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Fährmann – hol über! Die Zukunft der Mainfähren

Sie verbinden Menschen von hüben und drüben, können aber auch Familien und ganze Dörfer entzweien. Sie werden Gegenstand von Bürgerentscheiden und Opfer der Bürokratie. Und man kann auf ihnen sogar Ja sagen: auf den Fähren am Main.

Von: Jürgen Gläser

Stand: 31.07.2018 | Archiv

Die Mainfähren sind offizieller Teil des Straßennetzes in den Landkreisen Würzburg, Schweinfurt und Kitzingen. Für Einheimische, vor allem für Berufspendler, sind sie der kürzeste Weg zur Arbeit. Und für Touristen ist die Fahrt mit einer der Mainfähren ein kleines Ereignis, eine willkommene Abwechslung vom Alltag, kurz: eine Attraktion.

Noch gibt es sechs Fährverbindungen

Heute gibt es noch Fährverbindungen in Wipfeld, Eisenheim, Fahr am Main, Nordheim, Dettelbach und in Mainstockheim. Gerade einmal drei Autos haben auf den bis zu 50 Jahre alten Mainfähren Platz. Dazu kommen Fußgänger und Radfahrer. Dann tuckert sie los, die Fähre, und gleitet gemächlich hinüber zum anderen Mainufer.

Augen offen halten

Im Fährmann-Alltag heißt es dann: Augen offen halten. Denn große Güter- oder Hotelschiffe haben auf der Bundeswasserstraße Main immer Vorfahrt. Und ein Zusammenstoß hätte fatale Folgen, sagt Jochen Stullier, der die Fähre zwischen Mainstockheim und Albertshofen bei Kitzingen fährt.

"Ich muss immer erst schauen: Ist frei, kann ich fahren? Denn große Schiffe machen uns platt. Das dauert keine Minute, dann wären wir weg. Die Fähre ist ja offen – wie eine Badewanne mit Brettern darauf."

Jochen Stullier, Fährmann

Die Fährmänner haben aber natürlich Hilfsmittel wie Funk und das AIS – das Automatische Identifikations-Signal. Binnenschiffe, die zwischen den Schleusen verkehren, werden darauf angezeigt. Mit den großen Schiffen haben die Fährleute aber meist keine Probleme. Was sie zunehmend ärgert, sind die rücksichtslosen Freizeitkapitäne, die Besitzer von Motorbooten und Yachten, die keine Rücksicht nehmen auf die beschaulich kreuzenden Mainfähren.

Die Mainfähre in Nordheim – in jeder Hinsicht besonders

Am Altmain, zwischen Escherndorf und Nordheim, sind es im Sommer die Kanu- und Paddelbootfahrer, die oft den Stahlseilen in die Quere kommen, von denen die Fähre gezogen wird. Die Mainfähre in Nordheim ist in jeder Hinsicht besonders. So bietet sie einen Ausblick auf die Winzerorte ringsum sowie auf die Vogelsburg. Und auf ihr arbeitet die einzige Fährfrau auf dem Main: Judith Flammersberger.

"Meine Großeltern und Eltern hatten die Fähre als Familienbetrieb. Ich war als Kind schon immer gern am Wasser, bin hier geboren. Und irgendwann hab ich gesagt, ich legalisiere die Geschichte und mache meinen Führerschein. Ich habe den schönsten Arbeitsplatz der Welt."

Judith Flammersberger, Fährfrau

Eine lange Tradition

Die Fähren am Main haben eine lange Tradition und Geschichte. In Würzburg wird schon um das Jahr 1030 – und damit gut 100 Jahre vor dem Bau der ersten Steinbrücke – ein Fährprivileg vergeben. 1103 wird in Ochsenfurt ein Fährrecht bewilligt, 1282 findet sich die erste Erwähnung einer Fähre in Schweinfurt und auch Kitzingen bekommt schließlich um das Jahr 1300 ein Fährrecht.

Die ersten Fähren sind einfache Einbäume. Es folgen Schelche und Kähne. Doch schon im Spätmittelalter können die Fähren auf dem Main ganze Fuhrwerke transportieren. Reinhard Worschech, der frühere Bezirks-Heimatpfleger hat in alten Büchern dafür Hinweise gefunden.  

"Von 1500 an ist zu lesen, dass die Fährmanner eine fliegende Brücke bereitzustellen haben, von 4 bis 21 Uhr, die 18 Eimer Wein auf einem Wagen, vier Pferde und vier Männer tragen kann. Also so viel musste die Fähre leisten."

Reinhard Worschech, früherer Bezirks-Heimatpfleger

Der Bau der Mainbrücken bedeutet gleichsam den Tod der einst so wichtigen Fähren. Sie verlieren zunehmend an Bedeutung. Übrig bleiben Fähren als Verbindung zwischen kleineren Orten. Nach dem 2. Weltkrieg erlebten die Fähren am Main noch mal einen kurze Blütezeit, weil damals alle Brücken zerstört waren.

Streit zwischen zwei Dörfern – mit überraschendem Ergebnis

Die Obereisenheimer Fähre

Heute sind die Mainfähren mitunter aber auch ein Politikum. Denn Geld lässt sich mit ihnen nicht verdienen. Im Gegenteil: Die Kommunen legen alljährlich drauf. In einigen Orten gab es deshalb in den letzten zwei Jahrzehnten sogar Bürgerentscheide, wenn es um die Zukunft der Fähren ging. Zum Beispiel in der Martkgemeinde Eisenheim. Die Kosten des nötigen Umbaus wurden dort seinerzeit auf eine Million Euro geschätzt. Die Gemeinde sollte davon 400.000 Euro schultern.

Den 700 Bürgern im Ortsteil Untereisenheim war das zu viel, die rund 600 Einwohner von Obereisenheim wollten aber ihre Fähre vor der Haustür behalten. So kam es am 23. Januar 2011 zum Bürgerentscheid – mit einem überraschend deutlichen Ergebnis: Die Fähre soll bleiben. Im Frühjahr 2013 wurde die komplett umgebaute Obereisenheimer Fähre eingeweiht. Die Kosten lagen am Ende bei 1,1 Millionen Euro.

Hochzeit mit Hindernissen

Karl-Heinz und Karin Rügamer

Das wohl kurioseste Kapitel rund um die Fähren am Main wird am 16. August 2008 geschrieben. An diesem Tag besiegeln Karl-Heinz Rügamer und Karin Erdmann den Bund fürs Leben – auf der Fähre Christina, die zwischen Mainstockheim und Albertshofen verkehrt. Die Trauung wird zum Medienereignis, und es gibt Ärger. Das Innenministerium vermisst bei einer Trauung unter freiem Himmel den nötigen Ernst. Doch Karl-Heinz Rügamer und seine Frau Karin leben noch heute glücklich verheiratet in Mainstockheim. Und bis heute gab es 17 weitere Trauungen auf den Mainfähren.


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