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Mordserie in Deutschland Der lange Arm von Titos Killern

Djurekovic war nicht das einzige Opfer: 29 Morde an Exil-Oppositionellen waren es, die das jugoslawische Regime zwischen 1967 und 1989 in der Bundesrepublik ausführen ließ. Auch nach Titos Tod 1980 gingen die Liquidationen weiter.

Stand: 03.08.2016 | Archiv

Josip Broz Tito mit Ehefrau | Bild: picture-alliance/dpa

Jugoslawien war bis zu seinem Zerfall ab den 1990er-Jahren ein Vielvölkerstaat, bestehend aus den sechs Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Mazedonien. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Jugoslawien von einer dominierenden Figur regiert: Josip Broz, genannt Tito. Ein Kommunist - aber einer, der zur Sowjetunion und zum sogenannten Ostblock Distanz hielt.

Trotzdem waren nicht alle im vereinten Jugoslawien einverstanden mit Titos Kommunismus-Variante. Vor allem unter Kroaten entwickelte sich eine nicht unbedeutende Szene von Dissidenten, unter ihnen Monarchisten oder Faschisten, aber auch Demokraten und Anarchisten. Viele von ihnen wanderten aus, bevorzugt ins bundesdeutsche Exil. Von dort aus agitierten sie mit Zeitungen und Traktaten gegen das Tito-Regime.

Das war in seiner Reaktion nicht zimperlich: Der jugoslawische Geheimdienst UDBA und dessen kroatischer Teilrepublik-Ableger SDS schreckten vor Mord nicht zurück. Tito höchstpersönlich hatte den Befehl für einen "Spezialkrieg" gegen seine Gegner unterzeichnet. Jugoslawien baute ein großes Spitzelnetz in der Bundesrepublik auf. Allein zwischen 1967 und 1989 sollen hier mindestens 29 Exilkroaten liquidiert worden sein. Das heißt, auch nach Titos Tod 1980 wurde im Auftrag der jugoslawischen Geheimdienste weiter getötet.

Zahlreiche Morde in Bayern

Geheimdienst-Opfer: Vid Maricic, Kresimir Tolj, Mile Rukavina (v.l.n.r.)

Im Oktober 1968 hatte es allein in München drei Dissidenten erwischt: Vid Maricic, Kresimir Tolj, Chefredakteur der kroatischen Freiheitszeitung, und Mile Rukavina, Präsident des Bundes der vereinigten Kroaten, wurden in der Paul-Heyse-Straße 25 erschossen. Anto Dapic, früherer Vorsitzender der Kroatischen Christlich-Demokratischen Bewegung, wurde im September 1989 in seiner Wohnung in Nürnberg erstochen. Im März 1983 fanden Passanten Djuro Zagajski, Mitglied des Geheimbundes "Kroatisch Revolutionäre Bewegung", mit zertrümmerten Schädel im Münchner Fasangarten. Seine Geschichte steht im Mittelpunkt der gemeinsamen Recherchen der BR-Redaktion "Kontrovers" und der Deutschen Welle.

Abtransport der Leichen von Maricic, Tolj und Rukavina am 26. Oktober 1968

Besonders prominent wurde der Fall Stjepan Djurekovic, der 1983 im oberbayerischen Wolfratshausen bestialisch ermordet wurde. Wegen dieses Falles müssen sich derzeit Josip Perkovic und Zdravko Mustac, zwei maßgebliche Funktionäre des ehemaligen jugoslawischen Geheimdienstes, vor dem Oberlandesgericht München verantworten.

Killer auch in bundesdeutschen Diensten?

Mitten in Deutschland tobte also ein Untergrundkrieg: kroatische Dissidenten gegen Killer des jugoslawischen Geheimdienstes. Manche von ihnen sollen Doppelagenten gewesen sein und auch auf der Gehaltsliste des Bundesnachrichtendienstes oder des Verfassungsschutzes gestanden haben. Die damalige Bundesregierung wusste von den Morden. Diese Verwicklungen werden wohl auch im Prozess Thema werden.

Exilantenhochburg München

1983 lebten rund 9.500 politische Emigranten aus Kroatien in Deutschland. Viele von ihnen waren nicht nur Gegner des Tito-Regimes, sie forderten auch einen unabhängigen Staat Kroatien. Einige von ihnen versuchten das auch mit Waffengewalt oder mit geplanten Sprengstoffanschlägen in kroatischen Touristenorten, um das jugoslawische Regime zu destabilisieren. München spielte in der kroatischen Dissidentenszene eine zentrale Rolle. Hier hatte das Kroatische Nationalkomitee in Europa (HNO) seinen Sitz. 1983 gab es etwa 300 HNO-Mitglieder.


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