NSU-Prozess


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Tagebuch der Gerichtsreporter Reiz, Druck und viele Überraschungen

Strafprozesse finden in der Öffentlichkeit statt - jedoch nicht für die Öffentlichkeit. Wer als Reporter vom NSU-Prozess berichtet, sollte diesen Satz verinnerlichen - sonst droht journalistischer Frust, warnt Oliver Bendixen.

Von: Oliver Bendixen

Stand: 10.07.2013 | Archiv

Oliver Bendixen | Bild: Foto Binder

10 Juli

Mittwoch, 10. Juli 2013

Zehn angeklagte Morde, zwei Bombenanschläge, etliche Banküberfälle und eine in Brand gesteckte Wohnungen garantieren nicht, dass an jedem der terminierten 191 Verhandlungstage Sensationen zur Sprache kommen, Angeklagte Geständnisse ablegen und Zeugen unter der Last schlimmer Lügen zusammenbrechen.

Das Gegenteil von "kurzem Prozess"

Hier werden Puzzleteile gesucht, geordnet, bewertet und wieder verworfen. Nach und nach entsteht ein Bild der Taten und von persönlicher Schuld oder Unschuld. Und dass von diesem Bild noch nicht einmal die Konturen zu erkennen sind, liegt weder am Gericht noch an den anderen Prozessbeteiligten. Was hier geschieht, ist das Gegenteil vom "kurzem Prozess", wie er an den Stammtischen oder bei Straßenumfragen gefordert wird. Das Leben ist halt komplexer als mancher sich das vorstellt und die Idee absurd, man müsse nur Beate Zschäpe ordentlich verknacken, dann sei das Problem rechter Gewalt in Deutschland erledigt.

Vom Reiz, dabei zu sein

Für die Prozessbeobachter liegt der Reiz, dabei zu sein, an anderer Stelle. Wann hat man schon Gelegenheit, ein Stück deutscher Geschichte mitzuerleben? Zu spüren, welche unterschiedlichen Taktiken Anwälte entwickeln, um ihre Mandanten frei zu bringen - und Richter, um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Und wo hat man als Reporter schon die Chance, dreimal pro Woche - und das für zwei Jahre - Menschen zu beobachten, wie die mit Druck umgehen? Mit Druck, der auf sie ausgeübt wird - und mit Druck, den sie selbst mit Taten und Worten verursacht haben.

Verfahren voller Überraschungen

Der Vorsitzende Richter, Manfred Götzl

Wer aus vergangenen Mordprozessen und Terrorverfahren Manfred Götzl kennt, den Vorsitzenden Richter, hat eine Variante schon mal kennengelernt: explosionsartige Entladungen bei offenkundigen Lügen und unüberhörbare Verachtung für unsinnige  Anträge. Bei diesem Prozess aber scheint der Senatsvorsitzende seine Kräfte schonen zu wollen. Auf Antrag eines Nebenklageanwalts wurde heute in den Akten ein Foto gesucht. Es wollte und wollte sich nicht finden lassen, bis es schließlich dort in den Beweisordnern auftauchte, wo niemand es vermutet hatte. Peinlich, dass es genau das Bild war, das Götzl bereits zuvor in den Händen gehalten und den Anwesenden gezeigt hatte. Gespanntes Warten auf eine Reaktion. Der Gerichtsvorsitzende schnauft einmal tief durch, wartet, und geht dann zur Tagesordnung über. Soll jemand sagen, dass dieses Verfahren nicht voller Überraschungen sein kann.

Aber vielleicht war es ja auch eine Geste gegenüber der Witwe von Enver Simsek. Ihr Mann war das erste Opfer des NSU-Terrors. Und ihre Teilnahme am heutigen Prozesstag war auch eine Geste. Sie glaubt, dass dieses Gericht in einem fairen Prozess ein gerechtes Urteil sprechen wird. Ob ihre Familie am Ende des Verfahrens in eineinhalb Jahren auch wissen wird, warum nach Enver Simsek noch neun weitere Menschen sterben mussten und weshalb die Behörden die Mörder so lange nicht finden konnten, ist ungewiss.


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Horst Meissner, Mittwoch, 10.Juli 2013, 18:46 Uhr

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Bewiesen ist noch gar nichts!