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Studieren mit Legasthenie Der tägliche Kampf gegen eine unsichtbare Behinderung

Sie sind schlau, sie studieren, sie haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Tina und Natascha sind Legasthenikerinnen. Weil sie es satt hatten, dass ihnen niemand glaubt und sie sich immer erklären müssen, haben sie sich für ein Studium an der „legasthenie-freundlichen“ Universität Würzburg entschieden.

Von: Margarete Jall

Stand: 07.12.2019

Donnerstagvormittag. Tina ist auf dem Weg zur Zeitgeschichte-Vorlesung an der Uni Würzburg. Die 20-jährige studiert Grundschullehramt. Bevor die Vorlesung los geht, stellt sie dem Dozenten ein kleines silbernes Gerät aufs Pult. Ein Diktiergerät. Der Dozent drückt Start und beginnt seine Vorlesung. Dieses Diktiergerät ist für Tina eine große Hilfe. Sie ist Legasthenikerin. Gleichzeitig zuhören, möglichst viel mitbekommen und dann noch mitschreiben, fällt ihr schwer. Zuhause kann sie sich die Vorlesung dann nochmal anhören und vor allem die Audiodatei in ein Textdokument umwandeln. Während Tina in der Uni sitzt, arbeitet Natascha zuhause für die Uni. Sie liest. Nichts besonderes, wenn man Germanistik studiert. Aber auch die 20-jährige ist Legasthenikerin. Sie sagt, sie liest gern. Trotzdem ist es immer eine Herausforderung. Denn während Kommilitonen ein Buch in einem Tag lesen, sitzt sie zwei, drei Wochen daran. „Allein einen Tag nur zu lesen, das überfordert mich tatsächlich, ich kann dann irgendwann nicht mehr“, erklärt Natascha. Sie muss zwischendrin oft Pause machen.

So fühlt sich Legasthenie für Natascha und Tina an

Da geht es ihr wie den meisten Legasthenikern. Obwohl die Ausprägungen der Entwicklungsstörung sehr unterschiedlich sind. Legastheniker sind normal oder auch überdurchschnittlich intelligent und lernen auch normal lesen und schreiben, trotzdem fällt es ihnen schwer Buchstaben, die sie lesen in Sinn umzuwandeln. Der Weg, wie aus einem Buchstaben ein Gedanke wird, ist bei Legasthenikern länger und damit anstrengender. Schuld sind anatomische Veränderungen im Gehirn. Etwa 4-6% der Bevölkerung sind von der Lese- und Rechtschreibstörung betroffen. Wie viele Studierende es mit Legasthenie gibt, weiß man nicht. Dazu gibt es keine Erhebungen und viele Studierende sprechen auch nicht offen darüber. Wie genau sich eine Legasthenie auswirkt, ist sehr individuell. Lese- und Schreibstörung können auch einzeln auftreten. Natascha macht zwar Rechtschreibfehler, wenn sie sich nicht konzentriert, aber vor allem merkt sie es beim Lesen.

"Im Kopf krieg ich die Wörter nicht mehr auseinandergezerrt oder die Bedeutung entschlüsselt. Also dann verschwimmt das so, ich bleib nur noch an einzelnen Wörtern hängen, krieg nicht mehr hin mich zu konzentrieren von links nach rechts, Wort für Wort"

Natascha, Studentin mit Legasthenie

Auch Tina hat vor allem beim Lesen Schwierigkeiten, nicht nur weil es länger dauert..

"Wenn ich Text gelesen hab, heißt das noch lange nicht, dass ich ihn auch verstanden hab. Das macht das alles komplizierter und dann hab ich teilweise Aufzeichnungen mit denen ich nichts mehr anfangen kann, weil ich geschrieben hab und das, was ich eigentlich schreiben wollte, vermischt sich mit dem was Dozent sagt, weil ich versuche das aufzugreifen."

Tina, Studentin mit Legasthenie

Warum es Natascha und Tina in der Schule so schwer hatten

Natascha kann ihre Legasthenie durch Konzentration gut kompensieren. Das kostet sie aber sehr viel Kraft. Damit sie in Prüfungen die gleichen Chancen wie ihre Kommilitoninnen hat, braucht sie mehr Zeit. In der Schule musste sie für ihren Nachteilsausgleich vor Gericht ziehen. Sie war eine gute Schülerin, niemand wollte ihr glauben, dass sie Legasthenikerin ist. Obwohl sie ein eindeutiges Gutachten hatte.

"Also der Weg ist auch, dass die Klassenkonferenz entscheidet, was man kriegt. Aber die haben entschieden, dass ich gar nichts an Ausgleich kriege. Und dagegen sind wir rechtlich dann vorgegangen, weil es nicht anders ging."

Natascha, Studentin mit Legasthenie

Auch Tina hatte es alles andere als einfach in der Schule. Sie hat sogar die Schule gewechselt, weil ihr niemand geglaubt und sie unterstützt hat.

Natascha zuhause am Schreibttisch

"Ich schätz einfach mal es kommt daher, weil man es mir nicht ansieht. Einem Querschnittsgelähmten, der in Rollstuhl sitzt, sieht man das an. Da ist es selbstverständlich zu helfen, man akzeptiert es auch mehr als bei einer Person, die von außen normal aussieht und keine Hilfsmittel braucht. Das zu akzeptieren, dass sie wirklich was hat und Hilfe braucht und es nicht einfach ein Versuch ist sich einen Vorteil zu verschaffen."

Tina, Studentin mit Legasthenie

Das macht die Universität Würzburg anders

Tina und Natascha haben sich bewusst für ein Studium an der Universität Würzburg entschieden. Hier bekommt Tina 50% mehr Zeit in Prüfungen, die Prüfungsaufgaben werden im A3-Format für sie gedruckt. Hausarbeiten darf sie später abgeben. Außerdem hat sie technische Hilfsmittel wie ein Diktiergerät, Transkribier- und Vorlesesoftware. Natascha bekommt 25% mehr Zeit bei Prüfungen. Technische Hilfsmittel braucht sie nicht. Für ihren Nachteilsausgleich musste sie nicht erst vor Gericht ziehen. Denn die Universität Würzburg trägt seit 2012 den Titel „legasthenie-freundlich“, ausgezeichnet vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. Die Uni erkennt Legasthenie als Behinderung an, so bekommen Betroffene technische Hilfsmittel und einen Nachteilsausgleich. Bei Fragen und Problemen können sie sich an die Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) wenden. Von der KIS bekommen sie auch technische Hilfsmittel gestellt.

Natascha in der Universität

"Wir akzeptieren Atteste aus der Schulzeit, weil wir das so sehen, dass Legasthenie diagnostiziert wurde und die Legasthenie ändert sich ja nicht mehr im Gegensatz zu einer Lese- und Rechtschreibschwäche. Und ich kenne halt Hochschulen in Bayern, die geben einen Nachteilsausgleich von zehn Prozent, aber das nützt den Studierenden ja nichts. Nehmen sie mal eine 60-minütige Klausur, dann sind zehn Prozent sechs Minuten."

Sandra Mölter, Leiterin Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS), Universität Würzburg

Was Tina und Natascha motiviert dran zu bleiben

Es war ein langer und anstrengender Weg bis zum Studium für Natascha und Tina. Und auch jetzt müssen sie oft kämpfen und sehr viel mehr arbeiten als ihre Kommilitoninnen. Tina motiviert vor allem ihr Ziel später als Grundschullehrerin zu arbeiten. Vor Schwierigkeiten im Beruf hat sie keine Angst, bisher hat sie in ihren Schulpraktika nur gute Erfahrungen gemacht.

"Die Vorbereitung und Nachbereitung, das ist wie an der Uni oder Schule auch, die dauert einfach länger. Das ist meine Privatsache, sag ich jetzt mal. Im Unterricht selbst aber gibt es da sehr wenig Probleme, weil ich beherrsche ja die deutsche Sprache und ich kann ja auch lesen. Ich hab auch schon Deutschstunden gehalten, das war eigentlich kein Problem."

Tina, Studentin mit Legasthenie

Natascha will unbedingt im nächsten Jahr über das Erasmus-Programm ein Auslandssemester machen. Sie will so vor allem ihre Angst vor dem Englischen überwinden, weil sie damit als Legasthenikerin noch größere Probleme als in Deutsch hat. Dass sie so positiv und offen mit ihrer Legasthenie umgeht, hat auch viel mit ihrer Arbeit für „JA!“, die Jungen Aktivem im Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie zu tun. Seit drei Jahren ist sie Sprecherin dort und erzählt offen von all dem Schlechten, was sie erlebt hat und wie sie es ins Positive verwandeln konnte.

Tina macht den Nachteilausgleich

"Ich geh damit offen um, um anderen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, dass man auch Germanistik studieren kann, dass man besser werden kann. Den Mut und das Verständnis das ich damals zu Schulzeiten bekommen hab, will ich weitergeben."

Natascha, Studentin mit Legasthenie

Infos zum Studium mit Legasthenie:

Studium - Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie e.V.
https://www.bvl-legasthenie.de/ausbildung-beruf/studium.html

Die jungen Aktiven - Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie e.V.
https://www.bvl-legasthenie.de/junge-aktive.html

Kontak und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung - Universität Würzburg
https://www.uni-wuerzburg.de/chancengleichheit/kis/startseite/


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