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Kriegsausbruch in Bayern "Am Anfang gefiel uns der Weltkrieg ausgezeichnet"

Die Bilder verraten die halbe Wahrheit: Nicht alle ziehen mit Hurra in den Krieg. Doch vor allem in den Städten ist die historische auch eine hysterische Stunde. Gerüchte über französische Bomber und serbische Brunnenvergifter starten einen Nervenkrieg, noch bevor an der Front der erste Schuss fällt.

Von: Michael Kubitza

Stand: 01.08.2014 | Archiv

Mobilmachung im August 1914 - Freiwillige schwenken euphorisch ihre Hüte | Bild: picture-alliance/dpa; Montage: BR

Als der Krieg beginnt, ist Ödön von Horváth, geboren im k.u.k.-ungarischen Kroatien, noch neu in München. Worum es geht, versteht er nicht - er ist 13 und spricht kaum deutsch. Doch er ist "begeistert" und verrät auch warum:

"Wir hatten viele schulfreie Tage, und es gab immer wieder eine Sensation. [...] Es tat uns außerordentlich leid, daß wir nicht um fünf bis sechs Jahre älter waren – dann hätten wir nämlich sofort hinauskönnen in das Feld."

Ödön von Horváth, Autobiographisches und Theoretisches

"Sofort" vielleicht nicht. Der acht Jahre ältere Ernst Toller berichtet:

"Es ist nicht so leicht, Soldat zu werden. Die [Münchner] Kasernen sind mit Freiwilligen überfüllt, bei der Infanterie und Kavallerie werde ich abgewiesen, ich soll warten, Freiwillige werden nicht mehr eingestellt."

Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland

Auch der Gymnasiast und Jungjournalist Bert Brecht ist vom Kriegsfieber angesteckt:

Bertolt Brecht als 20jähriger im Jahr 1918 | Bild: picture-alliance/dpa

"Jetzt, in diesen Tagen, liegen alle Augen auf dem Kaiser. Auch die Sozialdemokraten haben ihm die Treue geschworen. Jedermann weiß, dass dieser Krieg unumgänglich ist."

Bert Brecht am 2. August 1914 in der Augsburger Zeitung

Was - außer schulfrei und der Aussicht auf ein erleichtertes Abitur - treibt diese drei, die später als linke Schriftsteller gelten, in den Krieg?

Plakat zum Kriegsausbruch

Es ist eine Art kollektiver Rausch, der im heißen Sommer 1914 besonders die bürgerlichen Kreise in den großen Städten erfasst hat. Das Attentat von Sarajewo, das österreichische Ultimatum an Serbien, das Warten auf eine Antwort erzeugen eine Spannung, die sich jetzt in einem "reinigenden Gewitter" entladen soll.

Ein Krieg bricht aus: Von der "Julikrise" zum "Augusterlebnis"

Als die ersten bayerischen Soldaten am 4. August mit Pomp und Musik in den Krieg ziehen, säumen tausende die Straßen. Davor und danach kommt es in München und Nürnberg zu spontanen Versammlungen. Dutzende Fotos zeigen Menschen, die Hüte schwenken, Zeitungen in die Luft werfen. Manche sind gestellt, viele authentisch - und zeigen doch nur die halbe Wahrheit.

Junger Gewehrträger beim Auszug der Soldaten aus München

Nach quälend langer Ungewissheit über das, was kommen wird, empfinden viele jede Entscheidung als Erlösung. Der ungewöhnlich heiße Sommer befördert die Tendenz zum öffentlichen Jubel. Wichtiger noch: In einer Zeit ohne Internet und Fernsehen muss, wer sich über den Fortgang der Ereignisse auf dem Laufenden halten will, aus dem Haus, um sich im Pulk vor öffentlichen Aushängen zu informieren oder beim Zeitungsjungen eine Extraausgabe zu ergattern.

In der Zeitung geben die Kriegsbefürworter den Ton an. In der Menge sind es die selbstbewussten Söhne des Bürgertums, die im Kriegsausbruch den Aufbruch in eine neue, von Deutschland dominierte Weltordnung sehen - besonders nachts, "wenn die Köpfe vom Alkohol erhitzt waren" (Joachim Ringelnatz, München).

Galerie: August 1914 in Bayern

Nicht alle sind begeistert

Unter den Frauen hält sich die Begeisterung meist in Grenzen. Ebenso bei den Arbeitern, die noch im Juli vereinzelt gegen den Krieg demonstriert haben - bis ihre Partei ihn zum unvermeidlichen, im Wortsinne notwendigen Übel deklariert, zum Freiheitskampf gegen das zaristische Russland und hoffentlich "letzten Krieg der Menschheit."

Den Bauern kommt der Waffengang - richtig oder nicht - so gelegen wie ein Gewitter."Schaugt's, dass fiati werds draußt, i fürcht es geht glei los", lässt Lena Christ einen Bauern sagen, der am Mittagstisch in die Zeitung schaut. Die Ernte steht an, der massenhafte Abmarsch aufs "Feld der Ehre" lässt auf heimischen Feldern bald die Ähren verdorren.

Revolution in Paris? Bomben über Nürnberg?

Ins Kraut schießen dafür die Spekulationen über den Kriegsausgang. Noch überwiegt der Optimismus - wie bei jenem Zugpassagier, dessen Monolog zwischen Tutzing und Pasing der Schriftsteller und Leutbelauscher Georg Queri wie folgt wiedergibt:

Queri-Denkmal in Frieding bei Andechs

"Frankreich, das kriegt jetzt als allererstes seine Revolution, wirst schon sehen, die Franzosen mögen ganz gern eine Revolution machen. Dann krageln sie den Präsidenten ab, und der nach ihm kommt, der denkt sich auweh zwick, die täten mich auch abkrageln - ich mach einen Frieden."

Georg Queri, Aus dem Tagebuch des großen Krieges, 1915.

Besonders in den Städten wächst sich die Anspannung zur Hysterie aus. In Nürnberg sorgen am 2. August Falschmeldungen für Aufregung, französische Bomber hätten ohne Kriegserklärung einen Angriff auf die Stadt geflogen. Urheber sind vermutlich Landsturmleute, die verdächtige Wolkenschatten bemerkt haben. Über den Generalstab, dem der vermeintliche Völkerrechtsbruch gelegen kommt, gelangt die Meldung in die Zeitungen - ein Dementi bleibt aus.

"Gegen eine Welt von Feinden"

In München, wo gute Patrioten schon im Juli ein Kaffeehaus zerlegt haben, in dem eine gerüchtehalber serbische Kapelle spielte, spricht der liberale Oberbürgermeister Wilhelm von Borscht in einer Rede vom "Ungeheuer des Panslawismus" mit seinen "kulturvernichtenden Krakenarmen". Pogromstimmung liegt in der Luft. Ernst Toller notiert:

"Am Stachus tobt Tumult, einer will gehört haben, wie zwei Frauen französisch sprechen, die zwei Frauen werden verprügelt, sie protestieren in deutscher Sprache, sie seien Deutsche, es hilft ihnen nichts, mit zerrissenen Kleidern, zerrauften Haaren und blutigen Gesichtern werden sie von Schutzleuten zur Wache geführt."

Ernst Toller

"Bestehen gegen eine Welt von Feinden" gibt am 6. August Kaiser Wilhelm als Parole aus. "Drei Klosterfrauen mit Bomben unter ihren Gewändern! Nein, fünf Klosterfrauen!", bespöttelt Georg Queri die grassierende Paranoia. Und Lena Christ fasst die Nachrichten, die aus München nach Rosenheim gelangen, ironisch so zusammen:

"Hundert Russen und Franzosen hat man in der Stadt erschossen! Alle Bahngleise liegen voll Bomben! Alle Wasserleitungen sollen vergiftet werden! In Berlin und Wien ist Cholera und Paris steht in Flammen!"

Lena Christ.

Der Kern der Gerüchte: Attentäter, Dynamit und tödliche Keime

Die blutverschmierte Uniformjacke des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand

Nein, Paris steht nicht in Flammen, und auch die Meldungen über Saboteure und Terroristen sind meist aus der Luft gegriffen - was auch heißt: Sie lagen in der Luft. Denn der Mord von Sarajewo ist nicht der erste seiner Art. Allein seit 1900 haben Attentäter mehr als ein Dutzend Staatsoberhäupter und Politiker in Deutschland, Finnland, Griechenland, Italien, Mexiko, dem osmanischen Reich und Österreich-Ungarn, Portugal, Russland, Serbien, Spanien, Türkei und der USA angegriffen.

Die Täter werden meist als verwirrt bezeichnet; oft gehören sie nationalistischen oder anarchistischen Splittergruppen an. Die "Schwarze Hand", ein Geheimbund extremistischer serbischer Offiziere, erregt Schrecken wie nach 2001 die Taliban.


Die Mordinstrumente sind dabei fast so vielseitig wie die im beginnenden Krieg, sie reichen von Feilen und Beilen über Pistolen bis zu einer neuen, besonders furchteinflössenden Waffe: Dynamit. Die Fähigkeit Einzelner, massive Verwüstungen anzurichten, begünstigt eine neue Form der Gewalt, die dem, was heute "asymetrische Kriegsführung" genannt wird, schon nahe kommt. Und auch wenn die von Fürstenfeldbruck bis Fürth kursierenden Gerüchte über Spione, die Wasserleitungen mit Cholerabakterien vergiften, eher als moderne Varianten alter Brunnenvergifter-Legenden erscheinen - die Furcht vor Seuchen ist nicht unbegründet. Die sogenannte "Spanische Grippe" - in Deutschland auch "Flandernfieber" genannt - forderte in den Jahren 1918 bis 1920 mindestens 25 Millionen Opfer - mehr als der Weltkrieg selbst.


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