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Gehörlosengerechtes Bauen Deaf Space Architektur

Stahl, Glas, Beton, offen und lichtdurchflutet: Moderne Architektur wirkt großzügig, klar und hell. Den Bedürfnissen Gehörloser und Schwerhöriger kommt das entgegen. Doch wie sieht gehörlosengerechtes Bauen wirklich aus?

Stand: 30.08.2018

Wie weit werden die Bedürfnisse Gehörloser und Schwerhöriger heutzutage eigentlich beim Bauen berücksichtigt? Und welche Kriterien gibt es dafür? Das Stichwort lautet: Deaf Space Architektur.

Deaf Space Architektur

Die Gallaudet-Universität

Der Begriff „Deaf Space Architektur“ wurde in Amerika geprägt und beinhaltet Leitlinien für gehörlosengerechtes Bauen. Entwickelt wurden sie von Hansel Bauman, Professor für Architektur an der Gallaudet-Universität. Dabei geht es nicht um ein bestimmtes Design oder ein spezielles Architektur-Modell, sondern um die Lebensart der späteren Bewohner. So ist Deaf Space längst nicht auf die Architektur selbst zu begrenzen: Es geht dabei um Farbe, Licht, um die Einrichtung, technisches Gerät , Lichtsignale – alle Facetten des Wohnens sind eingeschlossen. Die Leitlinien findet man hier:

Das Architektenhaus

Jan Philipp Koch lebt mit seiner Lebensgefährtin Nicole in einem speziellen Haus – seinem „Deaf Space Haus“. Der Architekt hat das Haus speziell auf seine Gehörlosigkeit ausgerichtet – und von Grund auf umgebaut: Anfangs waren die Räume klein und eng. Heute sind der weite Blick, die Helligkeit und die eher reduzierte Ausstattung Hauptmerkmale des Gebäudes. So hat Jan Philipp Koch beispielsweise einen Kommunikationsraum, eine Sichtachse zwischen dem Innen- und Außenbereich geschaffen: Er sieht genau, was draußen passiert – und umgekehrt. Im Inneren gibt es praktisch keine Zwischenwände, keine Blickrichtung ist versperrt, alles ist auf Kommunikation ausgelegt. Auch die Möbel sind aus diesem Grund flexibel und drehbar. Die Weite und die Nüchternheit begünstigen aber nicht nur die Kommunikation, sondern bringen auch Ruhe für die Augen. Für den Architekten ein wichtiger Aspekt, um sich vom Alltag zu erholen.

"Als ich studiert habe, wusste ich noch nicht die großen Probleme der Umwelt. Das ist einem nicht bewusst. Wenn man selber gehörlos ist, gewöhnt man sich dran - also ich hab‘ mich dran gewöhnt an die Einschränkung. Und irgendwann hab‘ ich gemerkt: Moment mal, du kannst ja selber was ändern. Du kannst dir das Leben verbessern."

Jan Philipp Koch, Architekt

Smart Home

Eine neue Entwicklung im Hausbau kommt auch den Gehörlosen und Schwerhörigen zugute: In so genannten „Smart Homes“ werden eine ganze Reihe Funktionen des Hauses über das Smartphone gesteuert. Die technischen Möglichkeiten kann man den individuellen Bedürfnissen anpassen – besonders visuelle Warnsysteme erhöhen dabei die Sicherheit für Gehörlose.

Die Schule

Die Elbschule in Hamburg ist barrierefrei für Gehörlose und Schwerhörige – und damit eine Vorreitereinrichtung in Deutschland. Alle Räume sind mit Lichtsignalen ausgestattet, auf den allgegenwärtigen Bildschirmen stehen die wichtigsten Informationen. Die Räume sind gut überschaubar, es gibt in Gemeinschaftsräumen keine Wände, die die Kommunikation stören. Sogar die Monitore in den PC-Räumen sind in den Tisch eingebaut, damit sie die Sicht nicht stören. Auch die Geräuschdämmung im kompletten Haus ist wichtig, denn die hörenden Lehrkräfte müssen mit dem Geräuschpegel der Schüler zurechtkommen. Und es gibt noch weitere Besonderheiten: So befindet sich unter der Bühne in der Aula beispielsweise ein Subwoofer, der die Bässe der Musik im Körper spüren lässt. Das Konzept ist ein Ergebnis aus der gemeinsamen Zusammenarbeit aller  Lehrkräfte. Und auch die Schulbehörde musste mitspielen und die Ideen finanzieren und umsetzen lassen. In Hamburg hat das gut funktioniert.

Gehörlosengerechtes Bauen auch im Studium?

Barrierefreies Bauen ist mittlerweile Teil eines jeden Architekturstudiums – und bei der Planung öffentlicher Gebäude müssen Architekten eine Reihe von Gesetzen und Normen zur Barrierefreiheit beachten. Dabei sollen sich die Architekten an den Bedürfnissen von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen orientieren – Gehörlose sind dabei mit an Bord. Doch der Weg zum echten gehörlosengerechten Bauen ist dabei noch nicht geebnet.
Die Fakultät für Architektur der Universität Aachen hat vor zwei Jahren einen neues Projekt gestartet: Der Studiengang „Bildnerisches Gestalten“ beschäftigt sich mit Gebärdensprache. Warum? Es geht dabei nicht um Kommunikation, sondern um die Fähigkeit, Bilder räumlich zu beschreiben. Das geht mit den Händen besser, als mit dem Mund – und zusätzlich wird das räumliche Denken geschult. Und auch sonst denken die Architekturstudenten im Zuge des Projektes um. Eines der Ergebnisse ist eine Masterarbeit zum Thema „Gehörlosengerechter Kindergarten“.

Ein Fazit

Barrierefreies Bauen hat letztlich einen Wert für die gesamte Gesellschaft. Bis diese Erkenntnis überall ankommt und selbstverständlich in die Baupläne mit einfließt, ist es aber noch ein weiter Weg.


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