BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Gewalt im Heim Zeit, über das Leid zu sprechen

So war das noch bis in die 70er Jahre: Ordensschwestern sollten und wollten für gehörlose Kinder da sein, ihnen ein Zuhause, regelmäßige Mahlzeiten und Zugang zu Bildung bieten. Doch in Wirklichkeit wurden viele Heime zu Orten von Gewalt. Auch im Kloster Hohenwart haben die Kinder Traumatisches erlitten. Wie konnte das geschehen? Lässt sich solch eine Geschichte aufarbeiten? Sehen statt Hören hat Kloster Hohenwart mit den Kindern von damals besucht. Auf den Sehen statt Hören-Sendungsseiten finden Sie zusätzlich Experteninterviews in Gebärdensprache und weiterführende Informationen.

Stand: 04.07.2019

Das ehemalige Kloster Hohenwart liegt idyllisch mitten in Bayern. Es gehört zur Diözese Augsburg. Heute ist dort ein regionales Zentrum für Menschen mit Hör-, Sprach- und Lernbeeinträchtigungen. Es geht inzwischen fröhlich zu, offen, freundlich. Und es leben nun Ordensschwestern hier, die sich mit der Vergangenheit dieses Ortes auseinandersetzen.

 

Die Kinder von damals

"Ich wurde geschlagen und getreten, und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen und auf den Tisch. Das haben die Schwestern mit einem gemacht, den Kopf immer wieder gegen die Wand geschlagen und dabei geschimpft. Dass man dann nicht mehr lachen kann und auch später keine Freude mehr hat, ist ja irgendwie klar, wenn man unter solchen Bedingungen gelebt hat. Bis heute sehe ich überall Böses. Ich war nie böse, war immer brav. Aber das Lachen kam nie wieder zurück."

"Die Schwächeren von uns konnten die Lehrer einfach nicht verstehen! Wie sollten sie es schaffen, alles genau mitzubekommen, was der Lehrer unterrichtet? Das hat allen furchtbare Angst gemacht: Wie sollten sie wissen, wie man richtig schreiben oder rechnen soll, wenn der Unterricht nicht zu verstehen war? Viele bekamen deshalb oft Schläge. Es war brutal! Wie soll man etwas verstehen, wenn man gar nicht die Chance hat, es aufzunehmen?"

"Wir hatten keine Freiheit, waren eingesperrt, saßen immer nur im Zimmer oder beim Essen. Es war immer dasselbe, von früh bis abends. Und immer das Schimpfen der Schwestern. Wir durften gar nichts! Es gab nichts Schönes im Leben!"

Vor rund 140 Jahren gründeten Franziskanerinnen ein Heim für gehörlose Kinder und Erwachsene. Das war damals etwas Besonderes, hier nahm man vor allem Mädchen aus ärmeren Familien auf:

"Die armen Eltern, welche mit Thränen in den Augen um Aufnahme ihrer unglücklichen Kinder baten, ohne alles weitere abzuweisen und die Kinder in ihrem Elende – ohne Gott, ohne Religion, ohne Gesetz und Sitte als Last der Gesellschaft - zu lassen, das war mir unmöglich."

Regens Johann Wagner, Mitbegründer der ‚Taubstummenanstalt‘, aus dem historischen Archiv Hohenwarts

Dass es "streng" zuging war bekannt. –  Doch "streng"? Was ist damit gemeint?

Weg zurück in die Vergangenheit

Nach vielen Jahrzehnten kehrt eine Gruppe Gehörloser an den Ort ihrer Kindheit zurück, begleitet von Freunden und Angehörigen.
Viel hat sich verändert, auch baulich.

Die Erinnerungen kommen sofort

Anke Klingemann: Was genau ist damals hier passiert?
Peter Sailer: Das weiß ich nicht. Mein Kopf war so kaputt und ich kannte mich nicht mehr aus.
Anke Klingemann: Alles vergessen?
Peter Sailer: Wir waren eingesperrt.
Anke Klingemann: Eingesperrt? Wo? Im Zimmer?
Peter Sailer: Ja, im Zimmer. Sie ließen uns nicht raus!
Anke Klingemann: Auch nicht draußen rumlaufen und spielen?
Peter Sailer: Nein, auch kein Fußball!
Anke Klingemann:  Nichts? Ihr wart immer nur im Haus?!
Peter Sailer: Nur drin die Turnhalle durften wir nutzen! Ich habe immer nur geweint und wollte heim! Ich war so einsam, es gab keine Kommunikation, kein Erzählen, keine Beschäftigung für den Kopf, nichts!

 

"Ich habe hier viel verloren… an Zeit. Sie hätte genutzt werden sollen, um mir etwas beizubringen, um mich zu bilden. Stattdessen ging es immer nur um Glaube und Beten, und davon viel zu viel. An Wissen habe ich hier so gut wie nichts vermittelt bekommen!", Georg Lechenbauer

 

Die Erinnerung an die Schlafräume:

"Schlimm war, dass man mir die Zunge rausgezogen hat.
Ich wurde ins Klo gesperrt, geschlagen und am Kopf geschüttelt. Das ist da drin passiert! Es war grauenhaft.", Rupert Kluge

"Die Klosterschwestern begannen mich zu schlagen als ich 8 war. Das ging mit kurzen Unterbrechungen immer so weiter. Die Unterdrückung hörte nie auf. Es waren nicht nur die Schläge, sondern viele andere Dinge, die mich verletzt haben. Ich konnte das nie vergessen, die Angst steckt immer noch in mir. Es hat mich kaputt gemacht. Daran haben auch die letzten 70 Jahre nichts geändert. Die Ereignisse in Hohenwart – sie bleiben immer in meinem Kopf! Da ist nichts zu machen.", Rupert Kluge

Aufarbeitung mit vielen Fragen

Schwester Gerda Friedel schaut sich mit den Besuchern und ihren Begleitern alte Fotoalben an.

Die Gruppe ist auf Einladung des Klosters an diesen Ort zurückgekehrt. Die Ordensschwestern wollen sich dieser Geschichte stellen, wollen sich entschuldigen. Gemeinsam gehen sie den Weg in die Vergangenheit, sitzen über alten Bildern, sprechen über die vielen Formen der täglichen Gewalt und versuchen Antworten zu finden.

Schwester Gerda Friedel, Provinzoberin der Dillinger Franziskannerinnen

"Man hat gewusst, dass es früher streng war. Und wenn ich mit hörbehinderten Menschen, egal in welcher Einrichtung, ins Gespräch kam, dann haben die älteren Gehörlosen immer erzählt, 'ja früher streng, aber jetzt ist alles gut, schön.' Was war das 'streng'? Waren das Schläge, welche Gewaltanwendung? 'Streng' war so ein pauschaler Begriff. Und es ist erstmals jetzt durch die drei Betroffenen, die ganz konkret erzählen, was sie unter 'streng' verstehen und erlebt haben."

Schwester Gerda Friedel, Provinzoberin der Dillinger Franziskannerinnen     

Hohenwart ist nur ein Beispiel von vielen. In der frühen BRD und DDR waren geschätzt mehr als 250.000 Kinder und Jugendliche in Heimen für Behinderte und in Psychiatrien von Zwang, Gewalt und Demütigung betroffen.

Stiftung Anerkennung und Hilfe: Aufarbeitung und individuelle Unterstützung

Seit Januar 2017 gibt es nach jahrelangem politischen Ringen mit der Stiftung Anerkennung und Hilfe endlich auch einen Fond für Betroffene in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie.

"Es ist Zeit über das Leid zu sprechen" – unter diesem Motto hat die Stiftung Anerkennung und Hilfe im Mai 2019 nach Berlin eingeladen. Vertreter von Bund, Ländern sowie der evangelischen und katholischen Kirchen kamen hier mit 60 Betroffenen zusammen, unter ihnen auch zehn Gehörlose.

"Ich möchte um Entschuldigung für unser Land und die Gesellschaft bitten, dass Ihnen nicht nur elementare Prinzipien unseres Rechtsstaates nicht nur vorenthalten wurden, das ist zu wenig gesagt, sondern dass zugelassen wurde, dass Ihre Menschenwürde verletzt wurde und dafür, dass darunter bis heute viele zutiefst zu leiden haben. Das ist nicht nur traurig, meine Damen und Herren, das ist dramatisch, weil – lassen Sie es uns heute offen aussprechen – Staat und Gesellschaft versagt haben, in Ost und West."

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales

Noch bis 31. Dezember 2020 können Betroffene Anträge auf Entschädigung bei der Stiftung Anerkennung und Hilfe stellen.

Wie konnte das alles überhaupt geschehen?

Inzwischen beschäftigt sich auch die Forschung mit der Frage nach dem Warum? Eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Fangerau von der Universität Düsseldorf (Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin) konnte in Berlin erste Antworten liefern: "Auf der einen Seite ist sicherlich als ein Grund die räumliche Situation zu nennen, von Mangel gekennzeichnet. Auf der zweiten Seite ein Personalmangel. Es ist niemand da, der sich um die Kinder kümmern kann. Und zum dritten, das halte ich für ganz wichtig, es ist ein Blick auf betroffene Kinder, der durch einen Defizitblick am besten zu charakterisieren ist. Das heißt, diese Menschen werden als "minderwertig" betrachtet und in Akten auch so genannt. Und dieser Blick im Zusammenhang mit fehlender Ausbildung, fehlender räumlicher Ausstattung sorgt dafür, dass der Boden für Leid und Unrecht, für Gewalt eigentlich gesät ist." Sehen statt Hören bietet hier das Interview mit Prof. Dr. Fangerau in voller Länge an.

Sehen statt Hören hat außerdem Dr. Inge Richter, eine Psychiaterin aus Erlangen, nach Gründen für derart viel Gewalt in Heimen befragt. Was waren damals Formen der Gewalt? Und unter welchen Folgen leiden Opfer bis heute?

Sehen sie hier in einem weiteren Zusatzangebot das ganze Interview.

Das Rad nicht zurückdrehen

Heute leben die Menschen in Hohenwart völlig anders. Die Vergangenheit soll sich keinesfalls wiederhohlen. Schwester Gerda erklärt, dass ganz andere Rahmen-, Lebens- und Arbeitsbedingungen erkämpft wurden. Es gibt qualifiziertes Personal, kleinere Gruppen. Und viele Gespräche miteinander.

"Ich denke, wir können das Rad nicht zurückdrehen. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber dadurch, dass wir mit den Menschen in Kontakt treten, sie erzählen lassen, ihnen Gehör geben, dass sie berichten können, was damals passiert ist… Das wäre vielleicht ein Wunsch von uns, dass die betroffenen Menschen vielleicht versöhnter heute von Hohenwart zurückkehren können als sie gekommen sind. Und mir und uns Schwestern tut es wirklich unendlich leid, wenn wir hier schuldig geworden sind."

Schwester Gerda Friedel

"Zum Abschied schaut der liebe Gott jetzt vielleicht herunter auf uns. Und ich stelle mir vor, dass er sich über uns Gehörlose so freut, dass er uns ein Stück zu sich hochhebt. Wir schweben wie eine Wolke am Himmel. Und dann lässt er uns hörend werden und macht uns ganz stark."

Rupert Kluge


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