NSU-Prozess


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NSU-Prozess: Gerichtssaal-Protokoll 34. Verhandlungstag, 06.09.2013

Im Mittelpunkt dieses Prozesstages steht der Mord an Ismail Yasar, dem Besitzer eines Döner-Kebab-Imbisses in Nürnberg, am 9. Juni 2005.

Von: Matthias Reiche, Holger Schmidt, Paul-Elmar Jöris und Tim Aßmann

Stand: 28.04.2014 | Archiv

NSU Prozess Gerichtsprotokoll | Bild: BR

Mehrere Zeugen, die sich an diesem Tag in der Nähe des Imbisses aufhielten, werden vernommen, doch nur die Aussage der ersten Zeugin, Beate Keller, ist aufschlussreich: Bereits 2006 ist sie von der Polizei vernommen worden und identifizierte schon damals die mutmaßlichen Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Keller wirft der Polizei vor, ihre damalige Aussage nicht richtig protokolliert und abgeschwächt formuliert zu haben. Daher sei diese Spur nicht weiterverfolgt worden.

Zeugen

  • Beate Keller (Nürnberg, hat Mundlos und Böhnhardt am Tatort erkannt)
  • Margaret S. E. (hat Mordopfer Ismail Yasar als eine der Letzten lebend gesehen)
  • Lutz B. (erinnert sich an zwei Fahrräder am Tatort)

ARD-Reporter über das Geschehen im Gerichtssaal

(Matthias Reiche, MDR)
10.30 Uhr. Zschäpe: dunkler Hosenanzug, helle Bluse, streng nach hinten von Brosche zusammengebundenes Haar.
Vernehmung der Zeugin Beate Keller, 47, Verkäuferin in einer Nürnberger Bäckerei, zum Mordfall Yasar. Keller war am Tag des Mordes (9. Juni 2005, ein Donnerstag) mit dem Fahrrad zur Schule des Sohnes unterwegs und sah auf dem Fahrradweg zwei Fahrradfahrer, die offensichtlich ortsunkundig eine Karte studierten. Sie standen mitten auf dem Fahrradweg, deshalb musste sie sehr langsam an ihnen vorbei fahren. Sie konnte beide angeblich etwa eine Minute lang sehen. Sie hatte den Termin in der Schule um 09.45 Uhr. Sie sah die beiden Männer dann etwa 15 bis 25 Minuten später vor dem Dönerstand von Ismail Yasar wieder (Döner-Imbiss ist etwa 500 Meter von der Stelle der ersten Begegnung entfernt). Sie sah, wie einer dem anderen dann einen Gegenstand in einer Plastiktüte in den Rucksack steckte. Sah aus wie ein kleiner Regenschirm in einer Plastiktüte. Beide hatten wieder ihre Fahrräder dabei.

(Holger Schmidt, SWR)
Zeugin Beate Keller: Habe mir nur gedacht, der winkende Dönermann (ein Werbeschild) steht noch nicht draußen, Herr Yasar hat vielleicht noch was zu erledigen und macht später auf. Was passiert ist, habe ich dann erst am Mittag erfahren, als mein Sohn von der Schule gekommen ist. Daraufhin bin ich in die Scharrerstraße (Tatort) und habe den erstbesten Polizisten angesprochen: "Ich habe da was gesehen, ich weiß nicht, ob es der Polizei helfen kann".  

(Matthias Reiche, MDR)
Die Zeugin Keller beschreibt die Männer als groß, dünn, benutzt den Begriff "Spargeltarzan", einer mit dunklem Käppi, einer mit abstehenden Ohren, waren dunkelblau oder schwarz gekleidet, hellhäutig, für sie eindeutig ‚nordische Typen‘. Konnte bei einer Polizeivernehmung, bei der Bilder und Videosequenzen vorgelegt wurden, bestätigen, dass die, die sie am Mordtag in Nürnberg gesehen hatte, mit denen auf der Videoaufnahme von der Kölner Keupstraße (Nagelbomben-Anschlag im Juni 2004, mit mehr als 20 Verletzten) mit großer Wahrscheinlichkeit identisch seien. Nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt und dem damit verbundenen Aufsehen hatte sie angeblich damit gerechnet, dass die Polizei sich wieder melden würde. Die Polizei kam dann auch und sie bestätigte, dass die beiden Toten jene Männer waren, die sie 2005 in Nürnberg gesehen hatte.

(Paul-Elmar Jöris, WDR)
10.35 Uhr. Zeugin Beate Keller: Ich habe die beiden geschätzt auf 1,80 bis 1,85 Meter. Ich bin mir nicht sicher, ob beide einen Rucksack hatten. Einer hatte etwas abstehende Ohren. Ich glaube, einer hatte eine Sonnenbrille auf. Mir sind bei der Polizei Lichtbilder gezeigt worden. Ich war auch einmal bei einer Gegenüberstellung. Einmal wurde mir eine Videosequenz vom Nagelbombenanschlag (Köln, Keupstraße, 2004) gezeigt und gesagt, dass ist einer von denen, die ich gesehen habe. Ich war mir sehr sicher. Aber ich war mir nicht 150 Prozent sicher. Da muss man vorsichtig sein. Ich habe der Polizei gesagt, die zwei Personen, die ich auf dem Video gesehen habe, das sind die, die ich gesehen hatte. Ich habe sie an der Statur erkannt und am Kopf. Das Gesicht war sehr markant. Da war ich mir sehr sicher. Nach der Verhaftung habe ich Veröffentlichungen gesehen, als mich im Januar die Polizei besuchte, habe ich gesagt: "Aha, ich dachte mir, dass sie noch kommen." Ich habe das mit meinem Sohn in den Nachrichten geschaut. Er: "Die schauen doch so aus wie auf den Phantombildern." Ich: Jetzt bin ich gespannt, wann ich etwas höre. Ich wollte schon anrufen, aber da fliegt man auch schon mal aus der Leitung.

(Matthias Reiche, MDR)
10.50 Uhr. Weiter mit Befragung  der Zeugin Beate Keller: Der Mann, der dem anderen den Plastikbeutel in den Rucksack steckte, soll längere Koteletten gehabt haben. Beide sollen von Statur und Frisur her sehr ähnlich ausgesehen haben, beinah wie Zwillinge. 23.05. 2006: Polizeivernehmung, bei der sie das Video aus der Kölner Keupstraße (Nagelbombenanschlag) sah und die wahrscheinliche Übereinstimmung der Männer feststellte. 04.06.2009: Polizeivernehmung, bei der sie die Tüte (die einer dem anderen in den Rucksack steckte) beschrieb - knallgelb mit bunten, untereinander angeordneten Schriftzügen. Nun am Richtertisch: Bildvorlagen mit je acht Porträtfotos unterschiedlicher Männer, unter anderem werden auch Mundlos und Böhnhardt gezeigt. Identifiziert damals wie heute als typähnlich: Mundlos, nicht aber Böhnhardt. Auf anderem Zeitungsfoto (die drei: Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe nebeneinander) meinte sie bei einer der ersten Vernehmungen Böhnhardt als einen der damals gesehenen Männer zu erkennen, als jenen, der die Tüte in den Rucksack des anderen packte. Bei der Polizeivernehmung am 22.12.2011 ging es noch einmal um das Überwachungsvideo Keupstraße, sie meint in dem Mann mit dem Käppi einen von denen vom Tag des Mordes in Nürnberg zu erkennen. Widersprüche bei den Aussagen in den einzelnen Vernehmungen erklärt sie mit der Protokollierung der Polizei.
Pause bis 11.50 Uhr.

(Paul-Elmar Jöris, WDR)
Es geht nochmal um die Vernehmung, bei der der Zeugin Beate Keller das Überwachungsvideo aus der Kölner Keupstraße gezeigt wurde, vom Tag des Bombenanschlags.
Zeugin Keller: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um dieselben Männer handelt. Erkannt an Statur und am Bewegungsablauf. Ich habe Sequenz dreimal gesehen und sie wieder erkannt. Ich hab mir den Kopf näher zoomen lassen und das mit dem Ohr gesagt. Plastiktüte war gelb und mit bunter Schrift. Das hatten wir schon beim Untersuchungsausschuss, dass Aussagen, die ich bei der Polizei gemacht habe, nicht so protokolliert wurden. Die Formulierungen wurden abgeschwächt. Mir wurde gesagt, wenn Sie sich nicht 150 Prozent sicher sind, dann können wir das so nicht schreiben.

(Tim Aßmann, BR)
10.50 Uhr - Es geht weiter.
Richter Götzl geht weiter alte Vernehmungen von Frau Keller durch und konfrontiert die Zeugin. Die Zeugin weiß manches gleich wieder, manchmal muss sie auch überlegen oder weiß es nicht mehr genau.
Zeugin Keller bestätigt: Beide sahen sich von Frisur und Statur ziemlich ähnlich. Bald wie Zwillinge.
G.: hält auch nochmal Vernehmung vom 23. Mai 2006 vor, wo sie beide Männer (nach Ansicht der Ermittler die beiden Uwes, Mundlos und Böhnhardt) auf Kölner Video als diejenigen erkannte, die sie in Nürnberg am Dönerstand gesehen hatte.
K.: bestätigt: Es ist ein Bauchgefühl. Ich habe dieses Video gesehen und mir gesagt: "Die hab ich schon mal gesehen."
G.: trägt aus Vernehmung vor, legt Fotos vor
K.: hat da Uwe Böhnhardt erkannt.
G.: zeigt mehrere Blätter mit Fotos, darunter Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe.
G.: Erkennen Sie diese Bilder wieder?
K.: In dieser Zusammensetzung nicht.
Dann zeigt Richter Götzl ein Blatt, das Uwe Mundlos zeigt und auf dem sie diesen damals erkannt hätte.
K.: bestätigt: Wenn ich mir den mit Käppi und Sonnenbrille vorstelle, sieht der schon aus wie einer von den Zweien.
G.: hält vor: Sie sagten damals: "Sah aus wie einer aus Osteuropa".
K.: bestätigt.
G.: zitiert aus früherer Vernehmung, wo sie Böhnhardt als den erkannt hatte, der die Tüte in den Rucksack tat (also derjenige, der mutmaßlich geschossen hat).
K.: Ja, das hab ich damals gleich gesagt (als ihr ein Foto von Böhnhardt gezeigt wurde).
Zuvor hatte Götzl ihr aber ein Mundlos-Bild gezeigt, wo sie diesen als den mit der Tüte erkannte.
K.: Wissen Sie, das ist jetzt eine Zeitlang her.
G.: Sie haben damals dann auch gesagt, es könnten beide gewesen sein.
K.: (unsicher): Ich kann Ihnen jetzt im Moment …
G.: Na gut. Dann nehmen Sie bitte Platz.
G.: Sie haben auch mal gesagt, Sie könnten nur anhand der Statur vergleichen, weil Sie ihnen nicht genau ins Gesicht geschaut hätten.
K.: Ja.
G.: Wie passt das dann mit dem zusammen, was Sie hier gesagt haben?
K.: Wenn ich meine "genau ins Gesicht schauen", dann meine ich mehrere Sekunden. So war das damals nicht.
Rechtsanwalt Narin (Nebenklage) möchte, dass das Keupstraßen-Video gezeigt wird.
15 Minuten Pause.

(Matthias Reiche, MDR)
11.55 Uhr. Auf Antrag eines Opferanwaltes werden der Zeugin Keller noch einmal die Videosequenzen aus der Kölner Keupstraße (Nagelbomben-Anschlag) gezeigt. Sie bestätigt noch einmal, dass ein Mann mit Käppi, dessen Gesicht kurz im Bild ist, für sie einer der Männer ist, die sie ein Jahr später (2005) in Nürnberg sah.
Richter Götzl wird wütend wegen eines Opferanwalts, der die Zeugin aufforderte zu spekulieren. ("Machten die Männer auf dem Fahrradweg beim Studium der Karte den Eindruck, schon mal dagewesen zu sein?") "Auf diesem Niveau nicht", mahnt der Richter.
Die Zeugin erzählt, dass Polizeibeamte fragten, ob die Männer mit der türkischen Mafia oder Drogenhändlern zu tun gehabt haben können.
Rechtsanwalt Stahl (Verteidigung Zschäpe) fragt nach dem einen abstehenden Ohr, das sich die Zeugin als markantes Merkmal des einen Mannes gemerkt hatte, was im ersten Vernehmungsprotokoll aber nicht auftauchte.

(Tim Aßmann, BR)
Keupstraßen-Video wird gezeigt.
Rechtsanwalt Narin will wissen, ob die Zeugin Keller die Videos in der gleichen Geschwindigkeit gezeigt wurden.
Zeugin Keller: Kam mir jetzt langsamer vor.
RA Narin: Sind aber die Sequenzen, die Sie damals auch gesehen haben?
K.: Ja.
RA Narin: Wie war das mit dem Erkennen?
K.: Den mit dem einen Rad ziemlich sicher erkannt.
RA Daimagüler (Nebenklage): Hat die Polizei gesagt, warum sie Ihnen das zeigt?
K.: Ich sollte schauen, ob ich die Personen wieder erkenne. Mir wurde gesagt, könnte in Zusammenhang mit Nagelbombenanschlag stehen.
RA Langer (Nebenklage) fragt nach Marke der Plastiktüte.
K.: Olymp and Hades.
Ein anderer Nebenklage-Anwalt fragt, ob ihr auch eine Vielzahl von Fotos von Türken gezeigt wurden?
K.: Ja.
Anwalt: Warum?
K.: Sie haben mir gesagt, da könnten Türken, die türkische Mafia dahinter stecken. Ist mir oft gesagt worden.
Anwalt: Haben Sie darauf hingewiesen, dass die doch helle Haut hatten?
K.: Ja.
Anwalt: Was haben die da gesagt?
K.: Muss dazu sagen, die hätten auch Griechen, Italiener oder Spanier sein können. Hab aber gefragt und die haben gesagt, die Bilder hätten sie in der Kartei und es sei normal, dass man viele Bilder anschaut.
Verteidiger Stahl (Verteidigung Zschäpe): Ein abstehendes Ohr oder zwei?
K.: Eins.
Stahl: Sie machten auch bei Phantombildern mit. Bitte vorhalten.
K.: kommt vor zum Richtertisch und erkennt die Bilder aus der Akte.
Stahl: In erster Vernehmung haben Sie sie beschrieben, aber da steht nichts von abstehenden Ohren. Wann ist Ihnen das zum ersten Mal eingefallen?
K.: Das habe ich schon gesagt (gemeint ist: damals).
Stahl: Das steht da so nicht.
K.: Ich kann Ihnen den genauen Wortlaut nicht wiedergeben.
Stahl: Sie sagten, damals waren da Bauarbeiten. Wie groß waren die?
K.: kann das nicht erinnern. Lärm war da an dem Tag jedenfalls nicht.
Rechtsanwalt Klemke (Verteidigung Wohlleben): Ist Ihnen damals zuerst der Zeitungsausschnitt (mit den Fotos der dreien) und dann die Polizeifotos gezeigt worden?
K.: Ja.
Zeugin entlassen.

(Matthias Reiche, MDR)
13.35 Uhr.
Es geht weiter mit der Vernehmung von Margaret S. E., Altenpflegerin.
Hatte Arzttermin am 9. Juni 2005, hatte am Morgen noch mit Ismail Yasar (wurde am 9. Juni 2005 in seinem Dönerstand in Nürnberg erschossen) gesprochen,  an seinem Laden, das war zwischen 10.00 und 11.00 Uhr. Es war noch ein Mann da, der saß am Tisch vor dem Laden und hatte weiße Arbeitskleidung an, wie ein Maler. Bei einer früheren Vernehmung hatte sie angegeben, mit der Bahn um 09.53 Uhr gefahren zu sein, Station befand sich etwa 50 Meter von Yasars Dönerladen entfernt. Zeugin wird entlassen, fünf Minuten Pause.

(Paul-Elmar Jöris, WDR)
Dritter Zeuge heute: Lutz B., 57, Professor
Zeuge Lutz B.: An dem Tag Vortrag gehalten zur Entwicklung von kleinen und mittleren Unternehmen. Gedacht: "Gehst Du an Dönerbude vorbei und fragst nach Arbeitszeit." Reingeschaut und nichts gesehen“. Ich habe mich geärgert, weil dort Räder im Wege standen. Ich weiß nicht mehr genau, wo die Räder standen, aber im Wege. Darüber geärgert. Können angelehnt gewesen sein. Sie waren deutlich sichtbar, kann nicht sagen, ob rechts oder links. Keine Personen gesehen.

(Holger Schmidt, SWR)
14.35 Uhr. Schluss für heute - weiter erst in der übernächsten Woche.

Hinweis

Diese Texte sind eine Auswahl der Mitschriften der Reporter der ARD und des BR während der zentralen Verhandlungstage im sogenannten "NSU-Prozess", eines beispiellosen Verfahrens der deutschen Rechtsgeschichte. Wir dokumentieren diesen "Originalton", weil es in der deutschen Praxis des Strafprozessrechts, selbst bei derartig wichtigen Verfahren, kein offizielles und umfassendes Gerichtsprotokoll gibt. Wir erfüllen damit unsere Informationspflicht, um allen, die keinen der begehrten Sitzplätze im Gerichtssaal erhalten haben, einen - durchaus auch subjektiven - Eindruck der Prozessereignisse zu vermitteln. Die Zusammenfassungen der sogenannten "Saalinfos" unserer Reporter sind redaktionell bearbeitet, zum Teil gekürzt. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben und es kann natürlich auch keine Gewähr für die Richtigkeit jedes einzelnen Wortes gegeben werden. Die Redaktion distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten der Aussagen der Prozessteilnehmer.


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