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Reisen im Winter Vom beschwerlichen und lustvollen Sichfortbewegen im Dezember

Reisen im Winter wird immer beliebter. Früher hingegen war es extrem beschwerlich und lebensgefährlich. Tausende Flüchtlinge mussten im Winter 1945/46 diese Erfahrung machen. Ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Auch in der Familie von Andreas Höfig.

Von: Andreas Höfig

Stand: 12.12.2019 | Archiv

Winter, Eis und Schnee! In meiner Familie hat das Wort "Winter" einen ernsten, einen besonderen Klang. Etwas Bedrohliches, etwas Fatales schwingt da mit, etwas, das meinen Vorfahren seit Generationen die Glieder lähmt, uns erstarren lässt und kalte Schauer über den Rücken jagt. In unserer Familiengeschichte steht unauslöschbar eingemeißelt: Der Winter ist kein Spaß! Reisen im Winter kam für uns deshalb überhaupt nicht in Frage!

Die erste Reise – ausgerechnet im Februar

Und trotzdem fiel meine allererste Reise ausgerechnet in den Februar. Länger konnte nicht mehr damit gewartet werden. War ich doch bereits 4 Wochen überfällig und wuchs im Leibe meiner Mutter weiter und weiter heran – zu bedrohlicher Größe. Der Hausarzt war abends wiedergekommen, saß auf dem Bettrand und drohte – nach eingehender Untersuchung – der Hochschwangeren mit Überweisung ins Krankenhaus und Kaiserschnitt.

Lange hatte meine Mutter - eingedenk der schlechten Familienerfahrung mit dem Winter versucht, "meine Ortsveränderung" hinaus in den Februar aufzuschieben, was ich über die Nabelschnur wohl 10 Monate lang mit aufsog. Lange hatten wir beide uns erfolgreich gegen das Unvermeidliche gesträubt. Doch angesichts der Drohung des Arztes, mich gewaltsam zu holen, sahen wir nun auf die Minute den Zeitpunkt gekommen, mich auf die Reise zu schicken: So erblickte ich, Andreas Höfig, am frostigen 28. Februar 1961, in der Felsenstraße Nr. 2, in Stein bei Nürnberg, - das kalte Winterlicht der Welt.

Gärtner reisen nicht im Winter – sie heizen

Die unerträglichen Wehen und unvermeidlichen Verletzungen die meine 64 Zentimeter Körpergröße der Mutter zugemutet hatten, sowie die mäßigen "Außentemperaturen" im Schlafzimmer, die zu erhöhen ein von meinem Vater eigenhändig zusammen geschweißter Kanonenofen im Wohnzimmer trotz glühenden Blechs nicht schaffte, ließen mich zur frühen Überzeugung kommen, dass "Reisen im Winter" künftig zu vermeiden sei! Damit stimmte ich nicht nur in den Kanon meiner Vorfahren ein, sondern auch in die Berufstradition meiner Eltern - eines Gärtners und einer Blumenbinderin. Gärtner reisen nicht im Winter, sie heizen Gewächshäuser, seit frühester Zeit.

Reisen im Winter kam für unsere Familie nicht in Frage! Nicht nur wegen des Heizens. Für Gärtnereien beginnt alljährlich mit den ersten Nachtfrösten die vierte Hauptsaison. Gräber werden abgeräumt und mit Tannenreisig abgedeckt. Zu Allerheiligen und zum Totensonntag ordern Kunden Gestecke und anderen tröstlichen Grabschmuck. Und in meiner Kindheit gab es den Adventskranz noch nicht als trockenen Billigartikel im Baumarkt.

Bahnreisen im Winter

Von Zeit zu Zeit folgte ich meinem Vater hinunter in den Heizraum, wo er einige Schaufeln schwarzen Kokses ins glühende Maul des leise brodelnden Kessels warf. Womit meine spätere Leidenschaft für Dampfkessel jeglicher Art hinreichend erklärbar ist. Bahn-Reisen im Winter waren kein Thema in unserer Familie! Und doch erinnere ich mich sehr genau an die erste Reise, die ich auf Schienen unternahm. Sie fand im Winter statt, Anfang Dezember 1964, und ging vom Nürnberger Hauptbahnhof im Nachtzug nach Celle, wo mein Großvater väterlicherseits Geburtstag feierte. So stand ich fast 4-jähriger Knirps abends auf dem zugigen Bahnsteig, an der Hand meines Vater. Er in seinem schweren Wollmantel – großes weiß-schwarzes Fischgrätmuster, Hut und Koffer. Ich – mit Pudelmütze, Mantel und Strumpfhosen unter den langen Hosen ausstaffiert – und ebenfalls ein kleines Pappköfferchen (das ich heute noch besitze) fest in der Hand.

Es war kalt, zugig, laut und voller Menschen. Doch ich fühlte mich sicher, wie sich nur Kinder an der Hand der Eltern sicher fühlen können. Mein Vater beugte sich plötzlich zu mir hinunter, drückte zart meine Hand die in seiner lag und sagte: "Du hast ja Öfchen in den Händen, richtige Öfchen". So heiß waren meine Finger also, dass ich damit die beschützende, große und kräftige Gärtnerhand meines Vaters wärmen konnte. Der Stolz darüber erhöhte meine Körpertemperatur um mindestens weitere zwei Grad und schon stampfte die Dampflok in den halbdunklen Bahnhof ein.

Das erste Mal etwas "erfahren" – unvergesslich

Das erste Mal hinterlässt meist einen unvergesslichen Eindruck. Das gilt auch fürs Reisen im Winter, fürs Fahren - wenn man zum ersten Mal etwas "erfährt". Das Zweite, das folgende ist das Gewohnte. Trotz aller Begeisterung für Reisen – Reisen im Winter war in meiner Jugend nicht das Übliche. Uns Kindern genügte das kleine Schlittenbergerl im angrenzenden Park unseren sportlichen Ehrgeiz vollauf auszuleben. (Ein Wunder dass der Hügel im Frühjahr nicht völlig von unseren Kufen abgehobelt war). Meine Eltern arbeiteten schwer in der Gärtnerei, hatten also keinen sportlichen Ausgleich für irgendwelche sitzende Bürotätigkeit nötig.

Früher: wochenlange Vorbereitungen für einen Skiurlaub

Skiurlaub war nie Gegenstand von Überlegungen. Bis ich im Gymnasium, in die 11. Klasse kam. Ein Klassenausflug auf die Hohe Salve in Österreich war ausgeschrieben und wurde eine Winterreise, die den Namen wirklich verdiente. Zu dieser Klassenfahrt gehörten wochenlange Vorbereitungen – in Form von Skigymnastik im Sportunterricht, Planungen welche Ausrüstung nötig sei und eine lange Zeit geteilter Vorfreude - bis der Bus endlich losfuhr.

Heute: Last minute, Tagesskifahren, Sonne im Dezember

Die Welt ist seitdem schneller geworden, eilt von Event zu Event. Und wer rennt, hat weniger Zeit – auch für das Schöne. Tempo, Speed – wir jagen nach dem Glück und suchen es spontan, - auf dem kürzesten Weg. "Last minute"-Reisen sind im Angebot. Früher wochenlange Vorbereitungen, heute eher spontane Tagesskifahrten mit Betonung auf dem Faktor "nette Leute kennenlernen". Skifahrer stürzen sich jedes Wochenende wie die Lemminge auf die kunstschneebeschneiten Pisten der Alpen und in die Après-Ski-Bars. Gleichzeitig locken unzählige Reiseagenturen mit "Sonne im Dezember", "Badeurlaub auf den Kanaren", "Tauchurlaub in Ägypten". Zu Schnäppchenpreisen geht es "last minute" mit dem Billigflieger bis nach Fernost und in die "DomRep". Ein Reisen im Winter – weg vom Winter.

Schreckliche Reisen – an Orte des Verderbens

Eine Reise ist laut Definition "eine meist lange Fahrt von einem Ort zum anderen". Was hierbei fehlt, ist der Grund für das Ereignis: Ist es eine Urlaubsreise, ein Kuraufenthalt, eine Welt-, eine Geschäftsreise oder eine Expedition. Meist wird vorausgesetzt, der Reisende gehe freiwillig seinen Weg, doch manches mal eben auch nicht. Viel zu oft wurden Bayern unfreiwillig an Orte des Verderbens geführt – und immer wieder im Winter. Bayerische Soldaten folgten Napoleon nach Russland und ertranken am 28. November 1812 in der Beresina. Wenige ihrer späteren Waffenbrüder überlebten die Schlacht um Verdun, die am 21. Februar 1916 begonnen hatte und mit 700.000 Toten am 20. Dezember, neun bluttriefende Monate später, endete. Im Kessel von Stalingrad wurden bis zum Ende am 2. Februar 1943 unzählige Soldaten verheizt. Meine Vorfahren wurden als Zivilisten vom "größten Feldherrn aller Zeiten" auf eine Reise geschickt, gehetzt, gejagt, auf eine "Reise" die sich tief in unser Gedächtnis eingegraben hat.

Flucht aus Schlesien nach Bayern und Thüringen – ein Familientrauma

Getränkeausgabe an Flüchtlinge im Jahr 1945 an einem Bahnhof in Westdeutschland

Wer mit den immer wiederkehrenden Erzählungen über die Flucht im Februar 1945 von Eltern, Tanten und Onkeln aufwächst, der entwickelt unweigerlich eine Skepsis gegenüber "Ortsveränderungen" in der kalten Jahreszeit und einen instinktiven Respekt vor dem Winter. Mein Vater und meine Mutter erlebten als Kinder die Flucht aus Schlesien nach Bayern und Thüringen. Damals kannten sie sich noch nicht einmal und erlitten doch ähnliches. Meine Mutter, von der ich die Geschichten immer wieder hörte, ist 2005 gestorben – aber meine Tante erzählt das Erlebte mit dem gleichen heiligen Entsetzen. Ein Familientrauma!

"Wir waren zur Flucht neun Personen. Ich war 13 Jahre alt, meine Schwester Hanna war fünf, der Johannes war 6, und der Rudolf war gerade 2 Jahre, als wir 1945 fort sind. Wir mussten am 21. Januar 1945 fliehen. Es waren ungefähr 25 oder 26 Grad Kälte. Und wir haben draußen vor dem Haus gestanden und gefroren und dachten wir werden abgeholt, aber es kam nichts. Wurden wir wieder reingeschickt ins Haus und es hieß, morgen kommt ein Auto. Und dann haben sie uns weggeschickt, bis vor die Sparkasse an die Ecke, das war ein ganzes Stück und haben uns dort stehen lassen. Bis es auf einmal hieß, wir müssen alle zum Bahnhof laufen, im Schnee. Es war sehr hoch Schnee bei uns und wir waren alle so schnell wie wir laufen konnten, mein Bruder mit 2 Jahren im Kinderwagen mit doppelseitiger Lungenentzündung, sind wir bis zum Bahnhof in der Stadt ungefähr einen Kilometer mit dem Wagen gefahren. Und da haben sie die Leute auf den offenen Güterzug gejagt durch dieses kleine Tor. Und das war so furchtbar und die Menschen haben geschrien und geweint und die Kinder haben geschrien und geweint."

Emma Heinrich

Blankes Entsetzen, das sich tief eingrub

Nein, es war keine Reise, die meine Mutter, mein Vater, meine Onkel und Tanten im Winter 1945 erlitten. Es war das blanke Entsetzen, das sich tief eingrub in ihr Innerstes. Als ich meine Mutter das letzte Mal danach fragte, sie war damals 75, lag sie im Pflegeheim im Bett, und während sie erzählte, das Unfassbare der Flucht in Worte zu fassen suchte, ging ihr Blick irgendwo ins Leere, in den kalten Wintertag im Februar 45, ihre Finger krallten sich in die Bettdecke, an der rechten Hand den Ehering (den ich heute an meinem Finger trage) und ihre Füße fingen an, unruhig zu werden, zu laufen, immer weiter zu laufen unter der schneeweißen Bettdecke, laufen - irgendwo hin, nur weg, weg in Sicherheit. Dabei wirkte meine Mutter weniger wie eine Erzählerin, denn als Sprachrohr einer vor Zeiten verwundeten Kinderseele – bis ich ihren kräftezehrenden Monolog unterbrach und ihre heiße Hand hielt.

"Die Flucht im Winter" – mein Familientrauma

Mein Vater sprach gefasster vom Erlebten. Männer reden nicht über Traumata, Männer müssen stark sein, schaufeln Gefühle zu, scheinen gelassen damit fertig zu werden, doch sie leiden unter der harten Schale ebenfalls – nur still. "Die Flucht im Winter" ist mein Familientrauma. Doch zugleich verdanke ich jenem unfreiwilligen Reisen, dass es mich gibt, und dass ich in Franken zur Welt kam. Meine Eltern lernten sich erst im thüringischen Leimbach kennen. Beide gingen noch vor dem Mauerbau illegal über die Zonengrenze nach Erlangen. Dort wurden sie ein Paar, pachteten später in Stein bei Nürnberg eine Gärtnerei, zogen in Franken vier Kinder groß, bauten schließlich ein Haus, und trennten sich nach 35 Jahren Ehe wieder. Auch die zweite - selbstgeschaffene Heimat ging so verloren - in zu viel Arbeit, in zu großer Erschöpfung.

Heimat – ein flexibler Begriff

Selbst wir, die Kinder, führen heute noch ein ziemlich ruheloses Leben, schlagen nie für lange Wurzeln, einer meiner Brüder wohnt nun in der Südsee, auf Samoa. Bewunderungswürdig und beängstigend zugleich kommen mir meine bayerischen Freunde vor, die bodenständig behaupten können: "Meine Familie ist seit 200 Jahren auf dem Hof". Heimat bleibt für mich ein flexibler Begriff. Für einige Jahre fand ich wenigstens eine Art weihnachtliche Heimat, ein beständiges Gefühl des Hingehörens, nämlich dann, wenn ich mit meiner Mutter in der Kapelle des Pflegeheims in dem sie zuletzt wohnte, Weihnachten feierte. Gebrechliche Menschen reisen nicht mehr, schon gar nicht im Winter. Die Kreise die sie ziehen werden immer kleiner. Aber sie machen Zeitreisen, erzählen die Geschichten ihres Lebens, die das Langzeitgedächtnis großzügig bereitstellt.


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