Tisch in Smartphone, Zschäpe in Laptop.

K: Verletzungen an Nase, Glas herausoperiert, weitere Verletzungen an Kopfhaut, Händen
G: Vorhalt: "Notoperation Schnittwunde an Nase zwei Zentimeter lang."
K: Am Kopf und an Schulter sind noch Spuren zu sehen.
G: Sie haben gesagt, Flammen kamen auf Sie zu, können Sie das näher schildern?
K: Es war alles staubig und dunkel geworden, aber im hinteren Bereich, als wir hinter gegangen sind, habe ich so etwas wie Flammen oder Feuerkugeln gesehen, als wäre es zu einem Brand gekommen.
G. fragt nach Raum, der nicht offen war.
K: Im hinteren Bereich gab es eine Stelle, wo sich auch ein Glas befand, dorthin haben wir uns begeben, es gab eine Bedrängnis, wir waren so bedrängt voneinander, dass sich das Blut voneinander vermischt hat.
G: Vorhalt Aussage damals: "Zehn bis elf Personen inkl. Mitarbeiter befanden sich im Raum, Leute gingen rein und raus."
K: Ja, da (bei polizeilicher Vernehmung) war es (die Erinnerung) frisch, so ähnlich habe ich es jetzt auch gesagt.
G: Beobachtungen gemacht?
K: Nein, da müsste ich Polizist sein, das ist nicht meine Arbeit.
G: Haben Sie noch Beschwerden?
K: Ich habe gesagt, dass es ein Wendepunkt in meinem Leben war, ich bin in Behandlung wegen psychischer Probleme.
K: Seit diesem Tag konnte ich nicht mehr alleine zuhause bleiben, meine Frau war nicht da, ging in die Türkei. Ich hatte Angstzustände, dachte eine Bombe wird explodieren. Wenn ich alleine bin , gerate ich in Bedrängnis. Seit 2011, seit das herauskam, bin ich in Behandlung. Ich hoffe mich zu reparieren.
G: Welche Diagnose?
K: Das weiß ich nicht, aber ich befinde mich noch im Behandlungsprozess.
K: ich kann nur noch Teilzeit arbeiten, ich habe immer versucht zu arbeiten, aber ich hatte keinen Erfolg und ich wurde krank und mir wurde gekündigt. Ich wusste, dass ich psychisch krank war, aber ich musste alles verleugnen, habe Grippe oder Kreuzschmerzen angegeben, aber es war schwer für mich, es zu sagen. Bei uns werden psychische Störungen unterschiedlich aufgenommen, es wird gesagt, bist du verrückt, das musst du verheimlichen. Ende 2007 habe ich meine Arbeit verloren. Ich habe bei Ford gearbeitet, ich möchte den Arbeitgeber nicht nennen. Über eine Leihfirma habe ich dort gearbeitet.
G: Haben Sie zwischen 2007 und heute gearbeitet?
K: War zeitweise arbeitslos. Mit Hilfe von meiner Frau und Freunden habe ich mich eine Zeitlang selbstständig gemacht, aber am Abend hatte ich Angstzustände und ich dachte jemand könnte mir was antun. 2011 - 2013 war ich selbstständig, war Kioskbesitzer. Nach Ford blieb ich arbeitslos, dann Kiosk, musste ich aufgeben, jetzt arbeite ich für acht Stunden.
G: Was machen Sie?
K: Muss ich das sagen? Ich bin in der Probezeit. Bin bei ABB in Köln.
G: Ich verstehe nicht, warum Sie es nicht angeben wollen
K: Ich habe Angst, anzugeben was ich mache, dass mich…
G: Seit zwei, drei Monaten arbeite ich.
G: Den Kioskbetrieb, warum haben Sie ihn aufgegeben?
K: Wegen Angstzuständen konnte ich das nicht mehr machen.

Zeuge entlassen. 15.51 Uhr. Schluss für heute.

Hinweis

Diese Texte sind eine Auswahl der Mitschriften der Reporter der ARD und des BR während der zentralen Verhandlungstage im sogenannten "NSU-Prozess", eines beispiellosen Verfahrens der deutschen Rechtsgeschichte. Wir dokumentieren diesen "Originalton“, weil es in der deutschen Praxis des Strafprozessrechts, selbst bei derartig wichtigen Verfahren, kein offizielles und umfassendes Gerichtsprotokoll gibt. Wir erfüllen damit unsere Informationspflicht, um allen, die keinen der begehrten Sitzplätze im Gerichtssaal erhalten haben, einen - durchaus auch subjektiven - Eindruck der Prozessereignisse zu vermitteln. Die Zusammenfassungen der sogenannten "Saalinfos" unserer Reporter sind redaktionell bearbeitet, zum Teil gekürzt. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben und es kann natürlich auch keine Gewähr für die Richtigkeit jedes einzelnen Wortes gegeben werden. Die Redaktion distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten der Aussagen der Prozessteilnehmer.


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