BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Totgeschwiegene Volkskrankheit Depression und Burnout

Jeder fünfte Deutsche hat schon mal Erfahrungen mit Depressionen gemacht. Damit ist es die Volkskrankheit Nummer eins – und nach wie vor ein Tabuthema. Es ist schwierig, Menschen zu finden, die mutig von der Krankheit erzählen.

Stand: 16.10.2018

Karoline

Karoline ist Ende 40 und lebt in München. 2011 hatte sie ein Burnout. Seither kann sie nicht mehr richtig arbeiten, ist vorerst erwerbsunfähig. Aber sie hat gelernt, sich wieder am Leben zu freuen.

Kein Traumberuf

Karoline ist gelernte Konditorin. Ihr Traumberuf? Nein. Sie musste sich damals in Berlin zwischen vier möglichen Lehrberufen entscheiden. Begeistert hat sie keiner. Trotzdem schloss sie ihre Ausbildung ab, entwickelte jedoch eine Mehlstauballergie und musste schließlich umschulen. So stand ein Umzug nach München an, hier konnte sie Reprofotografie lernen. Ein Beruf, den sie sehr mochte – doch mit der späteren Umstellung auf Computer kam sie nicht zurecht.

"Dann habe ich mir eine andere Stelle gesucht und viel gearbeitet, dann wieder gewechselt, wieder viel gearbeitet …ich konnte meine Grenzen nicht ziehen, konnte nicht nein sagen."

Karoline

Körperliche Symptome

Zuletzt arbeitete sie in einer Wäscherei. Ihre Gehörlosigkeit wurde dort nicht beachtet – die Kommunikation wurde zum massiven Problem. Niemand sprach mit ihr. Sie bekam Kopfschmerzen, schließlich wurden die Arme, Hände und Beine taub. Sie konnte nicht mehr laufen, ist einfach weggesackt. Es stellte sich eine Art Tunnelblick ein – Karoline sah keinen Ausweg mehr. Ein Neurologe hat sie schließlich krankgeschrieben.

Hilfe in der Gruppe

Karoline besuchte eine Selbsthilfegruppe.  Dass alle anderen Teilnehmer hörend sind und sie die Treffen mit Dolmetscherin besucht, spielt keine Rolle.  Der Austausch mit anderen Betroffenen ist sehr wertvoll für sie. Sie fühlt sich gestärkt durch die Empathie der Anderen, auch ihre innere Einstellung wird positiver.

"Es war auch schön, nicht allein zu sein, zu sehen, dass es anderen genauso geht wie mir. Das war mir ganz wertvoll und ich habe mich auf die Treffen gefreut. Gespräche mit gesunden Menschen sind anders."

Karoline über den Austausch in der Selbsthilfegruppe

Gesunde Menschen können die Situation nicht nachempfinden, sagt Karoline. Häufig werde die Depression verharmlost oder beschwichtigt. Geholfen hat Karoline auch ihr Hund. Der ist seit vier Jahren ihr treuer Begleiter und hilft ihr über vieles hinweg, gibt ihr Nähe und neue Lebensfreude.

Ulrike

Als Kind war Ulrike Einzelgängerin. Gerne hätte sie schon früher die Gebärdensprache gelernt, Kontakte mit anderen Schwerhörigen gehabt. Von der Mutter hat sie sich auch nicht verstanden gefühlt. Eine Situation an der Ulrike etwas verändern wollte. Doch sie wusste nicht wie.

Hilfe in der Psychiatrie

Heute hat Ulrike Depressionen. Sie hat sich Hilfe in der Psychiatrie gesucht, war bereits zweimal in stationärer Behandlung. Beim letzten Mal war Ulrike vier Monate in der geschlossenen Abteilung.  

"Ich konnte einfach nicht mehr alleine sein. Allein sein war für mich zu schwierig. Das hat zu Situationen geführt, dass ich mir die Haare ausgerissen habe, dass ich mich geritzt habe."

Ulrike

Heute lebt sie im betreuten Wohnen in einem Haus der Regens-Wagner-Stiftung. Inzwischen reichen ihr ambulante Termine aus. Ulrike will sie sich ihr Leben zurückerobern. Besonders hilfreich ist für sie dabei Ergotherapie – beim Malen schafft sie es, sich zu konzentrieren. Ein guter Weg. Wenn auch ein langer.

"Depression ist heilbar. Die allermeisten Patienten kommen aus einer depressiven Episode wieder heraus. Übrigens auch ohne professionelle Hilfe, nur dann dauert es in der Regel sehr viel länger, bis die Symptome der Depression wieder ein bisschen weniger werden."

Dr. Maximilian Krinninger

Ist eine Depression bei Gehörlosen und Hörenden unterschiedlich?

Karoline hat als Betroffene das Gefühl, dass die Auslöser für eine Depression bei Gehörlosen und Hörenden unterschiedlich sind: Bei Gehörlosen geht es oft um private Sorgen, bei Hörenden ist öfter die Situation am Arbeitsplatz auslösend. Psychologe Dr. Maximilian Krinninger sieht im Großen und Ganzen keine großen Unterschiede. Eine wenig auffällig sei jedoch, dass sich Gehörlose etwas mehr dazu neigen, sich sozial zu isolieren in der Depression – was er in den kommunikativen Barrieren im Alltag begründet sieht. Das verstärkt die Krankheit.

4 Fragen an die Psychologin Kerstin Baake

Warum sind Depression und Burnout Tabuthemen?

„Es sind schwere Krankheiten, dafür schämt man sich. Depression ist außerdem mit einem Gefühl von Schuld verbunden - einem Gefühl wie: „Mist, ich schaffe das nicht“, „Ich bin zu schwach“. Man schämt sich dafür. Und wenn man sich für etwas schämt, dann man nicht offen darüber reden. Wenn man dann doch davon erzählt, heißt es: „Ach, das schaffst du schon“, „Komm, das wird schon wieder“ und „Morgen sieht die Welt ganz anders aus“. Das gibt einem noch mehr das Gefühl von Schwere, also behält man es lieber für sich. Man zieht sich zurück in die soziale Isolation. Grund ist dieser fehlgeleitete Umgang damit.“

Sind Gehörlose denn stärker davon betroffen als Hörende?

„Gehörlose sind genauso von Depression betroffen. Die Hintergründe können die gleichen sein wie bei Hörenden. Aber es gibt auch spezielle Problemstellungen, wie z.B. häufig Mobbing oder belastende Kommunikationsprobleme oder sie haben nicht gelernt, Strategien zu entwickeln im Umgang mit Stress und Druck. Daran muss man arbeiten.“

Wie kann der Psychologe feststellen, ob jemand unter Depressionen leidet?

„Wichtig ist erst mal das Gespräch. Welche Erfahrungen hat mein Gegenüber gemacht, wie fühlt er sich? Dann schaue ich auf die Symptome. Hat jemand über längere Zeit, also länger als 2 Wochen, Schlafstörungen? Appetitlosigkeit; geringe Lebensfreude, keine Motivation mehr, Lustlosigkeit. Das und noch mehr sind Symptome, die Aufschluss geben, ob eine Depression vorliegt.“

Und wie unterscheiden sich Depression und Burnout?

„Wenn eine Situation sehr belastend war, wenn z.B. etwas Schlimmes passiert ist, gerät man in eine Krise. Das ist normal. Wenn aber dieser schwere Gefühlszustand lange andauert, man sich zurückzieht in die soziale Isolation und darin untergeht, dann spricht man von einer Depression. Die Dauer ist ausschlaggebend. Burnout zeigt die gleichen Symptome wie Depression, allerdings sind die Ursachen andere, meist sind sie im beruflichen Umfeld zu suchen. Hohe Arbeitsbelastung, Zeitdruck, ununterbrochenes pausenloses Arbeiten. Wenn man merkt, wie die eigene Batterie immer leerer wird, bis man sich ausgebrannt fühlt. Das nennt man dann Burnout. Die Ursachen sind also andere als bei der Depression.“


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