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Europa-Reportage Schützen oder jagen? Kampf um Islands Wale

Island ist nicht nur die Insel der sprudelnden Geysire und der unberechenbaren Vulkane, sondern auch eine der letzten europäischen Walfang-Nationen. Und es ist das einzige Land, das die stark gefährdeten Finnwale jagt, die zweitgrößten Meerestiere der Erde.

Von: Tobias Schießl, Simon Plentinger

Stand: 05.08.2018 | Archiv

Finnwal zum Zerlegen wird auf die Walfangstation der Firma Hvalur gezogen | Bild: BR

Von diesen Finnwalen gibt es nicht mehr viele. Nur hier in Island werden sie noch gejagt. Deswegen will der Tierschützer, dass diese Bilder in die Medien kommen. Sein Ziel: Den Walfang beenden.

In der EU ist Walfang und der Handel mit Walfleisch verboten. Aber: Zwei nicht-EU-Länder betreiben in Europa immer noch kommerziellen Walfang: Norwegen und Island. In Island gibt es noch zwei letzte aktive Walfang-Unternehmen, aber auch immer mehr Gegner.

Wir sind nach Island gekommen, um zu sehen, ob sich der Walfang dort dem Ende nähert. Diese stark gefährdeten Finnwale wurden auf hoher See erlegt und werden nun hier an der Walfangstation an Land gezogen.

Tierschützer Arne hat jetzt die Chance, mit seiner Kamera etwas ganz Bestimmtes zu dokumentieren:

"Es ist ja auch immer wichtig, dass man schaut, wo die Harpunen eingeschlagen sind, weil immer argumentiert wird, dass diese Tiere relativ schnell sterben, dadurch, dass die Tiere recht weit vorne getroffen werden, in Bereichen, in denen es zum schnellen Tod führen würde. Diese Tiere werden nicht immer im Bereich des Herzens getroffen, im Bereich der Lunge oder im Bereich des Kopfes."

Arne Feuerhahn

Ein leidvolles Sterben?

Wenn die Tiere weiter hinten, zum Beispiel in den Rücken, getroffen werden, bedeutet das, dass sie nicht sofort sterben und leiden müssen.

Arne will näher ran, bis an den Zaun. Die Arbeiter tun nichts Illegales. Doch wir haben den Eindruck nicht alle von ihnen freuen sich über die Zuschauer:

"Also, jetzt kann man sehen, wie sie das Tier langsam auseinander nehmen. Im Englischen heißen die, glaube ich, Flensing Knives, diese Klingen an diesen zirka zwei Meter langen Besenstielen. Und damit wird jetzt dieses ganze Tier auseinander genommen. Also, es wird jetzt die Haut aufgeschnitten."

Arne Feuerhahn

Der Wal wird komplett zerlegt. Das dauert jetzt dann über zwei Stunden.

Wale als Touristenattraktion

Eine Autostunde entfernt liegt die Hauptstadt Reykjavik. Hier treffen wir den Isländer Sigursteinn Masson. Er arbeitet für eine Tierschutz-Organisation und setzt sich für Whale Watching ein, eine Art Wal-Safari für Touristen. Auch der Isländer will das Ende des Walfangs, geht aber einen anderen Weg:

"Der Walfang wird nicht enden, nur weil jemand aus dem Ausland herkommt oder weil Tierschutzorganisationen versuchen die Menschen mit Bildern zu schockieren, damit sich die Leute ekeln. Das wird nicht passieren!"

Sigursteinn Masson

Was er heute vorhat, ist eine Premiere. Er will damit die Isländer für seine Sache gewinnen:

"Die Idee hinter diesem Wal-Tag heute ist, mehr Interesse der Einheimischen für die Wale zu wecken. Sie sollen erkennen, dass die Wale lebendig wertvoller für uns sind, als auf einem Teller."

Sigursteinn Masson

Deswegen will er mit seinem Team die Isländer davon überzeugen, die Wale lebendig zu vermarkten: Whale Watching statt Walfang. Der Alte Hafen von Reykjavik: Letzte Vorbereitungen für den Aktionstag. Die Whale Watching-Veranstalter und Restaurants werben heute mit besonderen Angeboten.

Bei so einer Tour, weiß man nie genau, was man zu sehen bekommt. Hier sind zwar Touristen – aber auch ein paar Isländer sind an Bord. Doch erst mal macht uns die Crew auf ein Schiff aufmerksam, das uns gleich kreuzen wird, ein Walfang-Schiff. Dort hinten ist es. Eine isländische Familie hält Ausschau nach Walen. Aber erst mal haben auch sie das Walfangschiff entdeckt.

"Es macht mich traurig das zu sehen. Dass wir das immer noch machen. Für mich persönlich ist das heutzutage vollkommen unnötig. Wir brauchen dieses Fleisch nicht. Das ist im Grunde nur ein alter sturer Mann, der einfach nicht aufhören will."

Isländer

Er meint den Waljäger, an dessen Walfangstation wir bereits waren. Kristjan Loftsson heißt er. Dieses Schiff ist auf dem Weg dorthin. Und dann, ganz in der Nähe der Schiffe: Ein Buckelwal!
Dort, wo wir die Wale heute gesehen haben, sind sie vor den Waljägern aber sicher.

Schutzzone für Wale

Vor Island werden zwei Arten von Walen gefangen. Der eine Waljäger fängt die riesigen bedrohten Finnwale, draußen auf dem Ozean. Der andere fängt kleine Zwergwale innerhalb der Bucht.

Hier gilt seit Ende 2017 aber eine Schutzzone für das Whale Watching. Darin ist der Walfang verboten. Das Gebiet, in dem die Zwergwale gejagt werden dürfen, ist kleiner geworden.

Der Finnwal-Jäger schleppt seine erlegten Tiere in den Walford zu seiner Walfang-Station. Dabei muss er, so wie gerade eben, mitten durch das Whale Watching-Gebiet.

Wir wollen die Jagd auf einem Walfangschiff miterleben, um zu sehen, ob die Tiere wirklich leiden müssen. Kristjan Loftsson, dessen Walfangschiff wir gerade gesehen haben, können wir überreden, uns zumindest mal zu treffen.

Wal auf den Tisch!

Ein Fischrestaurant in Reykjavik: Das ist Stefán Ulfarson. Er serviert hier nicht nur Fisch und Meeresfrüchte - sondern auch Walfleisch:

"Das Fleisch ist sehr ähnlich zu Rindfleisch. Dieses Whale Roast zum Beispiel wird genauso zubereitet wie Roastbeef. Ein Wal ist eigentlich nur eine schwimmende Kuh."

Stefán Ulfarson

Aber ist das Walfleisch tatsächlich so gefragt? Und wer bestellt es?

"Die erste Walbestellung! Sashimi."

Stefán Ulfarson

Bei diesem Gericht wird Walfleisch roh serviert, mit Sojasoße und Wasabi, wie Sushi. Bestellt hat es eine Gruppe kanadischer Touristen.

Wie kommt das Walfleisch an? "Mmmh, lecker!"

Und warum haben sie’s bestellt?

"Das Walfleisch wurde uns als eine typisch isländische Spezialität empfohlen."

Touristen aus Kanada

Oft sind es Touristen, die Walgerichte bestellen. Einige gehen sicher auch Whale Watching. Ist das nicht komisch?

"Warum nicht Wale beobachten und essen. Wenn du in den Zoo gehst, bestellst du vielleicht auch einen Hamburger, selbst wenn du eine Kuh gesehen hast. Also warum nicht beim Wal?"

Stefán Ulfarson

Die Wal-Jäger weichen aus

Aber Kühe gelten auch nicht als bedrohte Tierart. Immerhin: Dieses Wal-Steak stammt von einem Zwergwal. Der gilt nicht als besonders gefährdet. Bestellt hat das Steak ein Isländer mit seinen französischen Gästen. Kritische Töne über das Leid bei der Jagd oder die Bedrohungen der Tiere hören wir an diesem Abend nicht. Aber ob die Tiere nun leiden mussten oder nicht, können wir hier nicht klären. Das geht nur, wenn wir bei der Jagd dabei sein dürfen. Das Walfleisch im Restaurant kommt von dem zweiten Wal-Jäger, Gunnar Bergmann Jonsson. Bei dem wollen wir es auch probieren, denn noch haben wir keine Zusage, dass wir mit auf ein Walfangschiff dürfen. Vielleicht kann ja der Koch bei seinem Lieferanten ein gutes Wort für uns einlegen. Mit dem Waljäger, der den Koch beliefert, konnten wir zwar schon kurz sprechen.

Im Alten Hafen in Reykjavik treffen wir den Isländer Sigursteinn bei der Nachbesprechung seiner Whale Watching-Aktion wieder. Er macht solche Aktionen bereits seit 15 Jahren, und so langsam scheinen immer mehr Isländer von seiner Sache überzeugt:

"Wir haben inzwischen den gesamten Stadtrat von Reykjavik hinter uns – quer durch alle Parteien. Jetzt müssen wir nur noch irgendwie zu dem Typen im Walfjord durchdringen."

Sigursteinn Masson

Schon Ende der Woche will er die nächste Aktion vorbereiten, dann im Wal-Museum. Dort werden wir ihn wieder treffen.

Der Walfjord. Das Wetter für Arnes Drohneneinsatz ist jetzt besser. Aber auf dem Walfangschiff tut sich etwas Ungewöhnliches:

"Ich glaub die Harpune ist geladen, aber es ist schwer zu sehen, weil ich das Fernglas kaum ruhig halten kann."

Arne Feuerhahn

Dann macht Arne noch eine Entdeckung:

"Ich glaube der Loftsson ist da."

Arne Feuerhahn

Und tatsächlich: Da kommt der Finnwal-Jäger Kristjan Loftsson den Steg entlang. Morgen steht das Treffen mit ihm an. Jetzt sollten wir aufpassen dass er uns nicht mit dem Aktivisten sieht. Wir befürchten, dass der Waljäger dann einen Rückzieher macht. Ein Testschuss – offenbar wollte er diesen persönlich überwachen.

Der nächste Tag – ein Café am Hafen: Hier wollte uns der Finnwal-Jäger Loftsson treffen. Er ist tatsächlich gekommen. Eigentlich wollten wir ja sehen, wie die Waljagd wirklich abläuft, aber er hat nur das hier zugelassen: ein Interview.

"Die Zuschauer in Deutschland werden sich bloß zu Tode erschrecken, wenn sie einen zerschnittenen Wal sehen, die will ich nicht verstören. Ich stehe euch hier Rede und Antwort. Das muss reichen. Darauf seid ihr doch aus, oder?"

Kristjan Loftsson

Wir sprechen ihn auf die Finnwale an: Er hält sie nicht für bedroht und will in diesem Jahr 150 von ihnen töten. Für die isländischen Bestände sei das kein Problem:

"An der Harpune ist vorne eine Sprengkapsel dran. Die zerreißt im Tier die Blutgefäße zum Hirn. Dadurch ist es sofort bewusstlos."

Kristjan Loftsson

Deutlich überzeugender als ein einzelne Studie wäre, wenn wir die Jagd einmal miterleben dürften. Mehr wird Kristjan Loftsson nicht zulassen.

Medialer Erfolg

Gut zwei Wochen später: Arne hatte Erfolg. Sein Foto in einer deutschen Zeitung. Er hat den Fang einer seltenen Kreuzung zwischen Finnwal und Blauwal dokumentiert. Das löst auch in Island eine neue Diskussion über den Walfang aus.

Am Walmuseum in Reykjavik treffen wir Sigursteinn wieder zusammen mit einem Kollegen. Der isländische Tierschützer wollte ja in der Ausstellung sein neues Projekt vorstellen. Hier hängt auch ein Zwergwal-Modell. Wir erzählen dem Tierschützer, dass wir den Zwergwal-Jäger nicht mehr angetroffen haben. Sigursteinn meint, den Grund dafür zu kennen:

"Der Zwergwal-Jäger hat angekündigt, dass er bald mit der Jagd aufhören will. Momentan sieht er keine Möglichkeit weiter zu machen. Es könnte also sein, das wir sehr bald das endgültige Ende der kommerziellen Zwergwal-Jagd erleben."

Sigursteinn Masson

Nach Ende der Dreharbeiten ruft uns der Zwergwal-Jäger doch noch zurück:

Er hat die Waljagd für dieses Jahr tatsächlich beendet. Wegen der Schutzzone lohnt es sich für ihn kaum noch. Vielleicht gibt er die Waljagd sogar ganz auf. Dann gäbe es nur noch einen letzten Waljäger in Island.


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