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Stiftung Anerkennung und Hilfe Wiedergutmachung für ein dunkles Kapitel?

Schläge, Misshandlungen, Demütigung: Für viele Kinder und Jugendliche, die in Heimen und Pflegeeinrichtungen untergebracht waren, leidvoller Alltag. Bereits 2011 wurde ein Fond geschaffen, um betroffene Heimkinder zu entschädigen. Größtes Manko: Behinderte, die zum Teil in denselben Einrichtungen lebten, wurden von diesem Fond nicht umfasst. Mit der Stiftung Anerkennung und Hilfe wurde diese Regelungslücke endlich geschlossen.

Stand: 27.10.2018

Alte Klassenfotos | Bild: BR

Nach jahrelangem politischen Ringen gibt es seit Januar 2017 mit der Stiftung Anerkennung und Hilfe endlich auch einen Fond für Betroffene in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie. Inzwischen gibt es erste Erfahrungen von Betroffenen, die eine Unterstützungsleistung erhalten haben. Doch kann damit das Leid und Unrecht gemildert werden? 

Schreckliche Erinnerungen

Hans Busch, München

„In den Klassenräumen gab es Prügelstrafen. Auch andere Gehörlose haben erzählt, wie sie geschlagen und schikaniert wurden bis aufs Blut. Ich war nicht selbst betroffen, erinnere mich aber an eine Begebenheit aus der 7.Klasse: Ich wurde Zeuge, wie der Lehrer mit einem Stock, den er versteckt hatte, auf einen Jungen immer wieder einschlug. Der schrie so laut, dass wir anderen Schüler in der Klasse es hören konnten, obwohl doch alle taub waren. Es war furchtbar.“

Barbara Schumacher, Osnabrück

„Ich hatte immer ein Gefühl von Angst: Waren sie gerade in der Nähe? Man fühlte sich ständig unter Beobachtung. Alles musste man heimlich und versteckt tun, man wollte am liebsten unsichtbar sein. Wurde ich dann doch erwischt, wehrte ich mich standhaft. Ich war sowieso immer das schwarze Schaf, weil ich meinen Mund aufgemacht habe. Sie hatten Angst, das könnte Schule machen. Deshalb bekam ich die schlimmsten Strafen und wurde im Keller eingesperrt.“

Rupert Kluge, München                         

„Wir sollten nicht sündigen, aber uns traten sie mit Füßen und sie verpassten uns Faustschläge gegen die Nase. Wir sollten die Hände falten und niederknien und sie traten nach uns und schlugen uns immer weiter. Ich hatte keine rosigen Wangen, auch dafür schlugen sie mich! Wenn man immer wieder verprügelt wird - mehr als 50 Mal - dann kann man nicht mehr.“

Dominik Gerhardt, Berlin    

„Es ging sehr streng zu. Warum wurde ich bestraft, nur weil ich etwas nicht verstand. Es gab keine Kommunikation. Man setzte mich zur Strafe einfach in die Ecke eines leeren Zimmers und ich wusste nicht einmal wie lange. Nur am Sonnenstand konnte ich erkennen, dass es bereits dunkel wurde.“

"Sehr, sehr viele Heimkinder berichten von Prügelstrafen, aber eben auch von anderen Methoden, die - wenn man es ganz genau nimmt - eigentlich an unmenschliche Behandlungsformen grenzen. Man könnte sogar sagen, dass es die Menschenrechte berührt. Es gab Isolationsstrafen, es gab Essensentzug. Es gab Kontaktsperren, nicht nur zu den Eltern, auch zu den Geschwistern. Geschwister wurden häufig getrennt. Man kann auch sogar sagen, mangelnde medizinische Versorgung ist so ein Fall, der das ganze Leben ja betreffen kann. Mangelnde Bildungsmöglichkeiten für Kinder in solchen Einrichtungen haben das ganze Leben sozial geprägt."

Prof. Karsten Laudien, Institut für Heimerziehungsforschung

Die Stiftung

Von Bund, Ländern und der Kirche wurde endlich ein Fonds in dreistelliger Millionenhöhe bereitgestellt. Zuständig für die Verteilung des Geldes ist die „Stiftung Anerkennung und Hilfe“. In jedem Bundesland gibt es eine oder mehrere Anlaufstellen. Bisher haben rund 5.000 der Betroffenen einen Antrag gestellt. Das sind etwa 4% derer, die anspruchsberechtigt sind. Inzwischen hat das Bundeskabinett sogar die Verlängerung der Antragsfrist bis zum 31.12.2020 beschlossen.

Wie, wo und bis wann stelle ich einen Antrag?

Einen Antrag zu stellen ist ganz einfach: Es genügt ein Fax oder eine Mail an die Anlaufstelle mit der Mitteilung, dass man den Antrag stellen möchte. Anschließend erfolgt eine Einladung von der Stiftung zum Gesprächstermin.  Bei Bedarf wird dabei ein Dolmetscher gestellt, wahlweise kann man selbst eine Vertrauensperson mitbringen. Man berichtet über die Erfahrungen, bringt evtl.  Belege für den Aufenthalt (z.B. Fotos, Meldebescheinigungen, Briefe o.ä.) mit. Mit Unterstützung der Anlaufstelle wird dann der Antrag formuliert. Dieser wird geprüft und schließlich bekommt man die Entscheidung mitgeteilt. Bei Anerkennung erhalten die Opfer bis zu 9.000 Euro Unterstützungsleistung. Abgezogen darf von der Summe nichts werden – weder vom Sozial- noch vom Finanzamt. Anträge können noch bis Dezember 2019 gestellt werden.

Zusätzliche Unterstützung für Gehörlose

Eine Besonderheit gibt es in Osnabrück: Hier steht die Beratungsstelle für hörgeschädigte Menschen in enger Kooperation mit der Stiftung. Sie unterstützt Betroffene auch durch ein vorgelagertes Gespräch, bevor sie im Anschluss daran die Anlaufstelle aufsuchen. Ein Service, der gerne in Anspruch genommen wird.

"Manche schaffen das gut - sie gehen direkt zur Anlaufstelle der Stiftung, wo ein Dolmetscher da ist und damit das Ausfüllen kein Problem ist. Vor allem bei älteren Gehörlosen aber, beginnt es schon mit der Homepage – sie haben gar keinen Computer! Sie bitten dann um Hilfe beim Ausfüllen des Antrages und sie brauchen jemanden an ihrer Seite für ein Mehr an Sicherheit und Vertrauen. Sie wollen vorab wissen, wie das Gespräch abläuft, wie sie dorthin kommen, sie vergewissern sich immer wieder, dass wirklich ein Dolmetscher vor Ort ist. Wenn sie sich schließlich sicher fühlen, dann läuft es gut und auch ältere Gehörlose schaffen das gut."

Gisela Otten, Beratungsstelle für Hörgeschädigte

3 Fragen an Esen Akmese von der Stiftung Anerkennung und Hilfe

Als Voraussetzungen für den Antrag werden „Unrecht und Leid“ genannt. Wie ist das zu verstehen?

„[…] Leid ist ja etwas Individuelles. Das heißt, jemand empfindet, was ihm oder ihr widerfahren ist, als leidvoll. Das kann unterschiedlich sein, da ist die Individualität des Erlebens ausschlaggebend. Unter Unrecht ist die Vorstellung, dass geltendes Recht verletzt wird oder missachtet wird. Wenn zum Beispiel körperliche Gewalt an Kinder und Jugendliche in der Zeit erfolgt sind. Zwangsmaßnahmen, auch Taten, die heute als Unrecht gelten, damals aber als möglicherweise rechtmäßig gelten, gelten für uns, wie gesagt, heute als Unrecht.“

Und was ist mit „Folgewirkung“ gemeint?

„Das sind in der Regel auch Traumatisierungen von Erlebtem von damals. Es können Angstzustände sein. Es kann Angst sein, in Kommunikation mit anderen Menschen zu treten. Es können teilweise Schlafstörungen sein. Und oft sind es auch vorenthaltene Fördermaßnahmen, sei es schulisch oder beruflich, dass diese Betroffenen heute noch in der Gesellschaft benachteiligt werden dadurch.“

Die Betroffenen müssen Beweise vorlegen. Welche sind das und was ist, wenn es keine gibt? Was kann man dann machen?

„Es existieren in der Regel Unterlagen darüber. Das können Schulzeugnisse sein. Das können Meldebescheinigungen sein. Es kann private Korrespondenz sein. Auch Unterlagen von Kostenträgern. Wir bemühen uns tatsächlich, in partnerschaftlichem Verhältnis, diese Unterlagen herbei zu schaffen. Aber oft ist es auch so, dass es nicht nachweisbar in diesem klassischen Sinne ist, und da greift für uns das Prinzip des Glaubhaftmachens. Das heißt, das Gespräch ist in dem Fall zentral für uns, und daraus hören wir an den Erzählungen, wo sie untergebracht waren, wie sie untergebracht waren, was da passiert ist. […] Aus den Erfahrungen wissen wir, dass in bestimmten Einrichtungen oder in bestimmten Erlebnissen, die sich gleichen oder ähnliche Sachen passiert sind. Und da sind wir erfahren genug, dass wir sagen, das klingt für uns plausibel und die Betroffene oder der Betroffene hat es auch für uns glaubhaft gemacht.“

Die Einrichtungen heute

Für die Betroffenen sind ihre Erlebnisse  häufig nicht einfach zu formulieren. Viele leiden ihr Leben lang unter den Misshandlungen. Doch was ist mit den Einrichtungen, an denen das Unrecht passiert ist? Auch hier ist die Betroffenheit groß. Und der Wille zur Aufarbeitung auch.

"Das hat schon sehr große Betroffenheit ausgelöst, weil wir bisher diese Dinge ja nicht erfahren haben. Es ist niemand zu mir gekommen und hat gesagt: Ich war vor 40 Jahren bei Ihnen an der Schule und da hat es was gegeben […] Wir waren auf das jetzt nicht so vorbereitet. […] Keiner, der heute an der Schule ist, trägt persönliche Verantwortung. Aber wir tragen Verantwortung für das, was die Tradition unseres Hauses betrifft. Unser Haus gibt es seit 1835. Und wir werden das schon in Zusammenarbeit mit den Betroffenen aufarbeiten,"

Fritz Geisperger, Institut für Hören und Sprache, Straubing

Weggeschaut …

Doch hatte tatsächlich niemand eine Ahnung, was hinter den Türen der Heime und Einrichtungen passierte? Ganz so war es wohl nicht, wie das Archiv des Bayerischen Landesverband der Gehörlosen in München beweist.

"Um 1965 gab es einen Artikel in der Zeitung über Proteste von Eltern über Vorkommnisse in Schule und Heim, wie Prügelstrafen und Essen unter Zwang. Das Direktorium stritt alles ab und die Eltern waren machtlos dagegen. Die Opfer von damals aber haben das nicht vergessen und einer von Ihnen schickte mir den Zeitungsartikel, der belegt, dass die Eltern schon 1965 dagegen vorzugehen versuchten. Ganz ohne Erfolg."

Markus Beetz, Gehörlosen-Landesverband Bayern

Genügend Wiedergutmachung?

Und auch heute genügt das Geld der Stiftung vielen als Ausgleich nicht. Das heilt ihre Wunden nicht. Vor allem, weil die Täter häufig noch  leben, teilweise mit Auszeichnungen versehen wurden.  Konsequenzen gibt es für sie nicht. Während manche Opfer das dunkle Kapitel ihres Lebens lieber vergessen würden, fordern andere Gerechtigkeit.

"[…]Meine Sicht ist erstens: Der Berufsverband der Hörgeschädigtenpädagogen müsste sich offiziell bei den Opfern entschuldigen. Und zweitens: Die Täter müssen bestraft werden! Ihre Auszeichnungen müssen ihnen aberkannt werden und in den Heimen müsste ein Mahnmal mit der Aufschrift „NIE WIEDER“ eingerichtet werden. Ich denke, dann wäre den Opfern geholfen, mit diesem Lebensabschnitt abzuschließen."

Markus Beetz

"Bin ich zufrieden? Hm, die geldliche Entschädigung ist die eine Sache. Wichtig wäre mir eine Entschuldigung. Von den Lehrern und Erziehern, für den Spott und den Vergleich mit den Affengebärden. Vielleicht wäre ich dann zufrieden. Ja, und wenn ich aufrichtige Reue an ihren Gesichtern ablesen könnte, dann machte mich das zufrieden."

Hans Busch                                  


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