BR Fernsehen - Stolperstein


20

Sternenkinder Wenn Eltern Waisen werden

Für werdende Mütter und Väter gibt es kaum eine schlimmere Vorstellung als diese: Das Kind, das im Mutterleib heranwächst und auf das man sich voller guter Hoffnung freut, stirbt vor, während oder kurz nach der Geburt. Ein solcher Schicksalsschlag kann das Vertrauen ins Leben stark erschüttern. Oft scheint es Eltern unmöglich, den Verlust zu verkraften und in den Alltag zurückzukehren. Doch auch wenn die so genannten Sternenkinder nicht leben dürfen, hinterlassen sie bleibende Spuren in der Welt.

Von: Veronika Keller

Stand: 08.04.2020

Christian Maier aus Niederbayern ist bayernweit bekannt als „da Huawa“ des Musikkabarett-Trios „Da Huawa, da Meier und i“.  Die erste gemeinsame Tochter von Christian und Malu sollte Greta heißen. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass sie sich auf ihre Geburt freuten. Die Schwangerschaft verlief normal: Eine gesunde Mutter erwartete ein gesundes Kind.

In der Nacht kommen pünktlich die Wehen, doch während der Geburt wird klar: Greta lebt nicht. Das Mädchen ist bereits zwei Tage vorher verstorben – ohne erkennbaren Grund.

"Sie ist morgens um eine Minute vor acht auf die Welt gekommen, und um kurz vor zwei haben wir dann das Geburtshaus verlassen mit der leeren Maxi Cosi. Das ist ein Moment, an den ich mich noch ganz stark erinnere. Wir standen im Aufzug, und ich habe gesagt: Das ist jetzt mein absoluter Albtraum, also das war immer das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte. Und dann gingen die Türen auf, und die Welt ist einfach weitergegangen."

Malu Maier

Schock und Trauer: Wenn Kinder tot geboren werden

Statt mit dem gemeinsamen Kind nach Hause zu kommen, gehen Malu und Christian ins Bestattungsinstitut, um Formalitäten zu klären. In den ersten Wochen nach Gretas Geburt steht die Welt der beiden still. Sie igeln sich ein, sind zu verletzlich, um das Haus zu verlassen. Malu fühlt sich fremd im eigenen Körper, und Christian trauert auf seine Weise:

"Ich habe immer dieses Bild im Kopf gehabt, dass vor mir ein Berg ist, Granit, und ich habe so einen kleinen Hammer und haue an diesen Berg und muss ihn abarbeiten. Ich habe dann ganz praktisch angefangen den Garten umzugraben und habe dann wirklich die Greta bei uns im Garten gefunden. Und zwar dadurch, dass der Garten einfach so viel Leben hat."

Christian Maier

Ausgeblendete Gefahr: Ein Kind verstirbt während der Schwangerschaft

Prof. Bettina Kuschel leitet die Sektion Geburtshilfe am Münchner Klinikum rechts der Isar. Sie erlebt regelmäßig, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass neugeborene Kinder leben dürfen. Die Gefahr, dass Kindern auch im späteren Verlauf einer Schwangerschaft etwas zustoßen kann, blenden die meisten Frauen aus.

"Wenn die frühen Schwangerschaftswochen überstanden sind, dann ist es mehr als natürlich, diesen Gedanken an den späten Kindsverlust zu verdrängen. Es ist präsent, aber ganz tief versteckt in den Köpfen, dass so etwas passieren kann. Die Menschen haben das schon mal gehört, es redet aber kaum jemand darüber. Und wenn es dann eine Familie oder eine Frau trifft, dann ist es natürlich ein Donnerschlag im Leben."

Prof. Bettina Kuschel, Leiterin der Sektion Geburtshilfe und Perinatalmedizin, Klinikum rechts der Isar, München

Wenn Föten versterben, lässt sich die Ursache oft nicht feststellen. Ein Risiko sind Vorerkrankungen der Mutter. Doch auch bei gesunden Frauen kann es in der Schwangerschaft zu Komplikationen kommen. Eine relativ häufige Todesursache von Kindern, die spät in der Schwangerschaft sterben müssen, ist die so genannte Plazenta-Insuffizienz.

"Die kleinen, zarten Zellen des Kindes müssen an das mütterliche Gefäßsystem Anschluss finden, um Blut zu bekommen und seine Plazenta, den Mutterkuchen, zusammenzusetzen. Und wenn dieses kleine Kindchen dann wachsen will, und das hat in der frühen Schwangerschaftswoche nicht geklappt, merkt man das oft erst später, dass ein Kind nicht richtig wächst und die Plazenta nicht mehr so arbeitet, wie sie es in der Schwangerschaft eigentlich sollte."

Prof. Bettina Kuschel, Leiterin der Sektion Geburtshilfe und Perinatalmedizin, Klinikum rechts der Isar, München

Warum Greta sterben musste, weiß niemand. Die Ärzte konnten keine Ursache feststellen. Inzwischen haben die Maiers wieder Leichtigkeit zurückgewonnen. Doch dass es auf die Frage nach dem Warum nie eine Antwort gab, hat ihnen den Abschied besonders schwer gemacht.

"Sogar wenn Du weißt, dass Du eigentlich nichts dafür kannst, haderst Du immer wieder und denkst Dir: Habe ich zu lang gearbeitet? Habe ich zu viel Kaffee getrunken, zu viel Schokolade gegessen? War ich zu wenig auf den Beinen oder zu viel? War ich falsch gelegen? Man kommt da auf die verrücktesten Ideen, an was es hätte liegen können."

Malu Maier

Wenn ein Kind in der fortgeschrittenen Schwangerschaft nicht mehr lebt, raten Ärztinnen und Ärzte den Müttern in der Regel trotzdem zu einer natürlichen Geburt. Das gilt als schonender für den Körper der Mutter. Denn auch wenn die betroffenen Frauen direkt nach dem Verlust eines Kindes meist noch nicht an eine weitere Schwangerschaft denken, tun Mediziner das sehr wohl. Malu, die schwer mit dem Verlust ihrer Tochter Greta zu kämpfen hatte, fand erst Halt, als sie erfuhr, dass sie wieder schwanger ist: Die kleine Theresa war auf dem Weg. Doch die Schwangerschaft war überschattet von dem, was ein Jahr vorher war.

"Dadurch, dass wir sie erst bei der Geburt verloren haben, konnten wir nicht sagen: So, jetzt haben wir die zwölfte Woche geschafft, oder jetzt sind wir über die 25. Woche. Sondern es war klar, wir müssen bis zum Schluss aushalten. Und erst, wenn sie nach der Geburt da ist und schreit, dann wird für uns der Moment kommen, wo wir sagen, sie ist wirklich da. Und so war es dann auch."

Malu Maier

Trauergruppen: Hilfe für verwaiste Eltern

In der Deggendorfer Trauergruppe von Anita Hof und Barbara Kuisle wurden Malu und Christian direkt nach der Katastrophe aufgefangen. Im Verein donum vitae bieten sie Eltern von Sternenkindern einen geschützten Raum, in dem sie das Geschehene verarbeiten und sich mit anderen Betroffenen austauschen können. Für Malu und Christian war das eine große Hilfe.

Die regelmäßigen Termine sollen Eltern auch die Möglichkeit geben, etwas für ihr Kind zu tun, sich für die Trauer Zeit zu nehmen. Manchen Teilnehmern tut es in diesem Rahmen gut, mit den Händen zu arbeiten, zum Beispiel wenn sie etwas für ihr Kind basteln. Vor allem aber hilft es den Eltern, zu spüren, dass sie nicht allein sind mit ihrem Schicksal. Anita Hof, die ehrenamtlich in den Trauergruppen aktiv ist, hat selbst vor mehr als 13 Jahren ihren Sohn verloren.

"Das ist für die Eltern manchmal ganz wichtig zu wissen: Mensch, Du bist auch noch hier. Wie war das denn am Anfang? Wie hast Du das gemacht? Und wird das wirklich besser, kann ich irgendwann wirklich damit leben? Das ist für sie wirklich ganz wichtig. Sie lechzen danach, dass man sagt: Es wird besser, es wird anders als vorher, aber es wird wieder besser, sei versichert."

Anita Hof, Trauerbegleiterin

Mit Familie, Freunden und Bekannten können Eltern von Sternenkindern oft nicht gut über ihren Verlust reden. Für Außenstehende ist es schwer nachzufühlen, wie es betroffenen Eltern geht – denn keiner kannte den kleinen Menschen, der da fehlt. Malu und Christian hätten von manchen gern mehr Ansprache gehabt.

In Würde Abschied nehmen: Bestattung für tot geborene Kinder

Auch Katja Baumann aus Neu-Ulm hat in der Schwangerschaft ein Kind verloren – Jeremias. 20 Jahre ist das heute her. In Würde Abschied zu nehmen wurde ihr damals nicht ermöglicht.

"Ich habe gespürt, wie das Kind in mir gewachsen ist, durch die frühen Ultraschalluntersuchungen bekommt man ja viel mit. Und dann hinterher im Krankenhaus war eine Atmosphäre als würde mir ein ent-zündeter Blinddarm entfernt. Da wurde nicht wahrgenommen, dass da jetzt ein anderer Mensch ist, um den es geht."

Katja Baumann

Von einer Bestattung war damals keine Rede. Inzwischen ist sie Pfarrerin geworden. Sie feiert regelmäßig Abschiedsgottesdienste für Sternenkinder und kommt oft mit betroffenen Eltern in Kontakt.

"Viele ältere Frauen erzählen mir von Kindern, die am Geburtstermin verstorben sind, die dann verschwunden sind. Sie konnten sich nicht verabschieden und wissen nicht, wo sie beerdigt worden sind. Das beschäftigt sie Jahre, Jahrzehnte. Sie sind regelrecht traumatisiert worden, nicht nur durch das Schicksal, dass das Kind gestorben ist, sondern durch den Umgang hinterher. Da sind Menschen so verletzt worden und behindert worden, dass sie damit gut umgehen konnten und dass das wieder heilen darf."

Katja Baumann

Nach ihrem eigenen Schicksalsschlag hat sie sich dafür eingesetzt, dass es für andere leichter wird. Sie ging an die Öffentlichkeit und kämpfte für ein Gesetz, nach dem alle tot geborenen Kinder in Bayern bestattet werden müssen.

"Das Gesetz ist ja dann in Kraft getreten 2006 und damit war klar: Es müssen sich die Kommunen kümmern. Zumindest die, die ein Krankenhaus vor Ort haben, müssen eine Möglichkeit schaffen, dass es ein Grabfeld gibt, damit die Sternenkinder einen Ort haben auf dem Friedhof."

Katja Baumann

Nach dem Schicksalsschlag: Rückkehr ins Leben

Ein besonders großer Schritt für Christian Maier war nach dem Verlust seiner Tochter der Wiedereinstieg in den Beruf. Er macht Musikkabarett mit seiner Band „Da Huawa, da Meier und i“. Nach Gretas Tod ist er zunächst nicht in der Lage aufzutreten, er fühlt sich zu verletzlich. Der Kontakt zum Publikum, der ihm sonst Auftrieb gibt, scheint unmöglich. Nach einem Monat versucht er es wieder.

"Beim allerersten Auftritt habe ich es den Leuten gesagt. Am Ende des Konzerts habe ich gesagt: Ich habe jetzt 20 Jahre Freude und Lebenslust mit Euch geteilt, jetzt müsst Ihr mal kurz eine traurige Minute mit mir teilen. Da kam dann ein tosender Applaus und hinterher auch ganz viele fremde Leute, die mich in den Arm genommen haben, auch selbst betroffene, die sich geoutet haben. Das hat dann irgendwie schon wieder Kraft gebracht."

Christian Maier

Heute, mehr als zwei Jahre nach Gretas Tod, können ihre Eltern nicht nur wieder lachen, sondern auch ein besonders tiefes Glück empfinden. Für Malu war das eine ganze Zeit lang nicht vorstellbar.

"Das war die größte Angst, dass nur der Körper überlebt und alles, was die Seele oder das Herz ausmacht, nicht übrigbleibt. Dass alles für immer grau bleibt und dass man nie wieder glückliche Tage hat. Aber man hat sie wieder."

Malu Maier

Dank Greta ist sich das Paar heute viel näher als die beiden unabhängigen Freigeister Malu und Christian es vorher für möglich gehalten hätten. Inzwischen sind sie verheiratet, und Greta und Theresa haben vor kurzem noch ein Brüderchen bekommen.

Weitere Informationen und Möglichkeiten der Unterstützung

Betroffene, die sich Unterstützung wünschen, finden im Internet Einrichtungen, an die sie sich wenden können:

-Der Verein „Initiative Regenbogen glücklose Schwangerschaft“ vermittelt bundesweit Kontakte zu professionellen Ansprechpartnern und anderen Betroffenen, gibt aber auch praktische Informationen, unter anderem zu Bestattungsfragen.

-Das „Sternenkinderzentrum Bayern e.V.“ bietet Betroffenen aus dem Freistaat Unterstützung, zum Beispiel in Form von Trauergruppen.

-Der Verein „Herzenssache“ spendet Kliniken und Bestattern Kleidung in sehr kleinen Größen, die Ehrenamtliche nähen, stricken oder häkeln.

-Im Verein „Dein Sternenkind“ bieten professionelle Fotografen betroffenen Eltern kostenlos ihre Dienste an, um (auch kurzfristig) besondere Erinnerungsfotos von verstorbenen Kindern zu machen.

Die Expertin Prof. Bettina Kuschel empfiehlt Betroffenen und Interessierten die Bücher „Gute Hoffnung, jähes Ende“ von Hannah Lothrop (Kösel-Verlag), sowie „Weitertragen. Wege nach pränataler Diagnose“ von Kathrin Fezer Schadt und Carolin Erhardt-Seidl (Edition Riedenburg).


20