BR Fernsehen - Gespräche gegen das Vergessen

Im Münchner Volkstheater

Gespräche gegen das Vergessen Im Münchner Volkstheater

Stand: 02.05.2019

An einem Tag im September 1935 änderte sich das Leben vieler deutscher Bürger schlagartig: Die Nationalsozialisten führten die "Nürnberger Rassengesetze" ein.

Juden sowie Sinti und Roma wurden vom gesellschaftlichen Leben nicht mehr nur ausgegrenzt, sondern ihre Verfolgung wurde aufgrund der perfiden NS-Rasseneinteilung in "arisch" und "nicht arisch" staatlich angeordnet.

Mit diesem Tag begann das, was später als Shoa oder Holocaust in die Geschichtsbücher eingehen sollte: der maximale Zivilisationsbruch.

Historiker Dr. Götz Aly

Wie konnte es dazu kommen? Welche Muster lassen sich erkennen? "Der Antisemitismus war über die Nationalsozialistische Partei hinaus verbreitet in der deutschen Bevölkerung – das war ein integrierendes Moment", sagt der Historiker Dr. Götz Aly. Dabei hätten die Menschen damals "nicht an Auschwitz gedacht".

Rabbi Henry G. Brandt

Rabbiner Dr. h. c. Henry G. Brandt benennt das Emotionale, das Wir-Gefühl, und den vermeintlichen sozialen Gewinn durch Ausgrenzung: "Die Uniformen, die klingende Musik, die Bewaffnung, die Kraft, die da strotzte. Das hat den Leuten imponiert. Und die durften auch selber die Uniformen tragen. Da war der Herr Niemand plötzlich ein Obersturmbannführer. Und das haben viele genossen."

Fatih Çevikkollu

Wie steht es in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft um das Phänomen Ausgrenzung? "Alle, die am Rand der Gesellschaft stehen, kriegen immer mehr Platz in der Gesellschaft, immer mehr Rechte, immer mehr Raum", meint der Kabarettist und Schauspieler Fatih Çevikkollu. Mit einer Metapher des Soziologen Aladin El-Mafaalani verweist er aber zugleich auf dadurch zunehmende Konflikte: "Wenn immer mehr Leute am Tisch sitzen, dürfen wir nicht davon ausgehen, dass wir jetzt alle hier Friede, Freude, Eierkuchen haben. Je mehr Menschen mitdiskutieren, desto mehr Konflikte haben wir. Aber lasst uns nicht eine Leit-, sondern eine Streitkultur haben, wo wir Positionen austauschen können."

Schüler des Städtischen Käthe-Kollwitz-Gymnasiums in München

Dem Abend im Münchner Volkstheater ging wieder der "Tag der Quellen" voraus. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte lasen und inszenierten Schülerinnen und Schüler persönliche Berichte und Texte aus dem Holocaust.
Ein Beispiel ihrer Auseinandersetzung mit diesen Zeitdokumenten stellen einige von ihnen im Rahmen der "Gespräche gegen das Vergessen" vor.

Simone Fleischmann

"Das ist ein Kernstück der Erinnerungsarbeit, die wir anbieten, um Schülerinnen und Schüler an diese Zeit heranzuführen", sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Simone Fleischmann. "Wir müssen vor allem die Verbindung herstellen zum aktuellen Erleben von Schülerinnen und Schülern in der Jetztzeit. Dann ist auch leichter zu verstehen, was in der Geschichte war."