BR Heimat

Bayerisches Feuilleton Wenn Dichter Werbung machen

Samstag, 30.03.2019
08:05 bis 09:00 Uhr

  • Als Podcast verfügbar

BR Heimat

Ein Auto, in dem man überlebt
Wenn Dichter Werbung machen
Von Joseph Berlinger

Wiederholung am Sonntag, 20.05 Uhr, Bayern 2
Als Podcast und in der Bayern 2 App verfügbar

Die Dunkelziffer ist hoch. Schriftsteller, die Werbetexte schreiben, gibt es viele. Es gab sie schon, bevor die Welt dem Konsumrausch verfiel. Wladimir Majakowski, sowjetischer Vorzeigedichter, schrieb Reklameverse für Entlausungsmittel. Im späten 19. Jahrhundert stand der Schwabinger Frank Wedekind, der Großmeister der Kleinkunst, im Dienst von Julius Maggi. Dabei arbeitete der Moritaten- und Bänkelsänger meilenweit unter seinem Niveau: "Vater, mein Vater! Ich werde nicht Soldat / dieweil man bei der Infantrie nicht Maggi-Suppen hat! / Söhnchen, mein Söhnchen! Kommst du erst zu den Truppen / so isst man dort auch längst nur Maggi´s Fleischkonservensuppen …"

Im Jahre 1926 hatte Bertolt Brecht noch wenig Geld, wünschte sich aber ein neues Auto. Also machte er mehreren Firmen ein Angebot: Biete Werbegedicht, möchte Straßenkreuzer. Steyr ging auf den Deal ein. Und erhielt von Brecht einen Slogan: "Unser Motor ist: / Ein denkendes Erz." Brecht bekam seinen Neuwagen - und fuhr ihn zu Schrott. Der Dichter, schon in jungen Jahren ein alter Fuchs, dichtete den nächsten Slogan: "Ein Auto, in dem man überlebt …" Steyr ließ sich nicht lumpen und belohnte Brecht mit einem neuen Auto.

Joseph Berlinger erinnert an die beim Werben dilettierenden Altmeister der Dichtkunst und befragt ein paar zeitgenössische Schriftsteller, die schon mal schwach geworden sind. So wie Charles Bukowski, der Held des amerikanischen Undergrounds, der als Werbetexter für ein Luxusbordell jobbte.

Hörkino zum Frühstück statt Frühstücksfernsehen

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