BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Vom Experiment zum Vorzeigemodell Das Erfurter Inklusionsmodell

2017 startete in Erfurt ein in Deutschland einmaliges Inklusionsprojekt: Nicht ein einzelner Schüler, sondern gleich eine ganze Gruppe von gehörlosen und schwerhörigen Kindern lernt gemeinsam mit Hörenden an einer Regelschule. Sehen statt Hören hat die Anfänge gefilmt – und hat jetzt nachgeschaut, was aus dem Modell geworden ist. Hat es sich bewährt?

Published at: 25-1-2023

Angefangen hat alles so: Eine Gruppe von Eltern suchte nach einer Schule, die bereit war, sich auf ein Experiment einzulassen. Statt Einzelinklusion mit Gebärdensprachdolmetscher sollte eine ganze Gruppe von hörgeschädigten Kindern in eine Regelklasse integriert werden. Der Unterricht sollte dabei nicht nur in Deutsch, sondern auch in Gebärdensprache stattfinden. Es gab letztlich eine einzige Schule, die sich bereit erklärt hat: die Erfurter Gemeinschaftsschule "Am Roten Berg". Und auch heute noch ist sie die einzige, die diesen Weg gegangen ist.

Für viele Eltern hörbehinderter Kinder ist die Schule "Am Roten Berg" seither die erste Wahl, wenn es um Inklusion geht. Es gibt sogar Familien, die extra nach Erfurt gezogen sind, damit ihre Kinder hier zur Schule gehen können. In diesem Herbst startet nunmehr die vierte Klasse mit gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Schülern. Was macht sie so besonders? Der bilinguale Unterricht in Deutsch und Gebärdensprache.

An der Schule gibt es 16 hörbehinderte Kinder und 26 hörende Kinder. Sie verteilen sich auf zwei Räume – in einem lernen die Klassen 1 und 2 zusammen, im anderen Klasse 3 und 4. So können die Schüler Kontakt halten und die Lehrer flexibel hin und her wechseln.

"Ich arbeite als gehörlose Lehrerin gemeinsam mit meiner hörenden Kollegin. Sie ist für die Lautsprache zuständig, ich für die Gebärdensprache. Beides wird immer parallel gemacht, für alle: ob gehörlos, hörend, mit CI, schwerhörig oder Coda - immer sprechen und gebärden wir gemeinsam. Zusätzlich übernehme ich bei Kleingruppenarbeit die Erklärung in Gebärdensprache, unterstütze aber auch die hörenden Kinder und veranschauliche mit Gebärden. Umgekehrt nutzt auch meine hörende Kollegin Gebärden oder Lautsprache je nach Situation. So arbeiten wir zusammen."

Heike Gruchmann, Lehrkraft für Sonderpädagogik

Größerer Personalbedarf bei allgemeinem Personalmangel

Doch leider macht der Personalmangel auch vor der Schule "Am Roten Berg" nicht Halt: Von den drei Sonderpädagogen ist derzeit nur noch eine übrig, die DGS-kompetent ist. Die Zahl der Kinder hat sich jedoch verdreifacht. Trotzdem hält man in Erfurt am Konzept fest – momentan behilft man sich mit Dolmetschern. Die Lösung ist das jedoch nicht.

"Was wichtig ist für die gehörlosen Kinder, ist eine ganz enge Begleitung im Schriftspracherwerb. Sie brauchen eigentlich jeden Tag Förderung. Und dafür haben wir zu wenig Personal. Das bleibt auf der Strecke, wenn da nicht kontinuierlich gefördert wird."

Frau Liebig, Klassenlehrerin

Und auch die Kinder sind mit der Situation nicht ganz glücklich. Denn die Lehrkräfte bringen Kontinuität, die Dolmetscher wechseln hingegen häufig.

"Wir haben überhaupt generell ein massives Personalproblem und wir sind angehalten möglichst zu sparen. […] Und deshalb ist ein Projekt wie dieses ein großer Luxus, den wir uns auch gern leisten wollen. Und das ist durchaus nicht einfach und um hier auch einen Konsens innerhalb der Behörde herzustellen. Das ist durchaus auch ein Kampf um die Ressourcen. […]"

Ralph Leipold, Leiter Schulamt Mittelthüringen

Herausforderung: weiterführende Schulen

Das Projekt läuft nun im vierten Jahr – das bedeutet, die ersten Schülerinnen und Schüler sind im Moment in der 4.Klasse. Die Kinder und deren Familien sind sehr zufrieden mit dem inklusiven Schulmodell. So wie Familie Löffelholz: Ihre Tochter Anna ist seit Anfang an mit dabei – für sie und ihre Bildung mussten die Eltern ringen, sich ständig erklären, jede Bewilligung wurde erkämpft. Ihr Sohn Julius wurde dieses Jahr eingeschult. Bei ihm ist alles sorgloser – das Inklusionsmodell ist anerkannt. 

"So wie ich das sehe, hat sich Anna gut entwickelt, ausgesprochen positiv. Kognitiv – also was ihr Wissen anbelangt – so hat sie viel gelernt. Aber auch ihr Verhalten anderen Kindern gegenüber ist sehr sozial. Und klar, wichtig für sie und ihre emotionale Entwicklung sind vor allem die Kontakte mit den gehörlosen Kindern, ganz im Sinne einer Peergroup. Dass sie auch mit hörenden Kindern zusammen ist, ist ebenso wichtig und auch das läuft richtig gut. Alles in Allem sind wir zufrieden."

Manuel Löffelholz, Vater und Mitglied im Elternverein Biling e.V.

Doch die Familie und das Inklusionsprojekt stehen nun vor einer neuen Herausforderung: Im nächsten Jahr kommt der erste Jahrgang – und damit auch Tochter Anna - in die 5.Klasse. Und damit startet die erste weiterführende Jahrgangsstufe.

"[…] Natürlich brauchen wir einen gehörlosen Lehrer, der den Unterrichtsstoff der 5.Klasse gemeinsam mit den Fachlehrern für die gehörlosen Kinder aufbereiten kann. Ab der 5.Klasse sollen zwar durchgängig Dolmetscher eingesetzt werden. Aber daneben brauchen wir unbedingt einen gehörlosen Lehrer, der als Vorbild für die Kinder da ist und Dinge tiefer gehend erklären kann."

Manuel Löffelholz, Vater und Mitglied im Elternverein Biling e.V.

Eine Erfolgsgeschichte?

Und wie lautet nun das Fazit nach vier Jahren? Ist das Experiment komplett gelungen? Gibt es Defizite? Oder Wünsche und Verbesserungsansätze? Hier ein paar Stimmen dazu…

 

Zitate

Cornelia Förster, Klassenlehrerin

„Grundsätzlich wäre es ein Riesenvorteil für die Kinder mit Hörschädigung, wenn DGS als Sprache anerkannt werden würde – oder als Sprache für die Schule. […] Wenn aber im Umkehrschluss alle Leistungen, die wir momentan ja in deutscher Schriftsprache abrufen, genauso äquivalent in DGS erbracht werden könnten, dann würden die Kinder nämlich in ihrer Sprache die Leistungen erbringen können, die sie tatsächlich haben, die aber nicht abgerufen werden kann.“

Cornelia Förster, Klassenlehrerin

„Inklusion, glaube ich, können wir mit einem ganz großen Hurra, mit einem großen Daumenhoch, sagen - das haben wir definitiv hier erreichen können. Die Kinder sind angekommen. Tatsächlich reißen sich manchmal die Eltern auch schon darum und sagen: Wir möchten gern in diese Klasse. Auch hörende Eltern und hörende Kinder. Nichtsdestotrotz haben die Kinder mit Hörschädigung noch nicht das Level, das ein anderes hörendes Kind hat. Dieses Ziel konnten wir bis jetzt nicht erreichen – geschuldet zum Teil dem, dass das Personal nicht durchgehend da war und dementsprechend die Lerninhalte nicht immer 100-prozentig gut an die Kinder angepasst werden können.“

Markus Beyer, Vater

„In der Schule, im Klassenzimmer vermischen sich die hörenden und gehörlosen Kinder. In der Pause spielen sie eher getrennt. Deshalb haben wir als BILING-Verein ein Projekt gestartet für Nachmittagsangebote, damit der Kontakt zwischen hörenden und gehörlosen Kindern intensiver gefördert wird. Hörende Kinder können zum Beispiel gebärden und etwas über Gehörlose lernen, um deren Welt besser zu verstehen. Umgekehrt lernen die gehörlosen Kinder, sich in Hörende hineinzuversetzen. So kann ein herzliches Miteinander gefördert werden.“

Emilia Vronkova, Mutter

Immer wenn ich hierherkomme, beobachte ich die Kinder, wie sie einfach zusammen auf dem Spielplatz spielen. Und ich persönlich kriege immer Tränen in die Augen […]. Das kann man nur auf diesem Hof, in dieser Schule erleben. Und das ist für mich Integration im wahren Sinne.“

Sabine Ulrich, Mutter

„Früher dachte ich, dass sich alles ganz einfach entwickeln würde: Meine Tochter ist in der Inklusion und schafft alles problemlos. Aber in Wahrheit, so kann ich jetzt nach fünf Jahren sagen, gab es schon einige schwierige Situationen. Hauptsächlich, weil es an Lehrern mit Gebärdensprachkompetenz mangelt. […] Seitdem müssen wir mühevoll Dolmetscher suchen und Anträge stellen beim Sozialamt. Das ist nicht einfach für mich.“

Heike Gruchmann, Lehrkraft für Sonderpädagogik

„Ich bin sowohl in der Gehörlosen-, als auch in der hörenden Welt aufgewachsen und bin deshalb sehr offen. Andere kennen nur die Gehörlosen-Welt, den Gehörlosen-Kindergarten, die Gehörlosenschule, nur diesen einen „Weg“. Sobald sie auf Hörende treffen, sind sie verunsichert oder hegen Abneigungen. Umgekehrt haben hörende Menschen häufig Hemmungen und begegnen Gehörlosen mit Unverständnis. Wenn man früh anfängt, beide Welten zusammen zu bringen, dann ist ein gemeinsames Zusammensein normal. Das ist mir sehr wichtig und deshalb bin ich hier.“

Familie Kranz, Eltern

„Ich will, dass meine Kinder eine gleichberechtigte Kommunikation erleben und nicht benachteiligt sind, das ist mein Ziel und mir wichtig. Auch weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass ich nicht genug gelernt habe. Ich wünsche mir, dass es meine Kinder mal besser haben.“

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