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Integration und Wohnungsbau "Münchner Mischung"

Die bayerische Landeshauptstadt hat unter den deutschen Metropolen den höchsten Migrantenanteil, aber keinen sozialen Brennpunkt wie etwa Berlin-Neukölln. Woran liegt das? Zum Beispiel am "Münchner Mischung" genannten Wohnungsbau-Programm.

Stand: 07.09.2010 | Archiv

Jede(r) dritte Münchner(in) hat einen Migrationshintergrund, also ausländische Wurzeln, auch wenn er oder sie inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Beschränkt man die Zählung auf Ausländer, kommt man auf 23 Prozent. Zum Vergleich: In der Bundeshauptstadt sind es gerademal 14 Prozent. München hat unter den deutschen Metropolen den höchsten Migrantenanteil, aber keinen sozialen Brennpunkt wie etwa Berlin-Neukölln, keine milieubedingte Gewalteskalation à la Rütli-Schule. Allenfalls das Hasenbergl im Norden der Stadt taucht gelegentlich in Diskussionen über "Problemviertel" auf. Warum geht es in München in Sachen Zuwanderung vergleichsweise so friedlich zu?

Münchens Sozialreferentin Brigitte Meier

"Migration und Integration muss man aktiv sozialpolitisch gestalten. Wenn man es laufen lässt, bekommt man Verhältnisse, wie man sie zum Teil in Berlin erlebt", sagt Münchens Sozialrefentin Brigitte Meier. Die drei wesentlichen Gestaltungsaufgaben sind für die SPD-Politikerin: "Wohnen, Ausbildung, Arbeit".

Münchner Beispiel gegen Sarrazins Thesen

Wohnanlagen in der Münchner Messestadt Riem

Beispiel Wohnen - die Wohnungsbaupolitik wird nach einem bestimmten Schlüssel gesteuert: Ein Drittel der Wohnungen eines Stadtteils sind frei finanzierte Mietwohnungen, ein Drittel Eigentumswohnungen, ein Drittel wird sozial gefördert. "Münchner Mischung" heißt dieses Modell, das besonders gut bei Neubaugegenden wie Theresienhöhe, Messestadt Riem oder Freiham zu beobachten ist.

Auch die Stadtteile mit den höchsten Ausländeranteilen wie Milbertshofen-Am Hart (35,3 Prozent) oder Obergiesing-Fasangarten (27,7 Prozent) wurden nicht zu "Problemvierteln", wie eine Studie von 2010 über Münchner Migrantenmilieus ergab, die die zuletzt heftig diskutierten Befunde von Thilo Sarrazin nicht bestätigt.

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Eine Art Ghettobildung, wie sie etwa in Berlin der Fall ist, blieb in München aus. "Wir haben immer darauf geachtet, dass keine Quartiere mit überbordenden Anteilen bestimmter Gruppen entstehen, seien es Migranten, seien es alleinerziehende Mütter", so Brigitte Meier.

Magnet für "Migranten-Elite"

Von den 1,3 Millionen Münchnern hat etwas mehr als ein Drittel Migrationshintergrund.

Die funktionierende Integration ist also unter anderem ein Verdienst der Münchner Wohnungsbau-Politik. Die Südmetropole hat aber auch - neben Hamburg und Bremen - einen relativ lukrativen Arbeitsmarkt, der besonders viele Hochqualifizierte anlockt. Unter ihnen befinden sich auch Unternehmer oder Akademiker mit Migrationshintergrund, die sich - ausgestattet mit einem guten Job - eine Eigentumswohnung auf der Theresienhöhe oder in Riem leisten können.

Auch das ist ein Ergebnis der Milieu-Studie: Der Anteil der besserverdienenden Migranten mit hohem Bildungsniveau und großer Integrationsbereitschaft ist in München überdurchschnittlich hoch. Auf der anderen Seite sind traditionsverwurzelte, bildungsferne oder gar prekäre Migrantenmilieus in München anteilsmäßig unter dem Bundesdurchschnitt.

Problem Schulabschluss

Bei all seinen Strukturvorteilen ist München dennoch keine Insel der Multikulti-Seligkeit. Der deutsch-arabische Grillabend bleibt die absolute Ausnahme. Die Integration von Jugendlichen ohne Schulabschluss ist auch an der Isar ein großes Problem. Sie finden in der Regel keinen Ausbildungsplatz. Das Sozialreferat versucht, ihnen mit Übergangsprojekten zu helfen.

Langfristig will man der Bildungsbenachteiligung durch Frühföderung entgegenwirken: "Wir haben vor 20 Jahren schon angefangen, in den Kindertagesstätten Spracherzieher einzusetzen", sagt Brigitte Meier. Inzwischen würden 90 Prozent der Migrantenkinder drei Jahre lang eine Kita besuchen. Zudem werde gezielt in Schulen investiert, so die Sozialreferentin.

Projekt: Studenten helfen Migrantenkindern

Münchner Lehramtsstudenten geben Migrantenkindern Sprachunterricht.

Ein Beispiel für "nachholende Integration": Das Sozialreferat und die Stiftung Mercator starteten 2009 ein Projekt zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität: Lehramtsstudenten geben für einen Stundenlohn von zehn Euro einmal in der Woche 300 Münchner Schülern mit Migrationshintergrund Förderunterricht.

Die Kinder und Jugendlichen besuchen Gymnasien, Real- und Hauptschulen, sonderpädagogische Förderzentren und eine Wirtschaftsschule. 70 Prozent der Schüler konnten sich so um eine Note verbessern. Die Stiftung Mercator stellte 180.000 Euro zur Verfügung. Dieses Förderprojekt ist eines von mehreren im Rahmen des "Interkulturellen Integrationskonzeptes", das die Stadt München 2008 beschloss. Ohne solche Projekte muss die Integrationsleistung durch Migrantenorganisationen, Nachbarschaften, Vereine, Kirchen, Bürger- oder kommunale Initiativen erbracht werden.


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