BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Verfügbarkeit, Finanzierung, Qualität Gebärdensprachdolmetscher

Ein Thema, das derzeit für viel Aufregung sorgt: Die mögliche Erhöhung der JVEG-Stundensätze für Gebärdensprachdolmetscher. Statt wie bisher 75,- Euro soll sich der Stundensatz auf 95,- Euro erhöhen. Auch wenn es bislang dazu noch keine verbindliche Regelung gibt, fragen sich viele: Was bedeutet das? Werden Dolmetschereinsätze in Zukunft unbezahlbar? 2014 gab es eine vergleichbare Situation. Sehen statt Hören-Moderatorin Anke Klingemann schaut zurück und klärt aktuelle Fragen.

Stand: 04.03.2020

Gebärdensprache  | Bild: picture-alliance/dpa

Dolmetschermangel

Kurzfristig einen Dolmetscher zu finden, ist für Gehörlose nicht immer einfach. Und das, obwohl es vielerorts Dolmetschervermittlungen gibt. Doch die melden seit Jahren stark steigende Auftragszahlen – und längst nicht alle Aufträge können vermittelt werden. Der Grund: Dolmetschermangel.

"Nehmen wir zum Beispiel die Region Oberpfalz, da ist es ganz schlimm, dort gibt es nur 2 Dolmetscher; in ganz Bayern sind es nur etwa 100, das sind viel zu Wenige. Wir haben einfach einen hohen Bedarf. Zum einen hat Tess zu Beginn des Jahres (2019, red. Anmerkung) seine Grundgebühr aufgehoben und den Preis pro Minute von 28 auf 14 Cent gesenkt. Das verspricht einen enormen Zuwachs an Kunden. Infolgedessen wird da der Bedarf an Dolmetschern steigen. Ein anderer Bereich ist die schulische Inklusion – hörgeschädigte Kinder besuchen mit Dolmetschern die Regelschule. Das sorgt für einen hohen Bedarf an Dolmetschern. Des Weiteren gibt es mittlerweile etliche gehörlose Studierende an verschiedenen Hochschulen, wo ebenfalls viele Dolmetscher benötigt werden."

Bernd Schneider, Vorsitzender Landesverband der Gehörlosen Bayern e.V.

Der Mangel ist nicht wegzudiskutieren – und das obwohl mittlerweile in ganze Deutschland mehrere Gebärdensprachdolmetscher-Studiengänge angeboten werden.

Rund um die Dolmetscherausbildung

Der erste Gebärdensprachdolmetscher-Studiengang startete 1993 in Hamburg.

Neben Hamburg gibt es in Deutschland noch in Berlin, Idstein, Köln, Landshut, Magdeburg und Zwickau Hochschulen, die in Vollzeit Gebärdensprachdolmetscher ausbilden.

In Darmstadt und Nürnberg gibt es die Möglichkeit, eine Staatliche Prüfung zum Gebärdensprachdolmetscher zu absolvieren.

Etwa 800 Gebärdensprachdolmetscher gibt es derzeit in Deutschland.

Pro Jahr kommen  rund 80 neue dazu.

Weil die Nachfrage nach Dolmetschern weiter rasant steigt, wird sich am Dolmetschermangel auch in den nächsten Jahren nur langsam etwas ändern.

Die Kosten

2013 wurde der Stundensatz für Dolmetschereinsätze im Justizvergütungsgesetz (JVEG) von 55 auf 75 Euro angehoben. Zur Finanzierung von Dolmetscherkosten bekommen viele Gehörlose ein vom Amt bewilligtes persönliches Budget, das sich zumeist am Einkommen der Gehörlosen orientiert.  Daraus müssen alle Dolmetscherstunden bezahlt werden– egal wie teuer die sind.

"Nach meiner Erfahrung ist das Budget bereits nach drei Dolmetschereinsätzen aufgebraucht. Das Geld ist dann einfach alle. Das liegt an der Doppelbesetzung, an den hohen Fahrtzeiten, der Mehrwertsteuer. Nach drei oder vier Dolmetschereinsätzen ist kein Geld mehr da. Wenn ich mir vorstelle, dass jetzt auf 75 Euro angehoben wird – bei gleichbleibendem Budget – dann ist das Geld schon nach ein, zwei Einsätze weg. Mein Bedarf liegt aber bei ca. 10 – 12 Dolmetscheinsätzen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll."

Sofia Wegner, Diplom-Psychologin, die Beratungen für gehörlose, schwerhörige und hörende Klienten anbietet.

Das bringt nun auch die Kostenträger, wie Integrationsämter und Sozialhilfeträger in Bedrängnis.  Sie schrieben einen Antrag an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), in dem sie darum baten, dass die Stundensätze im Sozialgesetzbuch von denen, die im JVEG gelten, entkoppelt werden. Die Antwort war verblüffend: Die 75 Euro Dolmetscherkosten zu bezahlen ist nicht verpflichtend. Bis heute hat die von 75 Euro abweichende Vergütung nach § 14 JVEG Bestand.

2014 beunruhigte das wiederum eine große Gruppe der Dolmetscher – und spaltete die Dolmetscher in zwei Lager. Denn nicht alle bestanden auf diesen neuen Stundensatz. Manche möchten unterscheiden, ob sie für Polizeieinsätze bzw. vor Gericht dolmetschen oder eben bei einem Elternabend bzw. einer privaten Veranstaltung übersetzen. Wieso auch nicht?

"Wir Dolmetscher rechnen nach JVEG ab. Das sind Einsätze bei der Polizei oder bei Gericht. Das ist selbstverständlich. Dafür ist das Gesetz ja gemacht worden. Wenn es aber zum Beispiel um andere Dolmetschereinsätze geht, möchten wir selber die Höhe des Honorars entscheiden. (…) Wir wollen das Honorar frei gestalten und je nach Dolmetschsituation flexibel anpassen."

Asta Limbach, Geschäftsführerin der Gebärdensprachfirma Loor Ens

Aktuell wird Kritik insbesondere daran geübt, dass es in der Abrechnung von Dolmetscherleistungen bislang keine Unterscheidung gibt zwischen Berufseinsteigern und langjähriger Berufserfahrung. Dass für Fahrtzeiten derselbe Stundensatz abgerechnet wird wie für Einsatzzeiten ist für viele ebenfalls schwer nachvollziehbar. Europaweit liegt Deutschland bei den Stundensätzen ganz vorne – vor allem bei Fahrtzeiten.

"Im Fremdsprachdolmetscherbereich gibt es da (bei den Stundensätzen, Anm. der Redaktion) große Unterschiede und keineswegs gleiche Bezahlung für alles! Das gibt’s da nicht, sondern große Variation. Dazu liefert eine Marktanalyse deutliche Ergebnisse. Die Gebärdensprachdolmetscher machen einen Einheitspreis. Durch die gleiche Bezahlung in den verschiedenen Einsatzbereichen entsteht in unserem Fall die Konfusion. Das ist der Auslöser für die große Diskussion. Es ist jetzt Zeit, Klarheit zu schaffen im Austausch mit dem Dolmetscherverband über die verschiedenen Perspektiven, und im gegenseitigen Verständnis füreinander. Dazu sind wir in Kontakt. Wenn im gegenseitigen Austausch von Gehörlosen und Dolmetschern mehr Klarheit entsteht, wird hoffentlich auch Annäherung auf beiden Seiten möglich!"

Helmut Vogel, Präsident Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.

Stellungnahme DGB zum Referentenentwurf eines Gesetzes zur Änderung des Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetzes Format: PDF Größe: 82,93 KB


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