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Schöne neue Pflegewelt? Digitalisierung im Altenheim

Pflegenotstand in Deutschland: Zu wenig Pfleger, immer mehr alte, kranke Menschen. Ein möglicher Lösungsansatz: Digitalisierung im Heimalltag. Doch passen Roboter, Kameras und Funktechnik in den sensiblen Bereich der Pflege? Und was sagt der Datenschutz?

Stand: 30.08.2018

Ein Armband, das Alarm schlägt, sobald sich der demenzerkrankte Heimbewohner Richtung Ausgang bewegt. Ein Roboter, der den Pflegebedürftigen Abwechslung im Alltag bringt. Der Arzt, der via Kamera zur Visite zugeschaltet wird. Die Digitalisierung zieht in den Pflegebereich ein, auch auf den Pflege-Messen nehmen die digitalen Hilfsmittel bereits einen großen Raum ein. Sie sollen mit einer Reihe Arbeitserleichterungen den Fachkräftemangel abfedern. Doch es gibt auch Schattenseiten: Bedeutet Technik statt Mensch nicht auch eine gewisse Anonymität – und das ausgerechnet in einer Lebensphase, in der besonders viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl gefragt ist? Oder gleicht die Dauerüberwachung gar einer Entmündigung der alten Menschen?

Daten und Fakten

36.000 Fachkräfte fehlen derzeit im Pflegebereich. (Statistik der Bundesagentur für Arbeit)

Gut 12.500 Stellen in der Krankenpflege sind nicht besetzt. (Statistik der Bundesagentur für Arbeit)

In der Altenpflege sind 15.000 Stellen für ausgebildete Altenpflegerinnen und Altenpfleger sowie weitere 8.500 Helferinnen und Helfer frei. (Statistik der Bundesagentur für Arbeit).

2015 gab es 2,9 Millionen Pflegebedürftige insgesamt (Statistik der Bundesagentur für Arbeit)

2,08 Millionen, also 73 Prozent aller Pflegebedürftigen, werden zu Hause versorgt. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

1,38 Millionen Pflegebedürftige werden ausschließlich von Angehörigen versorgt. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

Fast 700.000 Pflegebedürftige werden ambulant von einem Pflegedienst (mit-)versorgt. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

783.000 Menschen sind auf ständige Betreuung angewiesen und leben in einer stationären Einrichtung. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

Insgesamt sind mehr als eine Million Menschen in der Altenpflege tätig. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

783.000 Fachkräfte arbeiten in den 13.600 stationären Einrichtungen wie Alten- und Pflegeheimen. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

355.600 Pflegekräfte arbeiten bei rund 13.300 ambulanten Diensten. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

85 Prozent aller Pflegekräfte sind Frauen. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

Fast drei Viertel der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit. (Pflegestatistik 2015/Statistisches Bundesamt)

Digitale Entlastung – gerade bei Demenzerkrankungen

Das Armband löst Alarm aus, wenn sich der Patient aus dem Haus entfernt.

Die Menschen werden älter, Demenzerkrankungen nehmen zu. Ein häufiges Symptom der Betroffenen: eine Weglauftendenz, mit der sich die Patienten nicht selten auch in Gefahr bringen. Für das Pflegepersonal ist die Überwachung der dementen Personen eine zeitaufwändige Aufgabe, denn die Türen der Heime dürfen nicht generell abgeschlossen werden. Die digitale Alternative: Die weglaufgefährdeten Personen tragen ein Armband, das Alarm auslöst, sobald sie sich der Ausgangstüre nähern. Das Pflegepersonal kann im Notfall schnell eingreifen. Genauso entlastend können Sturzmatten vor dem Bett sein. Aber auch Überwachungskameras an neuralgischen Punkten ersparen Wege. Eine große Investition für die Heime. Michael Wehner hat investiert: Sein Heim in Bad Bocklet an der Saale ist digital erschlossen. Damit ist er ein Pionier.

"Wir sehen einfach ein Riesenpotential, dass Technik uns Pflegern hilft und die Arbeitsbedingungen erleichtert. Uns Zeit schenkt, die wir den Bewohnern zugutekommen lassen können. Und eine gute Sache, um Junge für den Beruf zu begeistern, Technik ist in jeder Hand."

Michael Wehner, Pflegeheimleiter Seniorenheim am Saaleufer

Der Haken: fehlende Infrastruktur

Doch die Digitalisierung hakt am Saaleufer trotzdem. Und zwar an einer elementaren Stelle: an der fehlenden Infrastruktur. Die Gegend hat eine schwache Internetverbindung. Ein Grundproblem, auf das das Heim keinen Einfluss nehmen kann.

Unauffällig für die Bewohner

Wie kommt die Technik bei den Heimbewohnern an? Sie bekommen davon kaum etwas mit. Die Angehörigen haben den Maßnahmen wie Kameras und Armbändern zugestimmt. Der Datenschutz jedoch muss sehr streng geregelt sein, wird ständig kontrolliert und gegebenenfalls nachgebessert. Denn hier drohen den Heimen im Zweifelsfalle Strafen in Millionenhöhe.

Ferndiagnose durch Telemedizin

Der Hausarzt ist per Livestream in die Wohnung des Pfelgebedürftigen zugeschalten.

Kompliziert wird es in der Pflege auch schnell, wenn ein Arzt benötigt wird. Die Patienten in die Praxis zu bringen, ist oft nicht möglich. Hausbesuche bedeuten für den Arzt einen zusätzlichen hohen Zeitaufwand. Gerade auf dem Land, wo Ärzte großflächig fehlen, Entfernungen weit und die Praxen voll sind, könnte Telemedizin die Pflegenden entlasten. Bei der Telemedizin gibt es Diagnosen aus der Ferne: Ein EKG kann per E-Mail verschickt werden, Fotos von Wunden werden digital versandt und per Livestream gibt es Online-Beratungen. Das entlastet nicht nur den Arzt.  Die Telemedizin hat auch einen Mehrwert für den Pfleger und letztlich für den Patienten. Doch auch hier stellt sich die Frage der Datensicherheit. 

Unterstützung durch Roboter

Pflege-Roboter

Die wohl am meist diskutierte Pflege-Neuerung findet man bislang praktisch in keinem deutschen Heim: Roboter. In die Forschung dafür, wie man künstliche Intelligenz in der Pflege einsetzen kann, wird derzeit aber viel Zeit und Geld investiert. Auch die Roboter sind als Unterstützung gedacht: Sie könnten Routinearbeiten erledigen und Abwechslung in die Freizeit der Pflegebedürftigen bringen. Die Meinungen zu dieser Art der Pflegeunterstützung gehen weit auseinander. Erste Versuche mit Heimbewohnern und Pflegebedürftigen laufen.

Meinungen zum Thema Pflege-Roboter

Felix Carros, Uni Siegen

„Es ist ja vielleicht ganz schön, wenn man dann dem Roboter als Pflegekraft sagen kann – hier, geh doch mal zum Herrn Schmidt und spiel mit ihm ein Quiz. Dann tut der Roboter das tatsächlich. Wir sind uns nicht sicher, wie die Akzeptanz der Senioren ist, wie auch die Akzeptanz der Pflegekräfte ist. Das ist etwas, was wir Schritt für Schritt überprüfen.“

Rainer Wieching, Uni Siegen

„Die technischen Fertigkeiten der Geräte und […] die künstliche Intelligenz wird stetig zunehmen. Das wird sehr schnell gehen, dass die Geräte in der Lage sind, das durchzuführen. Das schon. Nur ob wir das wollen und ob der gesetzliche Rahmen da ist, das werden die wesentlichen Fragen sein, die es zu beantworten gilt. Weniger die Fähigkeiten. Die Fähigkeiten werden kommen in den nächsten Generationen, das ist sicher.“

Melanie Huml, bayerische Staatsministerin für Gesundheit in Pflege

„Wir brauchen auch ganz viele Pflegekräfte, aber wir wissen auch, dass wir sie noch mehr unterstützen müssen, dass wir eben da und dort einen Bedarf an Pflegekräften haben. Und da brauchen wir Unterstützungsmöglichkeiten und das kann die Technik sein. Und in meinen Augen ganz, ganz wichtig: Die Technik soll nicht Menschen ersetzen, aber sie soll sie unterstützen, ergänzen und ihnen helfen […] wenn’s darum geht, mal ein Glas Wasser auf den Tisch zu stellen. Oder der Patient animiert wird, indem ihm stündlich jemand sagt: Bitte jetzt trinken. Solche Dinge, die routiniert ablaufen können, […] damit die Pflegekraft für andere Dinge Zeit hat.“

Stefan Sell, Professor für VWL und Sozialwissenschaften

„Es gibt eine große Erzählung und die lautet: Das wird alles nur ergänzend eingesetzt zu den Pflegekräften, um die Situation zu verbessern. Aber im Hintergrund wirken immer die ökonomischen Interessen. Und das ist erst mal kein Vorwurf. Wenn sie ein auf Gewinn gerichtetes System haben, dann wird in diesem System immer versucht werden, den Gewinn irgendwo rauszuziehen. Und wenn man ebenso einen hohen Anteil an Personalkosten in der Pflege hat, dann muss man irgendwie die Personalkosten drücken.“

Bleibt die Frage nach der Ethik: Ist es korrekt, wenn hilfsbedürftige Menschen eine Art Beziehung zu Maschinen aufbauen? Und wie autonom kann so ein Roboter agieren? Wie wertvoll sind die Freiräume, die für das Pflegepersonal entstehen?

Das Fazit

Menschliche Zuneigung ist nicht zu ersetzen.

Der Pflegeberuf wird sich verändern. Er wird es angesichts des zunehmenden Missverhältnisses zwischen Patienten und Pflegepersonal müssen. Wie viel und wo Technik eingesetzt wird, ist und bleibt ein Balanceakt. Freiheit versus Überwachung? Geborgenheit versus Satt-und-sauber-Pflege. Oder doch qualitative Verbesserung der Pflege durch moderne digitale Technologien?

"Die Entscheidung, ob es gute Digitalisierung oder schlechte Digitalisierung, die es nämlich auch geben kann, die können nur die Betroffenen bzw. die Pflegefachkräfte treffen, diejenigen, die die Verantwortung haben für die Menschen. Die müssen gefragt werden, wie sie diese Technik bewerten."

Stefan Sell, Ökonom und Sozialwissenschaftler

"Ein Roboter hat nicht diese Zuneigung und diese, ich sag jetzt mal Liebe, die wir den Bewohnern geben. Ein Roboter ist halt ohne Gefühl und wir machen viel mit Gefühl und kriegen dadurch von den Bewohnern viel Dankbarkeit zurück. Und das ist das, was den Beruf ausmacht und was man dann auch so schätzt."

Pia Schneider, Altenpflegerin


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