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Nach dem Bergsturz von Bondo Besuch einer gezeichneten Gebirgsregion

Im August 2017 hat sich im Bondascatal einer der größten Bergstürze der Alpen ereignet. Millionen Kubikmeter Gestein lösten sich vom Piz Cengalo. Die Folgen sind bis heute spürbar in einer Region, für die das Tal allein aus touristischen Gründen viel bedeutet.

Von: Kilian Neuwert

Stand: 08.01.2021 | Archiv

Vom Piz Cengalo, dem Nachbarberg des Piz Badile, stürzten unzählige Tonnen Gestein ins Bondascatal.  | Bild: BR/Kilian Neuwert

Ein Grollen, dann Trümmer, die sich aus einer Bergflanke lösen, plötzlich nur noch Staub, der die Sicht vernebelt: einer der größten Bergstürze in der jüngeren Geschichte der Alpen am Piz Cengalo in der Schweiz. Die Folgen sind vor allem im Val Bondasca – im Bondascatal direkt unterhalb des Berges – bis heute zu spüren. In einer besonders für Bergsteiger und Wanderer attraktiven Region der Schweiz sind viele Wege noch immer gesperrt, Hütten sind nicht erreichbar. Kilian Neuwert hat sich drei Jahre nach dem Bergsturz mit den bayerische Alpinisten Daniel Mohler und Christoph Klein auf Spurensuche begeben. Was hat der Bergsturz verändert, was waren seine Ursachen?

Einschneidende Tage auf der Hütte

Die Sasc Furä-Hütte

Für die großen Touren am Piz Badile, dem „Nachbarn“ des Piz Cengalo, ist die Sasc Furä-Hütte ein wichtiger Stützpunkt auf knapp 1.900 Metern Höhe. Die Folgen des Bergsturzes am nahen Piz Cengalo spüren sie hier bis heute. Die Tage im August 2017 haben sich eingebrannt ins Gedächtnis von Hüttenwirtin Heidi Altweger:

"Wir hatten die Hütte voll. Da ruft mich Barbara von der Sciora-Hütte an, außer sich und voll dramatisch: Der Berg kommt. Lass ja niemanden mehr runter. Es ist ganz schrecklich, es kommt alles!"

Heidi Altweger, Wirtin der Sasc Furä-Hütte

Heidi Altweger ist braungebrannt, sie lächelt viel. Doch als sie in der holzgetäfelten Stube von den Ereignissen erzählt, wird sie schlagartig ernst. Es waren die einprägsamsten Tage in ihren 14 Jahren auf der Sasc Furä-Hütte.

Hüttenwirtin Heidi Altweger

Direkt nach dem Bergsturz lief die Rettungsmaschinerie im Tal an: Die Einsatzkräfte versuchten herauszufinden, wer unterwegs war und vor allem wo genau. Die Telefone auf den Hütten wie der Sasc Furä klingelten ständig. Hüttengäste wurden ausgeflogen. Hüttenwirte wie Heidi waren plötzlich Teil des Krisenmanagements. Acht Wanderer wurden vermisst, aber nie mehr lebend gefunden. Zwei von ihnen waren unterwegs zur Sasc Furä-Hütte.

Einen Tag nach den Ereignissen beschloss Heidi Altweger, alles zu putzen wie normalerweise am Ende der Saison, und zuzusperren: "Wir haben funktioniert, einfach mal funktioniert. Es war so eine absurde Situation. Wir hier haben nicht einmal etwas gemerkt von dem Ganzen." Dass Heidi den Bergsturz nicht sah, liegt an der Lage der Hütte. Der Cengalo ist zwar nah, doch wird er durch einen Geländerücken verdeckt.

Weniger Gäste auf der Hütte

Mittlerweile kommen weniger Bergsteiger hinauf als früher, dabei haben die Berge – allen voran der Piz Badile – nichts von ihrem Mythos eingebüßt. Aber einen kurzen Weg hinauf zur Sasc Furä-Hütte gibt es nicht mehr, denn seit dem Bergsturz sind mehrere Wege in der Region gesperrt. Für den neuen Weg zur Hütte braucht man fünf statt zwei Stunden wie früher. Es ist eher ein Steig als ein Wanderweg. "Dieser Weg ist einfach nicht mehr für alle Hüttenbesucher“, sagt Heidi. "Es ist ein schwieriger Weg, zum Teil ein bisschen ausgesetzt. Nicht mehr alle Wanderer können zu uns hochkommen."

2018 – also im Jahr nach dem Bergsturz – konnte sie gar nicht aufsperren. 2019 kamen dann rund 50 Prozent weniger Gäste. Noch dazu ist eine beliebte Durchquerungsroute für Wanderer von den Sperrungen betroffen. Und die Nachbarhütte – die "Sciora" – ist noch immer ganz zu. Im Bondascatal, wo hoch oben die Hütte steht, sind die Wanderwege noch immer offiziell gesperrt. Zwar kontrolliert das dem Vernehmen nach niemand, doch den Behörden ist das Risiko zu groß.

Der Bergsturz im August 2017

So sieht das Flussbett des Bondasca heute aus

Drei Millionen Kubikmeter Gestein sind innerhalb weniger Sekunden zusammengesürzt, wenige Sekunden später auf dem Gletscher aufgeschlagen und haben dort 600.000 Kubikmeter Eis erodiert. Schließlich ist das Eis-Fels-Erde-Gemisch, vermengt mit Wasser, in das Val Bondasca abgestürzt, berichtet Christian Wilhelm. Er ist im Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden Leiter des Bereichs, der sich um den Schutz vor Naturgefahren kümmert. Er erinnert sich gut, wie rasend schnell alles ging:

"Nach dem Stillstand des Bergsturzes ist ein Schuttstrom mit etwa acht Metern pro Sekunde losgebrochen und hat im Val Bondasca die Murgang-Alarmanlage ausgelöst. Man konnte glücklicherweise die Leute evakuieren. Schließlich sind etwa 30.000 Kubikmeter dieses Schuttstromes zwanzig Minuten nach dem Ausbruch am Cengalo im Dorf Bondo im Auffangbecken angekommen."

Weitere Murgänge folgten, bei bestem Wetter. Weil das Auffangbecken bald voll war, überspülten sie eine Straße und zerstörten Häuser. Dass es ein Auffangbecken und ein automatisches Warnsystem gab, war rückblickend großes Glück. Die Behörden hatten den Cengalo schon seit 2011 im Blick. Bereits damals hatte es einen Bergsturz gegeben. Das Ereignis von 2011 aber stand in keinem Vergleich zu demjenigen von 2017.

Die Suche nach der Ursache

Was die Menschen hier weiter umtreibt, ist die Frage nach dem Warum. Doch die Experten haben keine einfache Antwort. Wilhelm spricht davon, dass sich solche Ereignisse ankündigen, zum Beispiel durch vorangehende Abbrüche wie auch am Piz Cengalo: "So große Bergstürze reifen, wie wir sagen. Sie entwickeln sich über Jahrhunderte, eventuell Jahrtausende. Mit der Verwitterung können Spalten entstehen, Wasser dringt ein, es gibt Kluftwasserdruck und es kann sich mit der Zeit eine so instabile Lage einstellen, dass mit der Gravitation eine unaufhaltsame Bewegung talwärts entsteht."

Im Falle des Cengalo können die Experten nicht genau sagen, was letztlich zum Abbruch führte. Außer, dass viel Wasser ins Gestein eingedrungen war. Der Klimawandel könnte dabei ein Faktor gewesen sein, sagt Christian Wilhelm. Er führt zum Abschmelzen von Permafrost im Fels, was Wasser freisetzt.

Was der Bergsturz für Bergsteiger bedeutet

Ein Bergsturz wie der am Cengalo treibt manche Alpinisten um. Denn etliche Berge der Alpen – ob nun im Mont Blanc Gebiet oder hier im Bergell – sind von solchen bedroht. Ein Grund: Der Permafrost schwindet. Er hält Fels zusammen wie Mörtel. Je nach Ausrichtung einer Wand kann er in Höhenlagen ab etwa 2.400 Metern vorkommen. In den Alpen gibt es mehr Permafrost- als Gletscherfläche. In der Schweiz ist das Verhältnis 1:2.

Daniel Mohler, dem Bergsteiger aus München, gibt das zu denken. Bei seinen Touren an hohen Bergen versucht er das Risiko zu kalkulieren. Er beobachtet die Temperaturen, tauscht sich mit örtlichen Bergsteigern aus, steigt vielleicht früher oder später im Jahr ein. Denn um einen Kletterer in Gefahr zu bringen, reicht schon Steinschlag – es muss nicht gleich ein Bergsturz sein.

Brücken bauen als Hoffnungsschimmer

Neue Fußgängerbrücke in Bondo

In Bondo, wo die Murgänge 2017 mehrere Häuser zerstört haben, wurde eine schmalen Hängebrücke für Fußgänger als erstes wieder aufgebaut. Sie sei psychologisch wichtig, da sie zwei Ortsteile verbinde, sagt Gemeindepräsident Fernando Giovanoli.

Für den Ort sind auch die Hütten wichtig, denn das Bergell lockt Touristen an. Neue Wege anzulegen, versichert Giovanoli, sei deshalb im Sinne aller: "Man muss zuerst sagen, Sciora wird auch im nächsten Jahr noch geschlossen bleiben. Wir planen jetzt einen sicheren Weg bis zur Sciorahütte. Wir hoffen eben, dass der Berg ruhig bleibt, dass wir zur Normalität zurückkehren können."

Auch auf der Sasc Furä-Hütte wünschen sie sich einen neuen Weg. Derzeit muss jeder Hüttengast beim Aufstieg eine Schlucht umrunden, um zur Sasc Furä zu kommen. Hüttenwirtin Heidi schwebt eine Abkürzung vor – der direkteste Weg über eine Hängebrücke. "Das wäre so ein schönes Zückerli, sagt man doch. Der Aufstieg, der eh schon mühsam ist - aber da hat‘s eine Hängebrücke. Und diese Schlucht, die sieht man ja sonst nie."

Was aus diesen Überlegungen wird, ist noch offen, drei Jahre nach dem Bergsturz am Piz Cengalo im Bergell.


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