BR Fernsehen - Lebenslinien


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Lebenslinien - Karl Gehring, vom Skiakrobaten zum Hüttenwirt und Musiker Hirt, Wirt, für immer Bergmensch

Der ehemalige Skiakrobat Karl ist im Allgäu als außergewöhnlicher Hüttenwirt und Musiker bekannt. Sein eigenwilliger Lebensweg hat Auswirkungen, die für ihn und seine Umgebung bis heute nicht immer einfach sind. Auf der Alpe Stubental hat Karl mit Anfang 60 endlich die Zufriedenheit erlangt, nach der er lange gesucht hat. Doch an der Beziehung zu seiner Familie arbeitet er noch immer.

Published at: 8-11-2022 | Archiv

Karl wächst als zweites von fünf Kindern in bescheidenen Verhältnissen in Gunzesried im Oberallgäu auf. Eigentlich soll er, wie sein Vater, das Bäckerhandwerk erlernen, aber der Bub will Profi-Skifahrer werden.

Filminfo

Originalitel: Hirt, Wirt, für immer Bergmensch (D, 2022)
Regie: Kathrin Schneider
Redaktion: Sonja Hachenberger
Länge: 45 Minuten
VT-UT, 16:9, stereo

Weil die Eltern den teuren Ski-Alpin-Sport nicht finanzieren können, wechselt er zur Skiakrobatik und feiert bald internationale Erfolge. Mit Mitte 20 beendet Karl seine sportliche Karriere, er will mit Frau Gabi und zwei Kindern ein geregeltes Leben führen.

In den Wintermonaten arbeitet er als Skilehrer und im Sommer auf einer Alpe als Senner und Hirte. Alles scheint harmonisch, bis ein tragischer Unfall sein Leben grundlegend verändert. Aus dem unbeschwerten Mann wird ein überforderter Familienvater und Ehemann. Gabi und er trennen sich.

Karl Gehring

Kurz darauf verliebt er sich in die Berlinerin Andrea, sie bekommen eine Tochter und bewirtschaften gemeinsam die Kappler Alpe im Ostallgäu. Schon bald ist Karl dort als musizierender Wirt bekannt und gründet 2012 seine Punk-Band El Carlos.

Als auch die zweite Familie zerbricht, verliert er den Boden unter den Füßen. Jetzt hilft nur eins: ein Ortswechsel und ein gesünderer Lebenswandel. Auf der Alpe Stubental gelingt ihm mit Klaudia ein Neuanfang.

Fragen der Autorin Kathrin Schneider

Wie habe ich Karl Gehring kennengelernt?

Ein alter Schulkamerad von mir kennt Karl ganz gut und hat mir immer wieder von ihm erzählt. Von legendären Punk-Konzerten, Karls Käseproduktion und von seinen verrückten Erfindungen. „Ich solle doch unbedingt mal mitgehen“.

Kennengelernt habe ich Karl dann über meine Freundin Sandra, die hin und wieder bei ihm aushilfsweise bedient. Sandra konnte mir etwas mehr über Karl erzählen und das hat mich dann neugierig gemacht. So kam es im Oktober 2019 zu einem ersten Kennenlernen auf der Alpe Stubental.

Was fasziniert mich an Karl?

Es gibt mehrere Aspekte, dich mich an Karl interessieren. Da ich selbst Allgäuerin bin, fasziniert mich das Ur-Allgäuerische an Karl. Wenn einer den Titel Original verdient, dann Karl: Sein wunderbarer Oberallgäuer Dialekt, seine verdruckste Allgäuer Art nach dem Motto „It gschimpft, isch globt gnua“ und seine tiefe Verbundenheit zu den Allgäuer Bergen.

Außerdem fasziniert mich an Karl eine Sache, die man erst auf den zweiten Blick erkennt: sein scharfer Verstand und sein Anspruch, Dinge perfekt und mit viel Sorgfalt zu erledigen. Er war bei den Dreharbeiten immer bestens vorbereitet, hatte das richtige Hemd an, die richtige Jacke und war stets pünktlich. Es mag Leute geben, die der Überzeugung sind, dass Karl ein Chaot sei. Aber sie liegen falsch. Karl ist sehr clever, neugierig, furchtlos und hat eine gewisse „Bauernschläue“. Für mich ist er der klügste Autodidakt, den es gibt.

Welche lustige Anekdote gibt es von den Dreharbeiten?

Mein Team und ich haben eine Nacht in Karls Hütte übernachtet, um am nächsten Drehtag Zeit zu sparen. Es war eine kalte, stürmische Winternacht. Die Hüttengäste waren längst fort und Karl hat für uns seinen legendären Gulaschtopf gekocht. Das Gulasch hat wunderbar geschmeckt und ich war wirklich überrascht über seine Kochkünste.

Wir haben zu dritt in einer Dachkammer ohne Heizung genächtigt. Es gab zudem kein richtiges Licht, nur eine wackelige Funzel am Fußboden. Nachts peitschte der Wind über das Hüttendach, es war richtig abenteuerlich. Am nächsten Morgen „Katzenwäsche“ und „Filterkaffee“. Ein Tag ganz nah an Karl dran.


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