Religion


5

Jüdisches Leben in Bayern Landjudentum

Nach der Vertreibung aus den Städten schlossen sich die meisten Flüchtlinge dem Exodus nach Osteuropa und Italien an. Einem kleineren Teil gelang es, sich auf dem Land anzusiedeln. Auch dort mussten sie sich ihre Duldung durch die jeweilige Obrigkeiten mit diversen Steuern und Gebühren erkaufen.

Stand: 16.01.2016 | Archiv

Osteuropa und Italien an. Einem kleineren Teil gelang es, sich auf dem Land anzusiedeln. Auch dort mussten sie sich ihre Duldung durch die jeweilige Obrigkeiten mit diversen Steuern und Gebühren erkaufen.

Die so genannten "Landjuden" mussten meist verstreut und vereinzelt am Rand der Dörfer wohnen - als Schutzbefohlene einer Ritterschaft, des Adels oder eines geistlichen Hochstiftes. Von den Gemeinderechten waren sie weit gehend ausgeschlossen. Zu den christlichen Nachbarn bestanden selten Freundschaften. Heiratsbeziehungen waren unmöglich, Ehen wurden nur unter Juden nach den israelitischen Gesetzen geschlossen.

Verelendung

Mikwe (Ritualbad)

Über Jahrzehnte hinweg war die wirtschaftliche Lage der Ausgewiesenen bis auf wenige Ausnahmen elend - so elend, dass sie weder einen Rabbiner oder Lehrer bezahlen, noch einen Betraum einrichten konnten. Elementare Rituale jüdischer Lebensführung wie Beschneidung, koschere Ernährung, Schabbat-Regeln oder die rituelle Reinigung in einer so genannten Mikwe konnten kaum praktiziert werden.

Hintergrund - von Schmusern und Hausierern

Hausierer

Der größte Teil der jüdischen Dorfbevölkerung lebte vom Haustier- und Nothandel, da ihm quasi jede Erwerbstätigkeit verboten war. So vermittelten die so genannten Schmuser Geschäfte und Verträge aller Art und wurden dafür kümmerlich, oft in Naturalien, entlohnt. "Stoffjuden" boten der Landbevölkerung Kleidung und Stoffe feil.

Mit Zwergsack, Bauchladen oder Handkarren zogen sie meist die ganze Woche von Dorf zu Dorf. Hausierer waren eine Art fliegende Händler. Mit Kleinkram von der Wagenschmiere bis zum Schnürsenkel versorgten sie die Landbevölkerung mit Waren aus der Stadt, die diese sich sonst nur auf umständliche Weise und zu höheren Preisen verschaffen konnte.

Erst im Laufe von Generationen gelang es den vereinzelten jüdischen Familien, sich wieder als Glaubensgemeinden zu etablieren. Der Mittelpunkt des religiösen Lebens war die Dorfsynagoge.

Jüdische Festgebete, deutsch-hebräisch

Trotz der Wirtschaftskontakte mit den Christen lebten die Dorfjuden von jenen Ghetto-artig separiert. Dabei blieben sie ihrem Glauben treu, der bis in 19. Jahrhundert durch den in hebräischer Sprache und Lettern verfassten Talmud und die in hebräisch gesprochenen Gebete geprägt war.

Soziale Sicherungssysteme

Die Dorfsynagoge war auch das Zentrum des Gemeindelebens: Versammlungsort, Treffpunkt, Schule, Studienzentrum, Bibliothek und Gerichtsgebäude. Die Juden organisierten ein von der christlichen Dorfgemeinde unabhängiges Sozialwesen. Verschiedene karitative Vereine und Stiftungen kümmerten sich um die Versorgung der Wöchnerinnen wie auch um die rituelle Bestattung von Verstorbenen, sogar die umherziehenden Betteljuden fanden gemäß religiöser Verpflichtung Unterstützung.

Im 19. Jahrhundert, als sich die rechtliche und wirtschaftliche Situation der Juden in Bayern, langsam besserte, begann das Phänomen des Landjudentums allmählich zu verschwinden. Vor allem die jüngere Generation zog es in die Stadt, um dort Ausbildung und Anstellung zu finden oder ein Unternehmen zu gründen.

Vernichtung durch die Nazis

Für die abrupte und endgültige Auslöschung der Landjuden sorgte der Terror der Nazis. Sie zerstören die meisten Dorfsynagogen und Friedhöfe, schikanierten und misshandelten die Juden bis zur Deportation in die Vernichtungslager. Nur einem geringen Teil der Landjuden gelang die Flucht ins Ausland. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für sie keinen Grund zurückzukehren: Ihr Gut war "arisiert", also geraubt; die Reste der Dorfsynagogen dienten als Scheunen oder Lagerräume, die jüdischen Friedhöfe waren verrottet.

Landjudentum - neu entdeckt

Erst in den vergangenen Jahrzehnten ergriffen engagierte Bürger und Gemeinden Initiativen, um ins Ausland emigrierte jüdische Dorfbewohner wenigstens zu einem Besuch ihrer alten Heimat einzuladen. Parallel begann man damit, die bauliche Zeugnisse jüdischen Lebens auf dem Lande zu restaurieren, um damit die Erinnerungen an das Landjudentum in Deutschland wieder wachzurufen.

Beispiel - Projekt Memmelsdorf

Besucher in Memmelsdorfer Synagoge

Fast alle jüdische Landgemeinden hatten auch eine Synagoge, so auch das unterfränkische Memmelsdorf. Nach dem Ende der NS-Herrschaft verkam das Gebäude jahrzehntelang als Werk- und Lagerraum. Heute wird es als Stätte für Begegnung, Bildung und Toleranz genutzt - besonders für Schüler und Jugendliche. Das Projekt Memmelsdorf im Detail:


5