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Campus Doku Gelingt Inklusion in der Gesellschaft?

Jeder Mensch ist Teil der Gesellschaft und gerade diese Vielfalt prägt jede Gemeinschaft. Doch behinderte Menschen mitten drin, integriert und mit Teilhabe ohne Barrieren – wie kann das gelingen?

Von: Elke Hardegger

Stand: 02.06.2018

Seit 2009 hat sich Deutschland das Ziel gesetzt: Inklusion auf allen gesellschaftlichen Ebenen voranzubringen. Inklusion bedeutet: Jeder Mensch erhält die Möglichkeit, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – und zwar von Anfang an und unabhängig von individuellen Fähigkeiten, körperlicher oder geistiger Behinderung, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht oder Alter. Zur Realisierung einer inklusiven Gesellschaft ist jedoch ein gesamtgesellschaftlicher Veränderungsprozess notwendig, der auch einen Bewusstseinswandel aller Menschen beinhaltet. Dazu gehört auch ein veränderter Wertewandel. Campus DOKU geht der Frage nach, wie das Prinzip der Inklusion die Gesellschaft verändert: Ist sie wirklich darauf vorbereitet oder ist sie eher damit überfordert?

Prof. Dr. Heiner Bielefeldt

Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, Lehrstuhl für Menschenrechte an der Universität Erlangen-Nürnberg hat sich von Anfang an für die UN Behindertenrechtkonvention eingesetzt. Er war bis 2009 Direktor des Instituts für Menschenrechte und übernahm dann den in Deutschland einmaligen Lehrstuhl für Menschenrechte an der Uni Erlangen-Nürnberg. Für ihn ist Inklusion eine Chance für die Gesellschaft, denn

"...es ist ein Prozess der Öffnung von Gesellschaft, der Erkenntnis von Barrieren, von denen viele bislang gar nichts wussten. Insofern ist das ein wichtiger Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft, zur Realisierung von Vielfalt in unserer Gesellschaft, denn da gab es viele Menschen und gibt es noch, die keine Chancen haben wirklich gleichberechtigt dabei zu sein und das muss sich ändern."

Prof. Dr. Heiner Bielefeldt

Von Anfang an dabei sein – Inklusion im Kindergarten

Damit Menschen mit Handicap von Anfang an gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, ist Inklusion bereits im Kindergarten notwendig. Die Pfennigparade, ein Förderzentrum für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, hat zwei Gruppen in ihrem Kindergarten für nichtbehinderte Kinder geöffnet. Von den 16 Kindern haben 8 eine körperliche Beeinträchtigung. Trotzdem begegnen sich die Kinder ohne Berührungsängste und das gemeinsame Spielen ist ganz normal. Alle profitieren davon, denn auch die Betreuung ist intensiver, als in einem städtischen Kindergarten. Jede Gruppe wird von 5 Betreuerinnen begleitet: je eine Erzieherin, eine Therapeutin, eine Kinderpflegerin, eine Praktikantin und eine Konduktorin. Sie ist eine Fachkraft mit einer ganzheitlichen pädagogischen und therapeutischen Ausbildung.

Gemeinsamer Unterricht und individuelles Lernen

Auch der gemeinsame Unterricht gelingt nur, wenn ausreichend Personal zur Verfügung steht. Das zeigen erfolgreiche Projekte in denen behinderte und nicht behinderte Schüler miteinander lernen. Ein ähnliches Konzept wie in der Pfennigparade verfolgt die Jakob Muth Schule in Nürnberg, eine Förderschule für die geistige Entwicklung. Sie hat eine 2. Klasse geöffnet, in der Kinder mit Beeinträchtigungen zusammen mit Grundschüler lernen. Trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen findet an dieser Schule gemeinsames Lernen statt. Zwei Lehrerinnen, eine Grundschullehrerin und eine Sonderschullehrerin unterrichten gemeinsam. Und genau das ist ein wesentlicher Faktor ihres Erfolgs: Teamteaching, d.h. zwei Lehrkräfte unterrichten gemeinsam, aber mit zwei unterschiedlichen Blickrichtungen. Kein Kind wird ausgeschlossen, jedes Thema wird von allen Kindern behandelt, aber individuell nach den jeweiligen Fähigkeiten.

Prof. Dr. Bärbel Kopp

Prof. Bärbel Kopp hat mit ihrem Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und –didaktik, an der Universität Erlangen-Nürnberg, die Klasse wissenschaftlich begleitet. Für ihre Studien untersuchte sie in verschiedenen Tests die Lernfortschritte aller Schüler. Die Ergebnisse waren durchgängig positiv, d.h. der gemeinsame Unterricht in diesen Intensiv-kooperierenden Außenklassen zwischen Förderschule und Regelschule, den sogenannte IKON Klassen, ist für alle Schüler erfolgreich. Nicht nur das soziale Lernen wird gefördert, sondern auch die kognitive Leistungssteigerung.

Erfolge und Hürden in der Regelschule

Die Volksschule Thalmäßing hat inzwischen seit 9 Jahren Erfahrung, wie behinderte und nicht behinderte Schüler gemeinsam lernen können. Mit Unterstützung des Mobilen Sonderpädagogischen Dienst es (MSD), einer Schulbegleiterin und einem flexiblen Unterrichtskonzept, hat die Schule eine inklusives Lernkultur geschaffen, die Schülern mit Down Syndrom oder mit autistischen Auffälligkeiten ermöglicht, eine Regelschule zu besuchen. In Zukunft sollen 80% der Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule besuchen. Die Förderschulen in Bayern sollen dann immer mehr zu Kompetenzzentren ausgebaut werden. Derzeit gibt es in Deutschland knapp eine halbe Million verhaltensauffällige, lern- oder körperbehinderte Schüler, die besonderer Förderung bedürfen. Doch alle Schüler gemeinsam zu unterrichten wird teuer: Eine aktuelle Studie von Bildungsforschern an der Universität Duisburg-Essen beziffert die Kosten auf 660 Millionen Euro im Jahr - nur für zusätzliche Lehrer. Diese Summe macht jedoch weniger als zwei Prozent der heutigen gesamten Finanzierungskosten von Schulen aus.

Prof. Dr. Ulrich Heimlich

Trotzdem ist für eine inklusive Lernkultur entscheidend, dass Lehrer/innen zukünftig anders arbeiten müssen. Nicht allein, sondern gemeinsam im Team mit Sonderpädagogen/innen sollen sie den Unterricht so gestalten, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam miteinander und voneinander lernen können. Dafür muss bereits im Lehramtsstudium und im Studium der Sonderpädagogik ein Perspektivwechsel stattfinden. Prof. Dr. Ulrich Heimlich, Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik an der Universität München betont:

"...Grundsätzlich ist Inklusion eine Haltung. Wenn es Grenzen gibt, dann gibt es die in unseren Köpfen. Und diese Grenzen kann man natürlich bearbeiten."

Prof. Dr. Ulrich Heimlich

86 Schulen in ganz Bayern werden vom Kultusministerium als Schulen mit Inklusionsprofil beschrieben. Weil sie bereits einen gemeinsamen Unterricht, meist mit zwei Lehrkräften, durchführen. Wie kann Inklusion aber flächendeckend stattfinden, wenn es insgesamt 5000 Schulen in ganz Bayern gibt? Vor allem wie kann Inklusion in einem gegliederten Schulsystem erfolgreich sein? Gelungene Projekte verdeutlichen, dass ein individuelles und flexibles Lernumfeld wesentlich zum Erfolg führen kann und die Betreuung intensiver sein muss als an Regelschulen ohne Inklusionsprofil.

Intensive Betreuung und eine spezielle Audiotechnik ist das erfolgreiche Lernumfeld für hörbeeinträchtigte Jugendliche am Giselagymnasium in München. Aus ganz Deutschland bewerben sie sich auf die begehrten wenigen Plätze. Mit Hilfe einer FM Technik (Dynamic SoundField System), die im Unterricht eingesetzt wird, hören die Schüler/innen was der Lehrer sagt und was die anderen Mitschüler/innen ins Mikrofon sprechen. So können alle gleichberechtigt dem Unterricht folgen. Das Soundsystem passt sich automatisch an dem Geräuschpegel im Raum an, es ist mobil und kann auch in anderen Räumen eingesetzt werden. Die Technik hilft den Hörbeeinträchtigten Schüler/innen, doch am Ende der 12. Klasse schreiben sie, wie alle anderen Schüler auch, dieselben Prüfungen.

Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt

Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern sind verpflichtet Schwerbehinderte einzustellen. Durchschnittlich 4,5 % sind in solchen Betrieben schwerbehindert. Wenn die Beschäftigungsquote unter 5% liegt muss der Arbeitgeber eine monatliche Ausgleichsabgabe bis zu 260 Euro zahlen. Viele Arbeitgeber zahlen aber lieber, anstatt Behinderte einzustellen und so steigt die Arbeitslosenquote unter ihnen. 2011 gab es laut Bundesagentur für Arbeit 180 000 schwerbehinderte Arbeitslose in Deutschland. Sie sind im Durchschnitt etwas höher qualifiziert und dennoch bleiben sie länger ohne Arbeit als Nichtbehinderte. Bei BMW in Dingolfing sind rund 18000 Mitarbeiter beschäftigt. 8% davon sind schwerbehindert. Das Unternehmen und die Beschäftigten profitiert von der Zusammenarbeit von beeinträchtigten und nicht beeinträchtigten Mitarbeitern. Für das Unternehmen ist die Beschäftigungsquote von behinderten Menschen wichtig, denn schließlich können sich Behinderungen auch im Laufe eines Lebens entwickeln und da wollen sie ihre Mitarbeiter halten und nicht benachteiligen, betonte Christiane Grassl, Beauftragte für Schwerbehinderte bei BMW in Dingolfing.

Eine Herausforderung für die Gesellschaft – Inklusion in allen Bereichen

Inklusion ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die alle Bereiche gesellschaftlichen Zusammenlebens einbezieht. Sie bedeutet auch, Verschiedenheit als positiv zu betrachten. Also ein Zustand der selbstverständlichen Zugehörigkeit aller Menschen zur Gesellschaft. Sie wendet sich damit gegen Diskriminierung aufgrund körperlicher oder geistiger Behinderung. Und sie soll allen den barrierefreien Zugang und ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen - in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Training Blindenfussball Würzburg

Blindenfußball ist ein Spiel mit dem Rasselball für Blinde und Sehende. Es ist ein inklusiver Sport und war bei den Paralympics in London sehr beliebt, auch ohne deutsche Beteiligung. In Würzburg gibt es die einzige bayerische Mannschaft, die in der Bundesliga mitspielt. Die Mannschaft des Vitalsport-Vereins (VSV) und des Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg war 2008 Gründungsmitglied der Blindenfußball- Bundesliga.

Beim Blindenfußball spielen vier blinde Sportler sowie ein sehender Torwart gegeneinander. Gespielt wird auf einem 40x20 Meter großem Kunstrasenfeld, welches an den Längsseiten durch hohe Banden begrenzt ist, die mit als Orientierung dienen und in das Spiel eingebunden werden. In der Spielzeit von 2x 25 Minuten versuchen die Spieler den knapp 510g schweren Ball, der mit Rasseln ausgestattet ist, im gegnerischen Tor zu platzieren. Auf dem Spielfeld sind nur der Torwart und der Guide, der hinter dem gegnerischen Tor steht, sehend. Der Guide versucht durch Kommandos seinen Spielern zum Torabschluss zu helfen. Damit es zu keinen Zusammenstößen kommt, dient das international verwendete Wort VOY (ich komme) als verbindlicher Zuruf, wenn sich ein Spieler dem Ballführenden nähert und ihn angreifen will. Da sich trotzdem Zusammenstöße oft nicht vermeiden lassen, tragen alle Spieler einen Kopfschutz und zur Chancengleichheit, um eine eventuell vorhandene Restsicht zu verhindern, ist eine Augenbinde für alle Feldspieler verbindlich. Blindenfußball unterstützt das Miteinander von sehenden und blinden Menschen. Auf dem Spielfeld sind alle gleich, jeder hat seinen Platz und nur so funktioniert Blindenfußball.

Damit jeder Mensch, ob mit Beeinträchtigung oder ohne, die gleichen Chancen hat am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, müssen die Barrieren im Kopf überwunden und auch Geld investiert werden. Ein Preis der sich aber lohnt. Wichtig ist dabei, Behinderte als Bereicherung zu sehen und nicht als Problemfälle. Dann kann der Prozess für die „gleichberechtigte Teilhabe“ in der Gesellschaft überall beginnen.

Buchtipps:

  • Gemeinsam von Anfang an: Inklusion für unsere Kinder mit und ohne Behinderung, Ulrich Heimlich, Rheinhardt Verlag
  • Inklusion in Schule und Unterricht: Wege zur Bildung für alle, Praxis Heilpädagogik, Ulrich Heimlich, Joachim Kahlert, Kohlhammer Verlag 2012

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