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Bilingual Bildung mit Gebärdensprache!

19.000 Unterschriften wurden bundesweit in einer Online-Petition gesammelt - für die Bildung gehörloser Kinder. Das Ziel der Petition: Gehörlosen Kindern soll ein barrierefreies Lernen nicht länger verwehrt werden.

Stand: 15.11.2019

Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo hat sich bei der Übergabe der gesammelten Unterschriften die Zeit genommen, sich mit den Anliegen der Eltern gehörloser Kinder vertraut zu machen.

Forderungen der Petition "Gebärdensprache umsetzen"

  1. Umfassende Aufklärung und Beratung
  2. Hausgebärdensprachkurse für Kinder und Eltern
  3. Gebärdensprache in Frühförderung und Kindertageseinrichtungen
  4. Bilingualer Unterricht an Förderschulen und Regelschulen
  5. Bilinguale außerschulische Angebote
  6. Gebärdensprachkompetente Fachkräfte
  7. Deutsche Gebärdensprache als zweite Fremdsprache

"Unsere Bitte an Sie Herr Kultusminister wäre einfach: Lassen Sie uns in einen Dialog treten und gemeinsam geeignete Strukturen aufbauen, dass unsere Kinder aufwachsen können in einer Bildungswelt, die ihnen gerecht wird und in der Deutsche Lautsprache und die Deutsche Gebärdensprache gleichwertig vermittelt werden."

Carsten Lang, Elternvereinigung Bayern

"[…] Es sind viele einzelne Fälle, die auch unterschiedlich zu beschulen sind. Und da ist es auch nicht immer ganz einfach, auf jeden dieser Einzelfälle völlig adäquat einzugehen. Aber für uns ist es natürlich wichtig, auch ein Bild zu bekommen, wo können wir noch was verbessern in welchem Bereich. Und insofern bleiben wir da auch im Gespräch."

Michael Piazolo, Kultusminister Bayern

 LUG immer noch Standard an Förderschulen

Es gibt hunderte solcher „Einzelfälle“, Kinder, die den Unterricht ohne Gebärdensprache nicht verstehen. Unterricht in Lautsprache mit unterstützenden Gebärden (LUG) an Hörbehindertenschulen ist immer noch die Regel – wie etwa an der Hörbehindertenschule Dresden. Hier gibt es bisher kein barrierefreies Bildungsangebot, denn die Lehrer haben keine oder nur geringe DGS-Kompetenz (Deutsche Gebärdensprache). Und eine Veränderung dieses Mangels ist auch nicht in Sicht – denn es kommt zu wenig qualifizierter Nachwuchs auf den Arbeitsmarkt.

Wo kann man studieren?

In Deutschland gibt es 5 Studienstandorte für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik - in Köln, Berlin, Hamburg, München und Heidelberg. In den letzten Jahren haben die Studierenden zunehmend die Möglichkeit auch Deutsche Gebärdensprache zu erlernen, doch auf sehr unterschiedlichem Niveau.

"Uns fehlen natürlich Lehrkräfte, rein von den Fächern mitunter. Und wenn es dann um die sonderpädagogische Ausbildung geht, da sieht es in Sachsen noch mal ein bisschen anders aus. Sachsen selber bildet ja keine Hörgeschädigtenpädagogen aus bis zum jetzigen Zeitpunkt. Es startet jetzt eine berufsbegleitende Weiterbildung nach vielen Jahren des Ringens um diese Ausbildung. Wir sind froh, dass das passiert. Das reicht aber längst noch nicht. Also dort muss noch einiges getan werden, damit auch der Nachwuchs kommt."

Jana Pohl, Schulleiterin Hörgeschädigtenschule Dresden

Wie wird man den Kindern individuell gerecht?

Weniger als fünf Prozent der Lehrer am Förderzentrum Dresden haben Kenntnisse in Gebärdensprache. Doch auch diese Minderheit ist überfordert, wenn sie alleine unterrichten in einer gemischten Klasse mit gehörlosen, schwerhörigen und CI-Kindern. Den individuellen Bedürfnissen und unterschiedlichen Kommunikationssituationen können sie so nicht gerecht werden. Und wie dieses „gerecht werden“ aussieht, da gehen die Meinungen auseinander.

"Was für den einen Schüler wichtig ist, die Gebärde, die DGS, ist für einen anderen Schüler eben vielleicht nicht das Richtige oder Wichtigste, so dass die Herausforderung darin besteht, allen das zu bieten, was sie brauchen. Jedem einzelnen Schüler. Und das führt dann auch zu dem Bild: Warum wird nicht durchgängig gebärdet - es müsste eigentlich so sein? Es ist nicht erforderlich und es ist auch nicht umsetzbar."

Jana Pohl, Schulleiterin Hörgeschädigtenschule Dresden

"Es gibt nicht unbedingt die Lautsprach- und die Gebärdensprachkinder, sondern es sind bilinguale Kinder, die translingual die Möglichkeiten haben müssen, beide Sprachen zu nutzen und immer der Situation angemessen. Und wenn man von vorn herein dann sagt: Ja, das ist jetzt zwar die bilinguale Klasse, das ist die Gebärdensprachklasse, wie es in den Schulen zum Teil gemacht wird, und das ist die sogenannte Lautsprachklasse. Am Ende sind das alles Kinder, die schlecht hören. Man verschließt ihnen die Möglichkeit, beide Sprachen grundlegend zu erwerben und zu nutzen für den Bildungs- und Berufsweg und auch für ihre Freizeit."

Magdalena Stenzel, Elterninitiative Dresden

Die erste bilinguale Inklusionsklasse Deutschlands

Doch es geht auch anders: Vor drei Jahren entstand in der Gemeinschaftsschule am Roten Berg in Erfurt die erste bilinguale Inklusionsklasse Deutschlands. Hier lernen hörende, gehörlose und schwerhörige Schüler gemeinsam in Deutscher Laut- und Gebärdensprache. Das Konzept dahinter: Der bilinguale Unterricht wird von zwei Lehrkräften durchgeführt - jede Lehrkraft eine Sprache. Eine rühmliche Ausnahme. An 80 Prozent der Hörbehinderten-Schulen gibt es keine gebärdensprachliche Förderung. Wie kommt das?

"Man hat die Sorge, dass, wenn das Kind Gebärdensprache lernt, es durcheinanderkommt und dies den Lautspracherwerb einschränkt. Das stimmt nicht, aber viele denken so. Zweitens unterstützen das die Ärzte durch ihre eigene Vorstellung: Wir haben eine tolle Technik und die kann das Kind zum Beispiel mit der Hilfe eines CI reparieren. Und drittens haben viele pädagogische Fachkräfte die Gebärdensprache während ihrer Ausbildung nicht gelernt. Sie können also kein bilinguales Angebot machen. Und viertens ist die Gesellschaft noch nicht bereit, Geld in die bilinguale Frühförderung zu stecken. Für lautsprachliche Förderung ja, aber für eine zusätzlich bilinguale Förderung nicht. Deshalb müssen viele Eltern hart für eine bilinguale Erziehung kämpfen."

Prof. Dr. Claudia Becker, Humboldt-Universität Berlin

Fachtagungen und Eigeninitiative

Gehörlose Kinder und ihre Eltern wollen nicht länger warten bis die Politik endlich handelt. Deshalb hat der Gehörlosenverband München GMU die Fachtagung „Inklusive Bildung durch Gebärdensprache“ organisiert. Sie haben Fachleute eingeladen, um mit ihnen gemeinsam zu diskutieren und einen Forderungskatalog zu erstellen, der dann an die Politik übergeben werden soll. Rund 100 Eltern, Lehrer und Fachleute sind gekommen.

Unterricht mit Dolmetscher

Und immer mehr Eltern ergreifen auch selbst die Initiative – und versuchen für ihre gehörlosen Kinder Gebärdensprachdolmetscher für den Unterricht an den Förderschulen zu bekommen. Schließlich ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass bilinguale-bimodale Bildungskonzepte für alle Kinder vorteilhaft sind. Doch die Anträge sind kompliziert und werden praktisch immer abgelehnt. Eine Ausnahme ist Familie Mittländer: Der Antrag auf bilingualen Unterricht für die Kinder wurde zwar abgelehnt, dem Dolmetscher dann jedoch nach zähem Ringen zugestimmt. Für die Schulleitung hier ist der Einsatz von Dolmetschern im Unterricht ein gangbarer Weg.

Lösung Dolmetscher?

Dolmetscher für gehörlose Kinder an Regelschulen sind inzwischen üblich, aber der Einsatz an Förderschulen ist noch Neuland und eigentlich paradox. Ist das die Lösung des Problems? Nein. Es kann nur eine Zwischenlösung sein – da sind sich das Kulturministerium Sachsen und die Eltern einig. Doch der erste Schritt ist gemacht, Kontakte zwischen Politik und Betroffenen geknüpft und erste Ergebnisse sichtbar.

Ein Fazit

Die Lautsprache ist immer noch Bildungsziel Nummer eins an den Förderschulen für Hörbehinderte. Und Gebärdensprache wird nur als Notbehelf und Unterstützung gesehen. Damit sich daran wirklich etwas ändert, braucht es ein Umdenken und die Anerkennung, dass Deutsche Gebärdensprache und Deutsch gleichwertig sind. Und es braucht die Erkenntnis, dass die Kinder und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.  


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