BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Journalismus und Geschichte 150 Jahre Taubstummenfreund und DGZ

Wir leben heute im sogenannten „Digitalen Zeitalter“: Nachrichten, Informationen, Kommentare, Meinungen sind rund um die Uhr auf den unterschiedlichsten Kanälen verfügbar. Was sind seriöse Informationen und was Fake News - und wie kann man beides unterscheiden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Sehen statt Hören – und wirft außerdem einen Blick in die Geschichte der Deutschen Gehörlosen-Zeitung.

Published at: 13-10-2022

Alleine in Deutschland gibt es 6.000 Zeitungen, Zeitschriften und Magazine und mehr als 500 Fernseh- und Radiosender. Dazu kommt natürlich noch das Internet - online ist das Medienangebot grenzenlos. Das Gute an dieser riesigen Vielfalt: Man kann sich rund um die Uhr und weltweit über alles informieren. Die Schattenseite: Die Informationsflut kennt keine Grenzen und darunter mischen sich auch unzählige Falschmeldungen, Verschwörungstheorien und gezielte Propaganda.

Startschuss für die erste Zeitung für Gehörlose

Begonnen hat das Informationszeitalter im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung: Technische Entwicklungen ermöglichten beispielsweise den massenhaften Druck von Zeitungen; und die Erfindung von Telefon und Radio machten die Verbreitung von Informationen noch schneller.

Für die Gebärdensprachgemeinschaft ist das Jahr 1872 von großer Bedeutung: Eduard Fürstenberg gründete in Berlin die Zeitung "Der Taubstummenfreund", die erste Zeitung für Gehörlose – mit Themen zu Bildung, Gebärdensprache und Gesellschaft, komplett auf eigene Kosten. Die Erstauflage betrug 500 Stück.

Von der Vielfalt zur Gleichschaltung der Presse

Eduard Fürstenberg

Eduard Fürstenberg war selbst mit vier Jahren ertaubt und in seiner Zeit eine bedeutende Persönlichkeit für die Gebärdensprachgemeinschaft. Nach seinem Tod 1885 führte seine Tochter Anna Schenck den "Taubstummenfreund" weiter. 40 Jahre lang war es die einzige Zeitung für Gehörlose. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden viele Zeitungen wie etwa "Die Deutsche Allgemeine Gehörlosen-Zeitung", "Die Deutsche Gehörlosenwelt", oder "Die Stimme". Die meisten hielten sich zwar nicht lange, aber es gab eine Vielfalt an Informationsquellen am Markt. Eine Zäsur stellte die Nazi-Zeit dar, denn ab diesem Zeitpunkt wurden alle Organe gleichgeschaltet – das galt auch für die Presse.  Vom Reichsbund für Gehörlose (ReGeDe) wurde eine einheitliche Zeitung in Deutschland verlangt – alle Publikationen sollten sich zu "Der Deutsche Gehörlose" vereinen. Diese erschien einmal pro Woche und wurde natürlich vom Nazi-Regime kontrolliert. Die Pressefreiheit war erstmal Geschichte.

Geburtsstunde der DGZ

Nach dem zweiten Weltkrieg wollten die Alliierten jegliche Form von Zensur und Einflussnahme auf Medien verhindern: die Idee eines unabhängigen Rundfunks für Deutschland und gleichzeitig die Geburtsstunde des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks. Die staatliche Unabhängigkeit des Journalismus wurde bei der Gründung der Bundesrepublik 1949 im Grundgesetz verankert.

Heinrich Siepmann

Im Januar 1950 entstand dann auch die "Deutsche Gehörlosen-Zeitung" (DGZ) – gegründet vom Deutschen Gehörlosen-Bund in Düsseldorf, genauer gesagt vom Präsidenten Karl Wacker und dem Vize-Präsidenten Heinrich Siepmann, dem eine Druckerei gehörte. Es war eine bundesweit einheitliche Zeitung, die alle lokalen Blätter in sich vereinte und die als Nachfolge des "Taubstummenfreunds" gilt.

Vom Chef zum Mitarbeiter

Friedrich Waldow und Werner Kliewer

Finanziert wurde sie von Heinrich Siepmann, da der Deutsche Gehörlosenbund nicht über die nötigen Mittel verfügte. Siepmann baute seine vom Krieg zerstörte Druckerei wieder auf und legte los. Mit dabei war von Beginn an sein Mitarbeiter Friedrich Waldow, dem Siepmann die Gehörlosenzeitung nach seinem Tod im Jahr 1974 vererbte. 60 Jahre lang leitete Friedrich Waldow die "Deutsche Gehörlosen-Zeitung", wofür ihm 1981 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Und auch Werner Kliewer, der den Sportteil der DGZ übernommen hatte, erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Beide arbeiteten über 40 Jahre zusammen. Auch wenn die DGZ schon seit 1974 formal unabhängig war, verstand sie sich lange doch eher als „Mitteilungsorgan“ des Deutschen Gehörlosen-Verbandes.

… immer moderner

2009 gaben Waldow und Kliewer die DGZ dann ab: An Wolfgang Reiner und Kerstin Reiner-Berthold. Der Verlag zog vom Ruhrgebiet in den Schwarzwald, nach St. Georgen. Und auch sonst stand die Zeitung vor neuen Herausforderungen in der veränderten Medienlandschaft.

"Ich möchte die Deutsche Gehörlosenzeitung an die modernen Möglichkeiten anpassen und auch eine Homepage einrichten. Und ich wünsche mir, dass die DGZ wieder DIE Zeitung für Gehörlose in Deutschland wird – so wie damals, zu Zeiten von Karl Wacker, als er seinen Verlag hier in Stuttgart hatte."

Kerstin Reiner-Berthold

2014 holte sich Kerstin Reiner-Berthold mit Thomas Mitterhuber einen studierten Kommunikationswissenschaftler als Chefredakteur ins Boot. Unter der Führung dieser beiden wird die DGZ zu einer modernen, professionellen und journalistisch unabhängigen Zeitung ausgebaut, deren Auflagezahl kontinuierlich steigt. Für Thomas Mitterhuber liegt das Erfolgsrezept der Auflagensteigerung vor allem in Professionalität und Qualität:

"Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist die professionelle Arbeit. Dadurch, dass ich Kommunikationswissenschaft studiert habe, bringe ich Grundlagenwissen mit, das meine Vorgänger nicht hatten. Die Umsetzung dieser Kenntnisse spiegelt sich in der journalistischen Arbeit wider – das hebt die Qualität. Ich denke, das schätzen auch die Leser, die so das Gefühl haben, mehr zu bekommen. So haben sich die Zahlen positiv entwickelt, stimmt. Das sind die wesentlichen Änderungen."

Thomas Mitterhuber

Die DGZ durchläuft in kurzer Zeit grundlegende Veränderungen.

"Zunächst mal haben wir uns entschieden, sie in Farbe zu drucken. Aber auch die Auswahl der Themen sollte sich ändern. Waren es früher eher Artikel, die uns die Vereine geschickt hatten, so ist es heute umgekehrt. Ich schicke meine Autoren mit konkreten Aufträgen los, um unabhängig Themen zu recherchieren und von außen raufzuschauen. Das sind die wesentlichen Änderungen."

Kerstin Reiner-Berthold

Viele neue Pläne

Einen weiteren entscheidenden Wechsel in der Spitze der Deutschen Gehörlosen-Zeitung, hat es ganz aktuell im September 2022 gegeben: Thomas Mitterhuber hat die Zeitung nach acht erfolgreichen Jahren verlassen, seine Nachfolge tritt Melissa Wessel an. In der DGZ ist sie keine Unbekannte – die heutige Chefredakteurin arbeitet schon seit 2015 als Autorin für das Blatt. Melissa Wessel übernahm nach und nach feste Rubriken, vertrat auch schon den Chefredakteur und produzierte ganze Ausgaben in eigener Verantwortung.

"Als sich Thomas jetzt für eine berufliche Veränderung entschieden hat, fragte mich Kerstin Reiner-Berthold, ob ich mir vorstellen könnte seinen Posten zu übernehmen. Ich habe sehr gerne zugesagt, es ist eine große Ehre für mich und ich bin gespannt wie es weitergeht."

Melissa Wessel, Chefredakteurin DGZ

Auch Melissa Wessel hat neue Ziele: Sie möchte natürlich das hohe Qualitätsniveau und die Professionalität beibehalten und weiter ausbauen. Außerdem möchte sie die Zeitung hinsichtlich der Autorinnen und Autoren noch diverser aufstellen. Derzeit fehlen vor allem ältere Schreibende, wodurch diese Zielgruppe auch nicht optimal erreicht würde.

"Ich wünsche mir ein breites Spektrum von jung bis alt, die verschiedene Personengruppen abdecken, um alle Zielgruppen in der Community zu erreichen. Das wird ein wichtiger Prozess und ich bin gespannt, wie wir das umsetzen werden. Dazu habe ich noch ein paar andere Ideen, aber alles zu seiner Zeit."

Melissa Wessel, Chefredakteurin DGZ

Grundlagen Journalistischer Standards

Und was heißt, Professionalität und Qualität im Journalismus? Ganz konkret die Einhaltung allgemein verbindlicher Standards: Journalisten informieren Menschen über Dinge, die politisch, wirtschaftlich oder allgemein von Bedeutung sind. So können sich die Bürger eine Meinung über politische Themen bilden. Außerdem beobachten Journalisten die Arbeit der Politiker und kontrollieren sie auf diese Weise. Als Kontrollinstanz haben sie eine wichtige Aufgabe in der Demokratie. Aus diesem Grund gilt die Presse auch als „vierte Gewalt“. Die erste Gewalt ist die Legislative, das sind die Parlamente, die Gesetze beschließen. Die zweite ist die Judikative, also Gerichte, die die Einhaltung der Gesetze kontrollieren. Die dritte Gewalt ist die Exekutive, sie setzt die Gesetze um. Deshalb spricht man von der Presse als vierte Gewalt. In demokratischen Ländern wie Deutschland herrscht Pressefreiheit. Journalisten unterliegen keiner Fremdkontrolle und niemand darf ihre Arbeit behindern oder einschränken.

Deshalb ist die Selbstkontrolle so wichtig und Richtlinien und Regeln, die für die journalistische Arbeit gelten. Diese Regeln stehen im "Pressekodex". Das ist eine Sammlung von 16 journalistisch-ethischen Grundrechten: Als oberstes Gebot steht darin die Achtung der Wahrheit und der Menschenwürde, weitere Punkte sind die Wahrung des Berufsgeheimnisses. Das bedeutet: Die Identität von Informanten nicht preiszugeben. Redaktionelle Texte müssen klar von Werbung getrennt werden. Die Persönlichkeitsrechte jedes Menschen müssen geachtet werden. Und: die Unschuldsvermutung gilt auch in der Berichterstattung. Das bedeutet, eine Person gilt so lange als unschuldig, bis ihre Schuld eindeutig nachgewiesen ist. Grundlage jeder journalistischen Arbeit ist eine saubere und gründliche Recherche. Die Fakten müssen stimmen und die veröffentlichten Inhalte müssen korrekt sein.

Die Berichterstattung muss ausgewogen sein – und unabhängig von politischen Parteien oder wirtschaftlichen Interessen. Um das zu gewährleisten, gilt in den meisten Redaktionen das "Vier-Augen-Prinzip": Jeder Inhalt wird vor der Veröffentlichung von mindestens einem Redakteur noch einmal überprüft und gegengecheckt. Ein weiterer Standard: nicht nur eine Meinung in einem Artikel oder Bericht darstellen; ein Thema aus verschiedenen Perspektiven betrachten und auch die andere Meinung zu Wort kommen zu lassen. Etwas, was Journalisten und Influencer oft unterscheidet.

Vorsicht - "Fake News"!

Seriöser Journalismus hat vor allem die Aufgabe, zu informieren und zu orientieren. Das ist in Zeiten von "Fake News“"– also "gefälschten Nachrichten", ganz besonders wichtig. Dabei handelt es sich meist um sehr bewusst hergestellte und verbreitete Falschinformationen. Sie sollen Meinungen manipulieren, von Sachverhalten ablenken oder negative Stimmung gegen bestimmte Menschen oder Gruppen machen. Meist geht es um aktuelle Themen, die viel Aufmerksamkeit bekommen. Über Social Media verbreiten sich Fake News besonders gut. Außerdem werden Fake News nicht nur von realen Menschen verbreitet, mittlerweile werden auch Computerprogramme zur Verbreitung genutzt, sogenannten "Social Bots".

Gehörlose sind laut dem Psychologen Dr. Oliver Rien besonders anfällig für Fake News sind. Doch warum?

"Für mich sind Fake News wie Klatsch und Tratsch, was es schon immer gab - was auch in der Gemeinschaft der Gehörlosen und Schwerhörigen schon länger ein Problem ist. Vielleicht liegt das daran, dass es nicht genügend interessante Gesprächsthemen gibt oder die Gruppe zu klein ist. Auch die fehlende Barrierefreiheit der Medien hat einen Einfluss darauf, denn so können Gehörlose und Schwerhörige Fake News nicht überprüfen und haben zu wenig Zugang zu anderen weiterführenden Informationen und teilen sie dann auch. Sie fühlen sich auch häufig ungerecht behandelt. Wenn sie dann eine Nachricht bekommen, die dieses Gefühl bestärkt, dann wird sie manchmal ungeprüft geteilt. In dieser Gruppe fühlt man sich von bestimmten Nachrichten auch besonders betroffen. Und durch Facebook und die neuen Medien, die Gehörlose verstärkt für die Kommunikation benutzen, werden Fake News eben auch schneller geteilt."

Dr. Oliver Rien, Psychologe

Gerade online machen Fake News die Diskussionen aggressiver, denn diese erfundenen Meldungen polarisieren stark und verunsichern die Menschen. Ein Nährboden für Populisten. Und dennoch – oder gerade aufgrund dieses Einflusses - steht der klassische Journalismus in Medien wie Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen immer wieder in der Kritik. Dabei werden hier die wichtigsten Grundlagen für guten Journalismus beachtet: Fundierte Recherchen, seriöser, professioneller und unabhängiger Journalismus – Fakten sauber aufbereiten und Fake News klar benennen. Und es ist ein Angebot an alle Interessierten, sich zu informieren und eine eigene Meinung zu bilden.


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