BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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"JF4" Das 4. Jugendfestival in München

"Stark. Bunt. Digital" - das war das Motto des 4. Jugendfestivals in München. Das klingt nach breiter Vielfalt. Was es damit tatsächlich auf sich hatte? Jason Giuranna war für Sehen statt Hören dabei.

Stand: 20.11.2019

Zwei Tage lang gehörten der Münchner „Cavalluna Park“ und der „Showpalast“ ganz der Jugend. Bereits zum vierten Mal fand das Jugendfestival statt: Das 1. Jugendfestival war 2007 in Frankfurt, das 2. in Berlin 2011 und das 3. zuletzt in Stuttgart 2016.

Umfrage bei den Besuchern: Warum bist Du hier?

Ich bin in der Gehörlosengemeinschaft groß geworden. Hier geht es einfach mal nur um uns, nicht wie sonst immer nur um Themen aus der hörenden Welt. Hier ist Gehörlosengemeinschaft, hier gehöre ich dazu. Gebärdensprache ist selbstverständlich -  traumhaft! Da muss ich einfach dabei sein.

Beim letzten Mal in Stuttgart war ich nicht dabei, da konnte ich leider nicht. Deshalb war klar, dieses Mal muss ich unbedingt herkommen. Hier erzählen Leute von ihren Reisen und Auslandserfahrungen und ich hoffe, davon einiges mitnehmen zu können.

Leute erzählen von ihren Erfahrungen, es geht um Identität, ich treffe Freunde.

In der Zeit, als ich groß geworden bin, hatte ich keine Vorbilder, keine in meinem Alter. Da waren nur Erwachsene, die ihre Erfahrungen hatten, damit konnte ich nichts anfangen. Jugendfestival, das ist Empowerment. Das hat mich beeinflusst, hat mich motiviert, mir gezeigt, was ich kann.

Vorträge und Diskussionen

Jason bei den Vorträgen

Die Themen, zu denen Vorträge und Diskussionen angesetzt waren, waren vielseitig, aktuell und manche von großer Bedeutung.

Die elfjährige Sheila hielt einen beeindruckenden Vortrag zum Thema Mobbing: Gerade weil sie selber Erfahrungen mit Mobbing gemacht hat, ruft sie alle Opfer dazu auf, sich jemandem anzuvertrauen – am besten den Eltern. 

"Man muss sich erst mal klarmachen, dass es nicht die eigene Schuld ist. […] Und dem anderen zeigen, dass man auch stark ist, genauso auf Augenhöhe - auch wenn der andere so tut, als hätte er mehr Macht. Das stimmt einfach nicht. Man muss versuchen, auch wenn es vielleicht nicht einfach ist, die Eltern um Unterstützung zu bitten. Selbstbewusst sein und stark."

Sheilas Tipps zum Thema Mobbing

Linda referierte zum brisanten Thema Klima – und hat am Ende doch noch eine positive Botschaft für alle.

"Ok – meine Botschaft ist: Es gibt Hoffnung! Wir dürfen nicht aufgeben. auch ein noch so kleiner Funke kann viel entfachen. Die Politik ist abhängig von uns Konsumenten. Als Konsumenten haben wir auch Macht, mehr als die Politiker. Wir müssen aufwachen, es gibt Hoffnung. Wir Jugendlichen müssen die Hoffnung haben, dann können wir auch etwas bewegen."

Linda

Das Thema Rassismus spricht beim Jugendfestival auch viele an – gerade wenn sie selbst Erfahrungen damit haben. 

"Meine Hautfarbe ist ja auch ein bisschen dunkler. Diesen Unterschied zu anderen habe ich anfangs gar nicht so wahrgenommen. […] Meine schwarzen Freunde dagegen, haben tatsächlich Diskriminierung erlebt. […] da habe ich angefangen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Seitdem achte ich auch in meinem Freundeskreis auf „political correctnes“. Ich denke, gegenseitige Akzeptanz ist total wichtig."

André

Fabian Pufhan berichtete von seinem Auslandsjahr in den USA, einer prägenden und bunten Zeit mit viel Erfahrung, die er schmerzlich vermisst.

"Ich vermiss´ einfach alles. Es ist schon einiges anders dort. Jeden Abend denke ich daran, was ich jetzt gerade in Amerika wohl verpasse, frage mich, warum ich hier bin und nicht dort. Aber so ist es einfach. Ist nicht ganz leicht, nach einem Jahr zurück zu kommen und dann sofort wieder im Leben hier zu landen. Das dauert einfach seine Zeit und wird schon."

Fabian Pufhan

Workshop mit den Profis

Auf dem Jugendfestival wurden auch eine Reihe Workshops angeboten – wie etwa das Drehen und Schneiden von Filmen mit dem Smartphone. Der Referent, der 15-jährige Danny Murphy, ist bereits ein Star in den Sozialen Medien. Und schon allein deswegen war sein Workshop gut besucht.

"Also angefangen hab ich, da war ich 10. Ich fand das toll, mich selbst aufzunehmen und Filme zu drehen. Das war aber anfangs keine Comedy, das waren eher gruselige Action-Filme. Später – mit 12 – hab ich dann auf Facebook ganz berühmte Gehörlose gesehen, die Comedy gemacht haben. Das wollte ich dann auch machen."

Danny Murphy

Buntes Rahmenprogramm

Natürlich kam neben all dem Wissenswertem auch die Unterhaltung nicht zu kurz. Direkt aus den USA eingeflogen kamen beispielsweise die „Deafies in Drag“. Die Drag-Queen-Truppe hatte eine einstündige Performance auf dem Festival. Alleine drei Stunden dauert jedoch die Verwandlung der Männer in die buntschillernden Drags. Die Kostüme haben die Künstler selbstgenäht – und wenn  hineinschlüpfen, sind sie tatsächlich völlig andere Persönlichkeiten.

"Als Drag bin ich viel selbstbewusster, das gibt mir positive Energie und ich hab echt Ausstrahlung. Privat bin ich da eher lässig unterwegs und klar unterhalte ich mich auch mit Leuten. Aber als Drag hab ich eine positive Ausstrahlung: Ich bringe die Leute zum Lachen, mache sie glücklich. Ich mag es, wenn Leute happy sind, weil ich happy bin – das ist so eine Wechselwirkung."

Selena

Das Programm der „Deafis in Drag“ ist genauso bunt wie sie selbst: Ein bisschen Bildung, ein wenig zur Gebärdensprache, dann Comedy zum Lachen, Musik und Tanz. Und auch das Publikum ist auf der Bühne gefragt.

Zufriedenes Orga-Team und Besucher

Doch wie ist das nun, diese zwei vollgepackten Tage zu organisieren? Die drei Hauptorganisatoren des JugendfestivalsDaniel, Sarah und Oliver haben im Vorfeld und an den beiden Tagen richtig geschuftet, um all das auf die Beine zu stellen. Sie standen immer wieder vor neuen unvorhergesehenen Herausforderungen, die das gesamte JF4-Team bravourös gemeistert hat. Auch und vor allem Dank der Unterstützung der zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Und am Ende  hat es sich gelohnt: Alle waren glücklich und zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung. So wie übrigens alle Beteiligten und Besucher auch.

Resümee der Besucher

Ich nehme viel Neues mit, auch einiges, was mir bisher noch total unbekannt war, wo ich noch gar nichts darüber wusste. Also neue Erkenntnisse.

Zum einen war für mich die Vernetzung gut. Interessante Themen waren auch dabei, viele interessante Infos, Sachen die ich für meine Zukunft und bildungsmäßig mitnehmen kann. Ja, ich bin bestärkt. Das Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt ist schön.

Ich fand ich alles gut, nur eins war schade: die riesige Bühne auf der alles so leer war und die Menschen so klein; vielleicht könnte man damit Ausstattung oder so mehr machen. Ansonsten war die Technik high Level.

Motto voll erfüllt

Dem Motto ist man auf jeden Fall gerecht geworden – „stark“ waren die vielen Leute, die etwas beigetragen haben, sei es Poesie, Visual Vernacular, Vorträge, Zeit und Organisation. „Bunt“ waren die Künstler und BesucherInnen und Besucher die aus vielen Ländern angereist sind. Und „digital“ – klar, die Generation der „digital natives“, technische Möglichkeiten, LED-Screens überall, Vernetzung auf den Handys und noch vieles mehr.

Nächstes Mal im Norden

Übrigens wurde auch schon bekannt gegeben, wo das nächste, das 5.Jugendfestival stattfinden wird – nämlich im hohen Norden, in Hamburg.


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